Angriff auf die Quote?

Ein Kommentar zur Debatte um die Quotierung der Spitzenkandidatur in meiner Partei.

Der Aufruf “Lasst eure Finger von der Quote” ist grundsätzlich richtig. Ebenso ist die PM der GRÜNEN JUGEND ein inhaltlich richtiges Signal. Allerdings lässt es sich von meiner Seite aus nicht verkneifen, einige kritische Beobachtungen zu der Diskussion zu verschriftlichen.

Es werden Zustände und Mehrheiten suggeriert, die es nicht gibt
Klar, einige Menschen auf dem Realo-Treffen konnten sich anscheinend mit einer alleinigen Spitzenkandidatur von Jürgen Trittin anfreunden und diese Ideen wurden auch recht rasch über die Medien verbreitet. Das war’s aber schon. Es hat sich kein breites innerparteiliches Bündnis zur Aufhebung des Frauenstatuts und der Quotierung von Listenplätzen gebildet, noch soll an der informellen (sollte sie tatsächlich institutionalisiert sein, bitte mit Quellenverweis melden!) Doppelspitze gesägt werden (und nach 2002 mit Fischer kann auch niemand ein ernsthaftes Interesse mehr daran haben). Allerdings suggeriert die Wucht, mit der die Quote plötzlich gegen “innere Feinde” verteidigt wird, die Frauenquote stände tatsächlich zur Disposition. Die Gedanken einer alleinigen Spitzenkandidatur Trittins werden unnötig aufgewertet und aufgeblasen und die Illusion geschaffen, es gäbe tatsächlich eine große Mehrheit für diese Ein-Mann-Lösung. Hier wäre mehr Selbstbewusstsein angebracht. Diese Vehemenz nährt ironischerweise weiter den Eindruck, die Grünen seien so sehr machtrunken dass ihnen vor dem Hintergrund von Personaldebatten alles andere ziemlich schnuppe sei. Das ist besonders mit den 3 kommenden Landtagswahlen und dem voraussichtlichen Rauswurf der Grünen aus dem Landtag im Saarland kein guter Moment; Die Überlegungen hätten sofort mit Verweis auf unser Frauenstatut kommentarlos ad acta gelegt werden sollen, dort gehören solche Spinnereien auch hin.

Teile der Diskussionsbeiträge fallen in überkommene und nicht konstruktive Argumentationsmuster
Plötzlich sind’s wieder Frauen gegen Männer, Realos gegen Linke. Es wäre wünschenswerter, wenn vor allem die Kritik an einer Nichtquotierung mehr von beiden gesellschaftlichen Geschlechtern getragen werden könnte – so wird die Frauenquote wieder zum reinen Frauenthema, ihre Verteidigung zur Frauensache gemacht. Anstelle darauf hinzuweisen dass auch viele Männer von einer Quote und einer Verteilung der Arbeitslast auf die doppelte Zahl an Schulter profitieren und sie ein bewährtes Mittel zur paritätischen Besetzung unserer Listen darstellt, wird mit zu viel Eindimensionalität um sich geschossen und die Quote wieder zum Selbstzweck erklärt. Das trifft zwar das Niveau der Idee einer 1-Mann-Spitze, ist aber nicht gerade förderlich. Wieso kommen im Aufruf keine Männer zu Wort, wo doch im Aufruf selbst die Vielfalt der Grünen beschworen wird? Als hätten sich keine feministischen Männer finden können die diese genauso Idee scheiße finden.

Wenn wir quotieren, dann kommt es meist nicht an.
Das eigentliche Problem stellt doch vielmehr der Umstand dar, dass unseren internen Strukturen sowohl von uns selbst als auch von außerhalb zu wenig Wertschätzung entgegen gebracht wird.Offiziell sind die Grünen in Baden-Württemberg mit einem vierköpfigen Spitzenteam angetreten. Von den anderen drei Personen neben Kretschmann bekamen nur wenige Leute etwas mit, Kretschmann ging als Spitzenkandidat und Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten ins Rennen. Deshalb ist auch die Forderung nach einem Grünen Spitzenquartett zur Bundestagswahl 2013 (*hust*) so sympathisch sie mir auch persönlich ist keine erfolgsversprechende Lösung. In einer wie auch immer gearteten Spitzenlösung besteht nach wie vor das Risiko, dass sich eine der Personen mit mehr medialer Aufmerksamkeit konfrontiert sieht. Dabei ist es egal, ob diese Person eine Neigung dazu hat, sich wie eine Rampensau zu verhalten, rhetorisch mehr drauf hat, eine attraktivere Biographie und Geschichte für Interviews bietet oder sich in Themen eingearbeitet hat, die gerade im Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen stehen. Problematisch ist dabei, dass diese Faktoren unmöglich steuerbar sind. Ich würde mich mehr freuen, wenn diese Schwierigkeiten thematisiert werden könnten, da ich selber auch keine Lösung für dieses Aushebeln der quotierten Besetzung in der öffentlichen Wahrnehmung sehe. Fakt ist jedoch, dass sie zumindest teilweise durch das dichotome Geschlechterverhältnis und unterschiedliche Erwartungshaltungen an männliche und weibliche Spitzenkandidat*innen verknüpft ist.

