Im Aufeinandertreffen zweier Höllen sehen wir uns selbst.

Angesichts des vergangenen Jahrhundertereignisses ist es wieder an der Zeit, über Raumfahrt, die Menschheit, und den ganzen Rest einige Gedanken aufzuschreiben.

Quelle: http://venustransit.nasa.gov/webcasts/iss/ / http://www.flickr.com/photos/nasa_jsc_photo/7159758201/
Quelle: http://www.flickr.com/photos/nasa_jsc_photo/7159758201/ CC BY-NC-SA 2.0 (NASA_JSC_Photo)

Da war sie also, die Venus. Gestern in den frühen Morgenstunden hat die Menschheit sie anders als sonst beobachten können. Der Morgen- und Abendstern zog für einige Stunden seine Bahn vor der Sonne und wurde damit mit bloßem Auge sichtbar.  Die Astronomie nennt so etwas “Transit” oder Durchgang, das bekannteste Beispiel für ein solches Perspektivereignis sind Sonnen- und Mondfinsternis. Aufgrund des großen Abstandes zwischen Erde und Venus verdunkelt unser Nachbarplanet aber keinesfalls die Sonne. Wer es gestern mitverfolgt hat oder auch das obige Bild betrachtet, sieht schnell dass die Venus es lediglich zu einem kleinen, aber klar erkennbaren schwarzen Ball über der Sonne geschafft hat. Es ist eine befremdliche Erscheinung.

Als ich die Bilder im Livestream sah, war ich überwältigt und sprachlos. In diesem Eintrag möchte ich  ausführen, wieso.

Deshalb: Lasst uns das Bild noch einmal anschauen, den Morgen Revue passieren lassen. Die Venus erscheint recht klein; sie würde etliche Male in die Sonne passen. Wenn wir die Sonne von der Erde aus betrachten, erscheint sie nicht wirklich groß. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Mond und Sonne zufälligerweise fast gleich groß am Himmel erscheinen. Dadurch verlieren wir das Bewusstsein über die tatsächlichen Größenverhältnisse im All – geschweige denn unserer Erde. Der Durchmesser der Venus beträgt 12.092 km. Setzen wir das in Verhältnis zur Erde stellen wir fest: Beide Planeten sind fast gleich groß, die Erde schlägt den Durchmesser der Venus nur um 650km (12.742 km insgesamt). Nicht nur von der relativen Größe ist die Venus ein Zwilling der Erde, auch der innere Aufbau beider Himmelskörper ist recht ähnlich; nur ist die Venus mit einer Oberflächentemperatur von 460°C eine der bildhaftesten Entsprechungen der christlichen Hölle. Die Sonne schlägt das mit 5000°C locker. Wenn wir die Venus also vor der Sonne sehen und ihre kleine Größe bemerken, machen wir dadurch gleichzeitig eine Aussage über die Größe unseres eigenen Planeten. Das, was dort gestern die Sonne durchschritt, war gerade mal 5% kleiner als die Erde. Auch die Erde ist klein. Im Aufeinandertreffen zweier Höllen sehen wir letzten Endes ein Spiegelbild unseres Selbst.

In einem früheren Blogeintrag zum gleichen Thema schrieb ich, wir seien zum Anthropozentrismus verdammt. Dies mag auf den ersten Blick wie eine verzweifelte Taktik erscheinen, sich angesichts dieser kosmischen Bedeutungslosigkeit einen Sinn zuzuschreiben. Und ja, auch die Tatsache dass ich den Venustransit zum Anlass nehme über die Erde nachzudenken, kann sich des Vorwurfes des Anthropozentrismus nicht erwehren (zumal der Transit nur aus der Blickrichtung der Erde sichtbar ist). Aufgrund mangelnder Alternativen und der Tatsache, dass wir diese Welt nur durch unsere beschränkten menschlichen Sinne überhaupt wahrnehmen können, ist ein reflektierter Anthropozentrismus der einzige Ausweg.

