Der Kultur-Begriff – 1 – Kultur zwischen Acker, Schöngeistigkeit und Politik

Anmerkung: Ich beziehe mich in diesem Text in erster Linie auf einen Text von Hartmut Böhme, auf dessen Grundlage ich im WS 2010/2012 ein Referat zu Kulturwissenschaft(en) und Kultur-Natur Differenz gehalten habe. Den Text findet ihr hier. Ich übernehme keine Garantie dafür alle Stellen die ich übernommen habe bzw. alle eigenen Paraphrasen kenntlich gemacht zu haben da er meine Auffassung von Kultur maßgeblich beeinflusst hat. Deshalb seht Abschnitt 1 & 2 diesen Textes eher als Zusammenfassung oder auch Reflexion des Böhme-Textes.

Als Student dreier Kulturwissenschaften habe ich in der Kultur- und Integrationsdebatte einen etwas anderen Blickwinkel auf die verwendeten Begriffe und die moralische Aufladung des „Kultur“-Begriffes. Im ersten Beitrag möchte ich den Kulturbegriff allgemein aufrollen und ein paar Worte über die politische Verwendung verlieren. In einem möglichen zweiten Teil würde die Abgrenzungsproblematik mit der jede Definition von Kultur zu kämpfen hat eine besondere Rolle einnehmen, wie auch die Konzepte Integration und Interkultur.

Zunächst:

Der Begriff der „Kultur“ ist extrem diffus. Was wir Kultur nennen, verstehen Kulturwissenschaftler*innen meistens als eine Objektebene, die durch theoretischen Vorannahmen konstruiert wird (vgl. Böhme). Platt ausgedrückt: Alles was sich in bestimmten Grenzen die der Diskurs festlegt bewegt, fällt unter „Kultur“. Die Aufgabe der Kulturwissenschaft(en) ist demnach, diese gesetzen Grenzen sichtbar zu machen und zu analysieren. Auch hier gilt das poststrukturalistische Mantra: Eine vordiskursive Kultur gibt es nicht. Böhme spricht zwar vom historischen apriori der Kultur, meint damit aber eher Kultur als erster Filter & Sinnstifter der menschlichen Wahrnehmung um sich gegen die vermeintliche Unbeeinflussbarkeit bzw. Objektivität der Naturwissenschaften zu wehren. Wir müssen den Begriff immer im Kontext sozialer, ökonomischer und politischer Bedingungen betrachten. Zwei sich gegenseitig komplett voneinander ausschließende Kulturbegriffe können mithilfe dieser Grenzziehung koexistieren. Das ist eine Stärke der theoretischen Kulturdebatte, sorgt aber auch dafür dass der Begriff politisch missbraucht werden kann.

Dieser Missbrauch schlägt mitunter seltsame Blüten. Wer beispielsweise „deutsche Leitkultur“ in der Integrationsdebatte ins Spiel bringt, muss gleichzeitig erklären können wieso die eigene Politik permanent den Kategorischen Imperativ Kants bricht (Atomkraft) und Revoluzzer wie Schiller eher zum Steinewerfen animiert hätte (der ganze Rest). Oder auch: Welche konkreten Werke und Praktiken warum zu dem Begriff gezählt werden, welche nicht, und wieso es an inhaltlicher Konsistenz mangelt. Goethes Interesse am Islam und Nietzsches mehr oder weniger anerkennende Haltung dem Buddhismus gegenüber mal ganz außen vor, und dass wir die Demokratie dem griechisch-persischen Austausch verdanken überfordert wahrscheinlich nicht nur ein oder zwei Konservative.

I.1 Woher kommt der Begriff?

Wollen wir den Ursprung des Wortes nachvollziehen, müssen wir etwas weit in die Vergangenheit zurück gehen. Aristoteles legt für den relevanten Bereich eine Definition vor: τέχνη (techné, frei übersetzt: “Vom Menschen geschaffenes“). Er umfasst dabei sowohl, wie mensch sich bereits denken kann, Technologie (meist aus dem agrikulturellen Kontext), aber interessanterweise auch schon (menschliche) Verhaltensweisen. Beispielsweise über die mit Klugheit assoziierte „List“. Die Verbindungen zum Prometheus-Mythos sind allgegenwärtig.

Wollen wir den Begriff zusammenfassen, könnte das über folgende Formel erfolgen: Techné ist alles, über das der Mensch einen langfristig wirksamen, gestalterischen und zielbewussten Einfluss auf die ihn umgebene Natur ausübt. Bleiben wir im agrikulturellen Bereich, erkennen wir auch bereits Prototypen der Konzepte von Kulturräumen und des Kulturtransfers. Wo Techniken weiterentwickelt werden um spezifische Böden besser bestellen zu können entstehen absteckbare Verbreitungsräume und ein sichtbarer Einflussbereich des Menschens. Es ist auch kein Wunder, dass dieser Begriff in der Neuzeit durch die Aufklärung und ihr anthropozentrisches Weltbild wieder entdeckt wurde.

