Was hast du am 15. September 2006 gemacht?

Manche Menschen hatten an diesem Tag Geburtstag, andere setzten an diesem Tag einen neuen Mensch in die Welt, manche erlebten ihren ersten Kuss. Andere starben an der Folge der Ignoranz einiger Weniger. So grausam es klingt: ein Gros der Menschen, wie auch ich, hatte an diesem Tag nichts “Besonderes” erlebt. Nichts, was einer Erzählung bedürftig wäre. Sondern nur etwas Gewöhnliches, Alltägliches, welches in den vielen vielen nachfolgenden Tagen, von den Wellen der Zeit weggespült wurde.

Der 15. September 2006 ist kein besonderer Tag. Und hier ist er, festgebrannt in einem Foto:


Am 15. September 2006 positionierte sich die Saturn-Sonde Cassini so, dass die Sonne direkt hinter Saturn stand und fotografierte den saturnischen Äquivalenten zu einer Sonnenfinsternis. Dabei wurde, vom Bildmittelpunkt aus nordwestlich, innerhalb der Ringe Saturns, ein anderer Planet eingefangen. Der helle Punkt ist kein anderer Himmelskörper als der, auf dem wir uns gerade befinden. Auf diesem Bild sehen wir nicht nur eine einmalige Perspektive auf den zweitgrößten Planeten unseres Sonnensystems, sondern auch die Erde.

Natürlich sieht der Mensch nichts. Was sollte man auch sehen? Das Licht der Sonne reiste erst über 1,5 Milliarden Kilometer, bis es die Kamera von Cassini auffangen konnte. Eine kleine Andeutung des Mondes ist zumindest sichtbar, aber dort hört es auch schon wieder auf. Das Sprichtwort “Schönheit liegt im Auge des Betrachters” wird durch solche Bilder noch treffender. Natürlich ist die Erde kein blasser weißer Fleck. Sie ist Hort eines bislang einzigartigen physikalischen Phänomenes: Leben. Und wäre das nicht genug, hat dieses Leben die Möglichkeit zur Selbstreflexion erlangt. Das Schreiben dieser Zeilen ist ein Beispiel dafür. Auf diesem kleinen weißen Fleck gibt es Lebewesen, die ihre Umwelt wahrnehmen, mit ihr interagieren. Sie sehen den blauen Himmel, spüren Wind und Wasser. Und sie zeichnen das, was sie sehen, mit Adjektiven aus. Das sind natürlich wir. Wir geben dieser Welt ihre Bedeutung, weil wir auf ihr leben. Auf der Oberfläche dieses kleinen Punktes werden wir Zeug*innen beispielloser Phänomene und den Folgen menschlicher Aneigungspraktiken. Doch die vermeintliche Omnipräsenz des Homo Sapiens Sapiens ist nur ein regional beschränktes Phänomen im Universum. In gewisser Weise ist die Erde unser Universum. Die Raumfahrt hilft uns seit den 60er Jahren, diese Illusion zu zertrümmern. , das berühmte Bild der aufgehenden Erde über der Mondoberfläche und, das erste vollständige Bild der Erde, können als Auslöser, oder zumindest als Symbole der Umweltbewegung der 70er Jahre gelten.

Im Laufe von 3 Stunden wurden die dieses Bild konstituierenden 165 Einzelbilder am 15. September 2006 aufgenommen. Auf diesem Bild ist ein nicht näher bestimmter Zeitpunkt dieses gewöhnlichen Tages verzeichnet. Das Licht, welches dieser Planet reflektiert hatte, ist das gleiche Licht was auch unsere Wohnungen erhellte, uns auf das Gesicht schien und fruchtbares Land austrocknete. Wenn wir ein bisschen weiter denken, dann ist auch ein Teil dieses Lichts (das meiste wird natürlich von der Wolkendecke reflektiert) wieder zurück ins All reflektiert worden. Auf diesem Bild der Sonde Cassini sehen wir also nicht einfach die Erde – Sondern auch uns selbst. Sämtliche Errungenschaft der Menschheit, komprimiert in ein paar Pixeln. Alle Gewöhnlichkeit und Besonderheit unserer Existenz, hinausgestrahlt in ein sich ständig expandierendes Universum. Es ist ein gerne verwendetes Gedankenexperiment von Astrophysikern sich vorzustellen, eine hochentwickelte Zivilisation hätte so leistungsstarke Teleskope, dass sie dieses weit verstreute Licht komplett verarbeiten könnte. Cassini ist nicht dazu in der Lage. Ein Pixel des Saturn im Vordergrund entspricht mehr als 250 Kilometern. Was wir von der Erde sehen, ist also nicht viel. Aber wie bereits gesagt: Von der anderen Seite betrachtet, ist es alles.

