Wir errichten Utopia auf unseren Zungen.

Oder:
Sternchen, Binne, Strich – Fertig ist die Gender-Sicht.

„In dieser Arbeit wird das Binnen-I verwendet, um männliche und weibliche Mitglieder von genannten Gruppen und Problematiken bei der Verwendung des generischen Maskulinums sprachlich sichtbar zu machen. Wenn dagegen eine Gruppe angesprochen wird, die ausschließlich aus Männern bzw. Frauen besteht, wird auf das Binnen-I zu Gunsten einer schriftlichen Sichtbarmachung der Ausschlüsse verzichtet.“
Meine Erklärung zur Verwendung des Binnen-Is in einer meiner Hausarbeiten.

Mein sozialer Bezugskreis kennt alle Handgriffe des Genderns. Ob Gender-Stern, Gender-Gap, Binnen-I oder absichtlichem generischen Maskulinum „um die Feministinnen zu ärgern“, ich kann mich schwerlichst über eine mangelnde Auswahl beschweren. Ganz in der postmodernen Tradition sind (fast) alle getrieben von dem Drang, keinen Menschen (und sonstige, als schützenswert eingeordnete Tiere) durch ihre Sprache bewusst und unbewusst zu diskriminieren, einzuordnen und zu verurteilen. Auch ich gendere. Ich wählte den Gender-Stern aus, um einen Kompromiss zwischen schlichter Lesbarkeit meiner Texte und der Diskriminierungsfreiheit zu finden. Trotz alledem ist meine Sicht auf die kulturelle und symbolische Praxis des Genderns nicht absolut positiv. Als Einstieg in meine Überlegungen oder vielmehr Bedenken möchte ich zwei Hypothesen vorne heran stellen:

1. Gendern ist nach wie vor ein sprachliches Phänomen, welches hauptsächlich im linksintellektuellen Milieu vorkommt, also nicht gesamtgesellschaftlich etabliert ist. Deshalb kann geschlechtergerechte Sprache trotz aller achtenswerten Intention relevante gesellschaftliche Ausschlüsse, besonders in der Textrezeption, produzieren.

2. Komplett konsequent geschlechtergerechte bzw. politisch korrekte Sprachanwendung kann real existierende Diskriminierung und Ausschlüsse zu Gunsten unsichtbar machen. Dabei wird grundsätzlich die Konstruktion einer Welt, wie sie im Sinne der Autor*innen sein sollte, einer Beschreibung der realen Verhältnisse voran gestellt.

Zu 1)
Bevor ich bei der Grünen Jugend aktiv wurde, war gendern mir gänzlich unbekannt. Als ich vor einem Jahr an die Universität kam und geschlechtergerechte Sprache in meinen Alltag ejakulierte, war ich bereits sehr vertraut mit den dahinter stehenden theoretischen Überlegungen und der Ablehnung des generischen Maskulinums. Trotzdem war das Auftreten geschlechtegerechter Sprache stark lokalisiert, sprich: Auf dem schwarzen Brett im Ethnologie-Institut suchte jemand zwar „Mitbewohner_innen“ und die linksautonomen Lesekreise warben fleissig „Interessent*innen“ an, kaum verließ ich jedoch einen gewissen Radius in der Uni (bzw, gleichbedeutend, Friedrichshain und Kreuzberg), verschwanden diese öffentlich-wirksamen Zettel von den Laternenpfählen. Diese Beobachtung lenkt den Blick auf die Ursprünge und Bedingungen geschlechtergerechte Sprache: Ein grundsätzlich gebildetes und linkes Umfeld.
Sich auf diese Weise kritisch mit der eigenen Sprachanwendung auseinander zu setzen, setzt eine gewisse Sensibilität für gesellschaftliche Problematiken voraus. Sensibilität sei dabei als ein Sozialisierungsphänomen gedacht. Fehlt diese Sozialisierung, verliert der Strich zwischen Nomen und weiblichem Pluralschwänzchen all seine Bedeutung, wird zum Beiwerk degradiert. Ist Sozialisation vorhanden, kann sich eine Person natürlich immer noch in sich legitimen, intellektuellen oder sprachkonservatorischen Gründen gegen das Gendern entscheiden. Im schlimmsten Falle für die Genderer*innen (Achtung, Gendermonster auf 12 Uhr!) führt dies dazu, dass ein solcher Text, gespickt mit lauter Lücken und Sternchen, nicht mehr von eventuellen Rezepient*innen gelesen oder ernst genommen wird. Grundsätzlich wird den Leser*innen durch die Verwendung durchgegenderter Sprache – offensichtlicher als über jede andere schriftliche Praktik – demonstriert, dass Sprache meist nur die Vorstellungen des Sprechenden übermittelt, ob bewusst und unterbewusst. Ein gewisser Grad der Verwunderung mag auch daraus her rühren, dass sich die Abwesenheit von Nicht-Männern durch die Verwendung des generischen Maskulinums zur Normalität erklären ließ und sich in „unserer“ Definition „korrekter“ Sprache eingeschrieben hat. Vor diesem Hintergrund ist eine Handlungsempfehlung denkbar schwierig aufzustellen. Was jedoch bleibt ist ein Vermittlungsproblem, welches so lange bestehen bleiben wird wie geschlechtergerechte Sprache ihre biologische Nische in der politischen Linken und den Hörsäälen behalten wird. Da die Intention des Genderns von sich aus edel und positiv ist, verwässert diese restriktive Verwendungsweise den Einschlag sprachlicher Kastration. Im Gegenzug wird es immer mehr zum formalen Identitätsmerkmal des Linksintellektualismus, einer erstrebenswerten Charaktereigenschaft mit Sendewirkung nach Innen.