Den bewussten Wechsel zu Schöngeistigkeit und „Sitte“ finden wir jedoch erst bei Cicero, der von der cultura animi, der Kultivierung des Geistes spricht. Gemäß der lateinischen Entsprechung von techné, „colere, cultus, cultor“ (bestellen, kultivieren, also nach wie vor agrikulturelle Wurzeln) bezeichnet Kultur Praxen, die einen nicht-sozialen Raum in einen sozialen Raum transformieren können. Das vollständige Zitat lautet „cultura animi philosophia est“, übersetzt mit meinen rudimentären Lateinkenntnissen: „Die Philosophie ist die Kultivierung des Geistes“. Diese Verbindung von Kultur und (menschlichem) Geist war es erst, die Überlegungen über Ethik, das Zusammenleben, Sitte und Gepflogenheiten mit dem Kulturbegriff verschmelzen ließ. Dies hat die meiste Entsprechung im heutigen Kulturbegriff behalten.

Hier tritt Kultur als ein Akteur auf, der soziale Ordnungen und kommunikative Symbolwelten bzw. Rituale im sozialen Raum herausbildet. Ciceros Definition entzieht „Kultur“ jedoch aus ihrer Alltäglichkeit und erhöht, was unter „Zivilisiertheit“ fällt, von Technologie zur Formung des schönen (menschlichen) Geistes. Dem hat sich die abendländische Tradition lange Zeit verschrieben.

I.2. Einschub: Zur Entwicklung der Kulturwissenschaft(en)

Leider muss den deutschen Kulturwissenschaften attestiert werden, dass sie der reinen schöngeistigen Route bis in die 1980er Jahre blind gefolgt sind. Böhme schreibt zum radikalen Strukturwandel:

 „Das seit etwa 1980 mobilisierte Konzept der Kulturwissenschaften hingegen streift [diese] geistphilosophische[n] Implikationen ab, indem das kulturelle Gegenstände im allgemeinsten Sinn als (materielle und symbolische) Praktiken ö und nicht als Geistzeugnisse ö bestimmt werden.“

Er bezieht sich darauf, dass vor allem die deutschen Gesellschaftswissenschaften, nicht zuletzt bedingt durch die Aufklärung, in erster Linie Interesse an „geistigen“ Praxen zeigten. Sie waren durch und durch „Geisteswissenschaften“. Hier finden wir auch einen möglichen Ursprung für ein zu Zwecken der Abgrenzung verwendetes deutsches Kulturkonzept. Tatsächlich muss kulturhistorisch davon gesprochen werden, dass die deutsche Auffassung von Kultur sehr spezifisch gewesen war bzw. immer noch vielerorts ist. Das müssen wir bei der Kritik des politischen Kulturbegriffes immer im Hinterkopf behalten. Die Kulturwissenschaften sind seit 20-30 Jahren im Begriff, die Totalität des menschlichen Alltags wieder mit einzubeziehen.

Dazu, sich von einer Wissenschaft des „Geistes“ zu einer der „Kultur“ zu entwickeln, gehörte auch, dass der Quellenkorpus der Kulturwissenschaft(en), also das für wissenschaftliche Untersuchungen zu Grunde liegende Material, radikal geöffnet werden musste. Hier spüren wir auch den Geist Stuard Halls, der vielleicht als erster Soziologe die Pop(ulär)kultur ins Blickfeld der Soziologie genommen hatte. Im Zentrum steht mehr denn je die sich multimedial äußernde Alltagskultur. Ebenso wird Kultur nicht mehr einfach als immaterielle Praxis begriffen, sondern vielmehr als Sammelsurium aus Praxen, die durch nichts anderes als ihre Materialität bestimmt sind. Aus dieser Argumentation heraus kommt meine Überzeugung, dass auch Filesharing eine Kulturpraxis des digitalen Zeitalters ist. Digitale Kulturpraxen diese Zuschreibung abzusprechen, werte ich als Überbleibsel der geistphilosophischen Interpretation des Kulturbegriffes.

Bezüglich des Wandels in der akademischen Disziplin isoliert Böhme drei Merkmale:

  1.  Die Disziplin differenziert sich methodologisch und fachlich aus. Beispiele sind Sozial- und Kulturanthropologie, Ethnologie, Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft und Gender Studies.
  2. Der deutsche Alleingang wird durch eine Angleichung an die angelsächsischen Humanities aufgegeben, in gewisser Weise offener für internationalen Einfluss und Austausch.