Gut, im Vergleich zu einem Stern ist vieles klein. Allein vom Durchmesser entspricht sie 109 Erden (1.388.878 km!). Dass die Sonne allerdings ein sehr durchschnittlicher, soll heißen, kleiner Stern ist, lässt auch diesen Vergleich sehr schnell zur Anekdote verkommen. Noch mehr, wenn wir uns die ungefähren Entfernungen anschauen:

Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:De-earth_venus_mercury_sun.svg&filetimestamp=20100812153217 (gemeinfrei)

Die Venus ist 108 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt (entspricht 0,7 AU), die Strecke zwischen Sonne und Erde ist nur um ein Drittel größer (1 AU, oder 150 Millionen Kilometer). Licht, welches sich in einer Sekunde mehr als 7 Mal um die Erde bewegen kann, benötigt etwas mehr als 8 Minuten um von der Oberfläche der Sonne zur Erde zu gelangen. Was diese Entfernung und das Erscheinungsbild der Sonne an unserem Himmel über die tatsächliche Größe der Sonne verrät, muss nicht erörtert werden. Und nur zum Vergleich: So sah ein Venus-Jupiter Transit 1818 wahrscheinlich aus. Wenn wir von der Oberfläche der Erde die Sonne betrachten, ist sie so groß wie der Mond. Der Mond hat allerdings einen Durchmesser von 1737,1 km (Sonne: 800mal so viel). Wie massiv groß die Sonne ist, wird durch die Hinzuziehung dieser Zahlen erst wirklich deutlich (und um noch ein Beispiel einzuwerfen: Wenn ein Mond Jupiters an ihm vorbei zieht, sieht es fast genauso wie ein Venus-Transit von der Erde aus).

Was machen wir mit dieser Erkenntnis? Es ist nicht getan den Nihilismus zu feiern oder den Menschen zu verurteilen. Ja, in gewisser Weise sind diese Bilder und ihre Implikationen schmerzhaft. Der vergangene Tag hat mich sehr berührt. In meinem und unserem Selbstbewusstsein erscheint es ganz natürlich, dass wir Menschen etwas besonders sind. Allein schon die uns umgebene Erde ist unfassbar groß und kompliziert; die großen Zahlen und Entfernungen mit denen in der Astronomie gearbeitet werden kann sind uns nur durch abstrakte Beispiele in Ansätzen erschließbar. Aber: Die Raumfahrt zeichnet unser Spiegelbild. Sie zeigt uns, was aus der Erde hätte werden können, wie einzigartig und zufällig unser Schicksal ist, wie verzweifelt und unwissend wir waren, als wir uns die Erde als das von einem Gott auserkorene Zentrum des Universums vorgestellt haben. Wie kaum eine andere Wissenschaft eröffnet sie der Philosophie einen Zugang zum Wesen unserer Existenz.

Auch unsere eigene Rolle im Ökosystem dieses Planeten wird durch ein spezifisches Bild des Menschen als Krone der Schöpfung gestützt. Ich halte den Menschen nach wie vor für ein außerordentliches Lebewesen; er vergisst allerdings, dass das Verhältnis von ihm zur restlichen Natur kein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis sein kann.  Und es stellt sich die Frage, wieso er die begrenzte Lebenszeit die ihm gegönnt ist nicht dazu nutzt, den Gedanken an das Leben für all seine Artgenossen denkenswert zu machen. (frei nach Nietzsches 278. Aphorismus in seiner fröhlichen Wissenschaft.)

Wir sind genauso klein wie die Venus. Und je mehr wir ins All vorstoßen und über das Sonnensystem lernen, desto mehr lernen wir auch über unseren eigenen Planeten als Teil dieses Sonnensystems. Und desto mehr lernen wir über uns selbst, dem haarlosen Affen, der sich einst anschickte, Gott zu werden und in der Unendlichkeit nur sich selbst fand.

PS

Der Venus-Transit hat übrigens auch noch heute einen ganz praktischen Nutzen für die Wissenschaft: Genau so wie wir die Venus an der Sonne vorbeiziehen gesehen haben, ziehen auch Exoplaneten an ihren Sternen vorbei. Aufgrund ihrer Größe und der unermesslichen Entfernung zur Erde kann nur ein enorm kleiner Prozentsatz über Aufnahmen identifiziert werden (Das berühmteste Beispiel dafür bietet fomalhaut b). 90%+ der entdeckten extrasolaren Planeten werden hingegen über die Messung von Radialgeschwindigkeiten gefunden. (Dies läuft über den Doppler-Effekt. Im Astrodicticum Simplex findet ihr einen wunderbaren Artikel dazu den ich jedem am Thema interessierten Menschen an’s Herz legen möchte.) Die Methoden, die zur Erfassung von Planeten genutzt werden können, können mit den Daten die wir vom Venus-Transit gewonnen haben rückgekoppelt werden. Eine Win-Win Situation.