Ferner würde ich mir wünschen, dass besonders die Grüne Jugend nicht nur auf die Quote, sondern im Tandem und mit gleicher Leidenschaft für einen Generationswechsel streitet. Eine quotierte Doppelspitze mit frischen Gesichtern wirkt nämlich noch viel cooler als ein Spitzenduo aus der Ära Fischer. Das wirkt so langsam auch nur noch altbacken, uncool und einfältig, um den Quotenaufruf falsch zu zitieren.

3 Gedanken zu “Angriff auf die Quote?

  1. Nichts ist gut bei den Grünen. Die Frage, der man sich eigentlich stellen müsste wäre, ob ein Wahlkampf mit Cem, Claudia und Renate überhaupt denkbar zu führen ist? Oder auch mit Gesichtern aus der sogenannten zweiten Reihe? Und wer ist diese zweite Reihe? Wer stellt sich hin und streitet für den Einzug in die Regierung. Alleine das Geschacher um “Wir brauchen Erneuerung”, “Wir brauchen eine Doppelspitze”, “Wir finden eine Quartett gut” zeigt genau eines: Die Regierungsunfähigkeit dieser Partei. Ich dachte immer, dass die Grünen für Inhalte, für eine anderen Politik stünden. Das sie mit einem Detailwissen glänzen, wo sich anderen nur in Phrasen verrennen. Da bin ich wohl einem “false friend” aufgesessen. Letztlich geht es ihnen doch nur um das Establishment, die Angepasstheit und der Zwang das auf gar keinen Fall zu zeigen. Deswegen verwickelt man sich in eine zu frühe, unnötige und längst überflüssige Debatte. Einem Flügelkampf, der künstlich heraufbeschworen wird. Eine Farce ist das. Und dann macht auch noch keiner mit. Die Medien finden das Thema so interessant wie umfallende Reissäcke und dem Wahlvolk geht es sowieso sonst wo vorbei, weil sie sowieso längst erkannt haben, dass es den Grünen nicht um Personen geht. Nach dreißig Jahren glauben wir immer noch, dass eine Quote das Allheilmittel wäre. Ist es aber nicht. Frauen sind anders als Männer. Punktum. Mensch hier, Mensch da, Mensch blablabla. Mich erinnert dieses aritifzielle Gehabe vor allem an eines: Nur keine Koalitionsaussage machen, wir stehen für Eigenständigkeit. Klar haben wir die größten Schnittmengen mit der SPD. Wir haben aber auch Schnittmengen mit der CDU, den LINKEN, der FDP und bestimmt auch den Nazis. Da braucht man sich nichts vorzumachen. Die Demokratie hat die Parteien längst überlebt, die Parteien die Demokratie aber noch nicht. Wo in diesem ganzen postdemokratischen Gehabe bleibt eigentlich die Quote? Geschlecht ist doch letztlich auch nur ein Lebensentwurf. Und wenn sich nun eine Transe anböte die Spitzenkandidatur zu übernehmen, dann wären alle Quotenfetischisten sowieso überfordert und würden sich womöglich noch dafür aussprechen, dass das Geschlecht mit dem die Transe geboren wurde ausschlaggebend sein muss, ob man noch eine Frau oder einen Mann daneben stellen würde, so als schmückendes und biederes Beiwerk. Und dann wären wir mit der Debatte da, wo sie ihren Anfang hat und sich seither keinen Millimeter von der Stelle bewegt hat: in den Siebzigern. Alice Schwarzer lässt grüßen: Huhu! Was nun tun? Eine*n Spitzenkandidat*in für ein konkretes Kabinettsamt: Jürgen Trittin als Finanzminister. Darauf kann man aufbauen.

  2. Auf der einen Seite schreibt “Mattias K.”: “Frauen sind anders als Männer.” und relativiert diese verallgemeinerte Aussage ein paar Sätze danach gleich wieder: “Geschlecht ist doch letztlich auch nur ein Lebensentwurf. ” Versteh ich nicht…..

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