Wie sollte es auch irgendjemand der Menschheit verübeln? Im kosmischen Maßstab sind nur zwei Dinge wirklich Erwähnungsbedürftig: Vor mehr als 40 Jahren betrat der Mensch seinen eigenen Mond und sah zum ersten Mal seine kosmische Heimat mit den eigenen Augen. Und bis heute werden unbemannte Sonden ausgesendet, die immer mal wieder den Blick zurück werfen, wie auch Cassini. Diese Momente haben eine ungeheure philosophische und existenzialistische Dimension. Medientheoretisch können wir davon ausgehen, dass jede neue Möglichkeit des Menschen, sich selbst ein Bild zu geben, sich selbst zu beobachten, nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Interaktion untereinander und mit der uns umgebenden Welt hat. Das erste Portrait, das erste Foto, die erste Videoaufnahme. Wir alle kennen Spiegel. Säuglinge können ihr Spiegelbild nicht von der Geburt an erkennen. Unser Bewusstsein dafür, was wir eigentlich sind, wie singulär die Erde letzten Endes doch sein könnte, wächst mit diesen Bildern heran. Der zweite Punkt: Jedes Lebewesen verändert die es umgebende Umwelt auf ihre Weise. Der Mensch, der im Rausch der Aufklärung noch daran glaubte, Gott vom Thron stoßen und die Welt nach seinem Gutdünken formen zu können, verändert das Weltklima, das gesamte Ökosystem eines Planeten der am Äquator dreizehntausend Kilometer misst, gerade vielleicht sogar irreversibel. Doch selbst dieser gottgleiche Mensch kann sich nicht aus dieser Entfernung erkennnen.

Dieses Bild zeigt in vermeintlicher Objektivität, wieso die Erde keinesfalls das Zentrum des Universums sein kann. Noch ist sie eine überaus strahlende, verheißungsvolle Signatur eines göttlichen Wesens. Sie ist gewöhnlich, fällt kaum auf, beinahe unsichtbar. Viel mehr: Aus dieser Entfernung erscheint die Erde unglaublich uninteressant, wie Carl Sagan es im Bezug auf ein anderes, noch viel beeindruckenderes Bild der Erde, dem Pale Blue Dot, schon auf den Punkt brachte. Selbstverständlich würden wir dem widersprechen. Das ist für sich bereits eine unglaubliche kognitive Leistung. Genauso sind all die Dinge, die am 15. September 2006 geschehen sind, keinesfalls wertlos. Für die Geschichte der Erde mag nichts an diesem Tag, der ja auch nur eine vollständige Rotation des Planeten ist, keine große Bedeutung haben; aber Menschen haben keine andere Wahl, als sich selbst zum Maßstab zu nehmen. Selbst Sekunden, Tage, Monate und Jahre sind willkürlich, menschlich gesetzte Orientierungshilfen. Wir sind zum Anthropozentrismus verdammt.

Ich werde die Raumfahrt immer verteidigen, wenn sich die Notwendigkeit dazu ergeben sollte. Keine andere Wissenschaft ist in der Lage dazu, das Bild welches die Menschheit von sich hat so nachhaltig und gewaltig zu verändern. Mein gesamtes Verständnis von der Welt wurde durch den Pale Blue Dot aus den Fugen gehoben, und ich wäre nicht der Mensch der ich heute bin, hätte ich dieses Bild nicht einst entdeckt. Es geht nicht darum ob wir im kosmischen Kontext eine Rolle spielen (könnten) oder nicht. Es geht darum, wie wir uns wertschätzen. Deshalb habe ich die Frage im Titel gestellt. Wir sind vielleicht sinnlos und erschaffen relativistische Kontextzusammenhänge. Aber wenigstens sind wir verdammt gut darin. Wir könnten anfangen, ebendies wertzuschätzen. Auch wenn wir nur Sandburgen zu bauen scheinen. In aller Gewöhnlichkeit, Dröge und dem Alltag steckt doch etwas Einzigartiges. Und wenn es nur die alleinige Tatsache ist, dass unser Gehirn so weit entwickelt ist dass wir uns überhaupt langweilen können. Schon alleine das grenzt, mit den unglaubwürdigen Wahrscheinlichkeiten im Auge denen sich das Leben zum Trotz entwickelt hat, an ein Wunder.

Weiterführende Links

NASA-Pressemitteilung zum Foto und der Entdeckung des gigantischen E-Rings: http://saturn.jpl.nasa.gov/news/newsreleases/newsrelease20060919/
Detaillierte Beschreibung des Mosaik-Fotos im Photojournal der NASA: http://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA08329
“Pale Blue Orb”: Vergrößerung des Teils der Erde auf dem Bild, CICLOPS (Cassini Imaging Central Laboratory for Operations) http://www.ciclops.org/view.php?id=2235
Weitere Daten zum Bild auf CICLOPS: http://ciclops.org/view/2230/In_Saturns_Shadow_-_the_Pale_Blue_Do

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