Zu 2)
Als ich über meiner Hausarbeit zur amerikanischen Science Fiction in den 50er Jahren und dem Einfluss des Kalten Krieges auf diese saß und die Ereignisse des 1950er Films „The Thing from Another World“ beschreiben sollte, sah ich mich vor einer sprachlichen Zwickmühle: Einerseits hatte ich bei der Beschreibung der amerikanischen „culture of preparedness“ darauf geachtet, ebenfalls Frauen mit einzubeziehen (die nachweislich in den vielen ehrenamtlichen Diensten für Vater Staat engagiert waren), andererseits hatte der „The Thing“-Cast eine höhere Männerquote als die neu gewählte Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Unter den Wissenschaftlern (sic!) gab es _keine_ Frau. Wie war in diesem Sinne zu gendern? Sollte ich die Möglichkeit zu lassen, dass entweder einer der Schauspieler oder einer der Charaktere trans* war oder sich als weiblich bzw. gar nichts einordnete?
Ich entschied mich dazu, in diesem Falle explizit nicht zu gendern. Hier können gut die Unterschiede verschiedener Gender-Stile beleuchtet werden: Hätte ich nur die Intention gehabt die patriarchale Sprachstruktur zu entblößen, dann hätte ich weiterhin von den Wissenschaftler*innen schreiben können. Dagegen versuchte ich, die tatsächliche Geschlechtsverteilung in den beschriebenen Gruppen zu beschreiben, was in Anbetracht der zu Schau gestellten gesellschaftlichen Ausschlüsse dazu führte, dass bestimmte Berufsstände im Kontext der Beschreibung des Filmcasts nicht gegendert wurden. Wir könnten diese beiden Stile unterscheiden in normatives Gendern und deskriptives Gendern. Deskriptives Gendern mag die Realität eher abbilden, leidet trotzdem an denen unter 1) illustrierten Lokalitätsproblemen. Normatives Gendern dagegen macht noch eine ganz andere Kiste auf: Es bewegt sich und nutzt sogar das steile Hierarchiegefälle innerhalb der sprachlicher Kommunikation. Während ich unter 1) bereits kurz angesprochen hatte, dass Sprache immer persönliche Auffassungen von den Sprechenden abbildet, schwingt noch etwas Gravierenderes mit.
Wir gendern, weil wir eine Welt ohne geschlechtliche Diskriminierung und Abwertung wünschen. Die mutwillige Kastration unserer eigenen Sprache gibt uns das starke Gefühl, aktiv auf dieses Ziel hin zu arbeiten und andere Menschen zum Nachdenken zu bringen. Wir errichten Utopia auf unseren Zungen. Mit besonderem Blick auf die uns umgebene Welt formen wir unsere Wünsche sprachlich vor. Was dabei Gefahr läuft nicht mehr vorzukommen, ist die tatsächlich stattfindende Diskriminierung, die unter Umständen keine Möglichkeit mehr findet, sich in der Alltagssprache niederzuschlagen, sich damit zur Bekämpfung sichtbar zu machen. Ein simples Beispiel: Katholische Priester*innen. Deskriptiv zu gendern ist grundsätzlich möglich, der*die Sprecher*innen kommen dabei aber schnell in die Verlegenheit, sich der innersten (unter)bewussten Gedanken und Anpassungsängste der beschriebenen Menschen bedienen zu müssen, um die Verwendung nachvollziehbar zu begründen. Normativ gegendert suggeriert das Nomen schlicht, dass es männliche, weibliche Personen im Priester*innenamt gibt, die sich nicht einordnen können und wollen. Außerdem seien deren Anteile so hoch, als dass sie in einer einfachen Aufzählung die kritische Masse einer Nennungsbedürftigkeit erreicht haben. Oder anders ausgedrückt: In einer Konstellation von 20 Priestern, 1 Priesterin und 0 Priester* wäre „Priester*innen“ aufgrund der nicht angebrachten Verwendung eines Plurals im weiblichen Wortbestandteil schlicht falsch. Und selbst wenn es zwei Priesterinnen gäbe: Komplett durchgegendert bleibt dieser Umstand in der Sprache nicht erfasst, wenn nicht gesondert auf ihn hingewiesen wird. Die Frage ist: Was bringt es Menschen in Berufen, in denen sie aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert werden, wenn wir sprachlich so tun, als gäbe es diese Probleme nicht und Trans* Priester*innen könnten sich in der Realität genauso sichtbar machen wie wir es in unserem Sprachgebrauch tun?

Gendern ist nicht des Rätsels Lösung. Es ist an bestimmte Mengen kulturellen Kapitals gebunden und kann tatsächliche Diskriminierung im schlimmsten Falle unsichtbar machen. Um gesellschaftlich wirksam zu sein, bedarf es weiterhin mehr Aufklärung und eine Sensibilisierung für die eigene Sprache denen mit ihr beidseitig verschränkten Denkstrukturen und vielleicht auch ein weniger dogmatischer Anspruch. Wenn Gendern universell als eine legitime Protestform und begründete Sichtbarmachung anerkannt wird, kann es seinen Teil zur Errichtung von Utopia auch endlich an der wirklichen Welt tun; und das, was es auf unseren Zungen tanzend gelernt hat, in die Tat umsetzen.

Ein Gedanke zu “Wir errichten Utopia auf unseren Zungen.

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