  3. Die Disziplin nehmen gesellschaftliche & technologische Entwicklungen stärker in ihren Blick. Beispiele dafür sind unter anderem Interkulturalität, Kommunikationstechnologien und digitale Informations- und Wissenkulturen.

In diesen Punkten schwingt die Abkehr vom Konzept der Hochkultur mit. Für die Kulturwissenschaften gibt es keinen objektiv messbaren Unterschied zwischen Hochkultur und Alltagskultur, und die Erzählung großer Kulturäume wird langsam beerdigt.

I.3. Politischer Missbrauch des Kulturbegriffes

Besonders im Bereich der Kulturförderung offenbart sich jedoch, dass dieser Wechsel sich noch nicht im politischen Alltag vollzogen hat. Zwar gibt es beispielsweise die Videospiel-Förderung, doch die CDU/CSU Fraktion offenbarte letztens wieder, dass sie bestimmte Kulturgüter warum auch immer nur dann als solche betrachten will, wenn sie eine „kulturell-pädagogische“ Aufgabe erfüllen würden, in dem sie eine peinliche PM zur Nominierung von Crysis 2 als “bestes deutsches Spiel” heraus gaben. Wieso das jetzt explizit für Videospiele gilt und was überhaupt „kulturell-pädagogisch“ sein soll, wird nicht deutlich.

Aber auch wir, wenn wir beispielsweise Interkulturalität fordern oder von heterogenen Kulturperiphieren sprechen, offenbaren ein eigenes, selten ausformuliertes und daher angreifbares Bild von Kultur. Nicht nur die Idee eines autonomen Individuums, dessen Wertschätzung und Entfaltung wir vehement fordern, ist eine Erfindung der Aufklärung und letzten Endes Kind dergleichen Eltern wie der Kapitalismus, denen wir eigentlich kritischer gegenüber sein sollten.  Der Kulturbegriff der Grünen (Jugend) ist selektiv. Begründet wird diese Selektionsleistung meistens nicht, sondern erfolgen tut die Legitimität nur über die Abgrenzung zur ewiggestrigen Auffassung und Rassifizierung von Kultur seitens einiger Christdemokrat*innen. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist essentiell, dass Widerstand und Kritik an der letzten Endes auf Kulturrassismus hinaus laufenden Interpretation aus dem wertkonservativen Spektrum sichtbar und klar formuliert wird. Ich sehe es jedoch problematisch, wenn sich Kulturdefinitionen als Strategien zur Legitimation des eigenen Weltbildes entpuppen. Dies ist analog zur Stategie zu sehen, bestimmte Lebensweisen mit einer wie auch immer gearteten „Natur (des Menschen)“ zu verknüpfen, um sie über diese Argumentationslinie ab- oder aufzuwerten (Sexualität, Essgewohnheiten, Sozialverhalten, ect. pp.). Natürlich gibt es politische bzw. politisierte Kultur; diese wird jedoch auch immer in diesem Kontext als solche betrachtet.

Hier sehe ich eine der Aufgaben der Kulturwissenschaften, die meist fehlerhaften und widersprüchlichen Kulturdefinitionen auseinander zu nehmen, denen sich in der Politik zur Unterfütterung der eigenen Positionen bedient wird. Einer der großen Fehler in der politischen Verwendung ist, dass Kultur nur selten als dynamisches, in seinen Widersprüchen wachsendes Gebilde verstanden wird, das in sich geschlossen gar keinen großen Sinn zu machen braucht und gleichwohl eher schwierig moralisiert werden sollte. Was bsp. in Deutschland zum Kanon hinzugezählt wird, ist meistens eher alt und fällt immer noch unter das Label der „Hochkultur“, auch weil sich diese Kategorie am ehesten dazu eignet, Hierarchien und Kulturrassismus zu untermauern. Dies ist paradoxerweise auch der Fall, wenn polemische Trolle wie Nietzsche in diesen Kanon hineingepresst werden und er dadurch keine inhaltliche, moralische und auch politische Konsistenz mehr aufweist, die er eigentlich als gerne verwendeter Diskursgegenstand haben sollte. Hier zeigt sich, dass besonders die Christdemokrat*innen der tatsächlichen Lebensrealität der Menschen, der Vielfalt des Kulturbegriffes sowie dem Stand der Kulturwissenschaft(en) Jahrzehnte hinterher hinken. Wenn der Begriff in politischen Debatten verwendet wird, so wünsche ich mir mehr Differenzierung und ein größeres Bewusstsein über die Konstruktivität des eigenen Definitionsrahmens.

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