Und ganz nebenbei: Da die  Venus ja auch nur ein bisschen kleiner als die Erde ist arbeiten wir damit indirekt an Methoden zur Entdeckung erdähnlicher Planeten. Die meisten werden wahrscheinlich ähnlich heiße Höllen sein wie die Venus, aber es ist ja nicht so, als hätten wir nicht bereits Planeten mit potenziell flüssigem Wasser in sagenumwobenen habitablen Zone um ihren Stern herum finden können.

Ein Gedanke zu “Im Aufeinandertreffen zweier Höllen sehen wir uns selbst.

  1. Ich bin zwar nur wirklich ein kleines bisschen bi, aber auch mir bedeutet Conchitas Sieg die Welt – und ihr Statement darauf. Zum Einen habe ich viele sehr gute Freunde, die homosexuell sind, zum Anderen bringt sie/er durch die Vermischung von faszinierender Weiblichkeit gepaart mit typisch schwulen Charme und auch optisch durch den Bart, frischen Wind in die veralteten, verstaubten, und vor allem in vielen Dingen schlicht und einfach falschen und unglücklich machenden Rollenbildern von Mann und Frau. Naja, und das *anders sein* kann ich als überdurchschnittlich intelligente Linkshänderin, mit bipolarer Störung, Borderline-Background, und ein bissl ADHS mehr als nur gut nachvollziehen. Obwohl immer mehr Leute aus dem standardisierten Schema F heraus fallen, bemühen sich diejenigen, welche sich anscheinend selbst für ach so normal und konform halten, ganz besonders darum, vekrustete Denkweisen, Normen und Verhalten aufrecht zu halten, die schlicht und einfach den größten Teil der Menschheit wirklich unglücklich macht. Intoleranz und das typische *das seh ich nicht ein*, sind total *IN* – und das neben Namaste-Begrüßungen im Yoga-Kurs, Links/Rechts-scheißegal-Kurs, und System-*Kritik* (Hetze ja eigentlich). Wir, aus der Ecke psychisch- na sagen wir mal, aus der Norm fallenden, werden nämlich laut jüngsten Statistiken (in Österreich – Magazin Innen Welt)auch nicht mehr, sondern ebenfalls immer weniger akzeptiert. Ob dies auf Frühpension und Arbeitsunfähigkeit zurück zu führen ist, ist fraglich. Und obwohl der Wunsch Kinderschänder und Gewalttäter härter zu bestrafen um Gerechtigkeit walten zu lassen und um Kinder besser zu schützen, groß ist, so wird nur allzu gern vergessen, dieses Mitgefühl auch für den oft aus solchen Umständen heraus kommenden erwachsenen psychischen Norm-Sonderling anzuwenden – Trauma ist nun mal Verursacher Nummero Uno für bleibende psychische/s Abweichen/Störung. Und neben diesen Forderungen nach Änderungen – nämlich immer eine Änderung die alles nur nicht einen selbst betrifft und Arbeit und Einsatz fordert, wird verzweifelt fest gehalten, was längst losgelassen werden sollte – an viel zu eng gestrickten Rollenbildern für Mann/Frau/Mutter/Vater/Kind&Schüler/Angestellter&Arbeiter und an Moralvorstellungen, die mit einer gesunden ethischen Grundeinstellung nicht mehr vereinbar sind. Egal ob homosexuell, psychisch angeschlagen, Freigeist, Spinner – ich liebe alle Menschen, die sich selbst gefunden haben und sich selbst leben – so wie sind, so gut und sooft es möglich ist, den das ist die Basis für Zufriedenheit und gemeinschaftliches Glück.

    “All that you have, is your soul” (Tracy Chapman)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.