Der Kultur-Begriff – 2 – Abgrenzung & Eingrenzung mit “Natur”

Der Kultur-Begriff II
Abgrenzung und Eingrenzung am Beispiel der Natur

Eines sei voran gestellt: Ein klar definierter Kultur-Begriff kann Abgrenzungs-, Aufwertungs- und Abwertungspraxen enorm dienlich sein. Er integriert Menschen und Gruppen durch Exklusion anderer und umgekehrt. In meinen Augen ist es unmöglich, einen allumfassenden und bis in die letzte Konsequenz inklusiven Kulturbegriff definieren, der sich nicht in der eigenen Unschärfe irrelevant macht.

II.1. Kultur, Natur, Mensch

Im ersten Teil meines Textes habe ich geschrieben, wie der Begriff τέχνη / techné in der griechischen Sprache erster Vorläufer des Kulturbegriffs war und schon damals für die unauftrennbare Verbindung von Menschtum und der Erschaffung von Kultur verantwortlich war. Aristoteles sieht noch einen zweiten Begriff, der beschreibt, worauf sich die „Techniken“ beziehen: φύσις. Physis, frei übersetzt: „Von sich aus da“. Der Begriff bezieht sich auf das Wachsen von Pflanzen, verrät aber bereits, dass alles, was unter “Techniken” fällt, erst einmal durch eine Art Schöpfungakt realisiert werden muss. Hier finden wir unser vermeintliches Gegensatzpaar zur Konstruktion von Natur, Kultur, und Ausgrenzungsmechanismen.

Über das Verhältnis von techné und physis gibt es keine gesicherten Informationen, die Meinungen driften aber in den überlieferten Texten auseinander. Platons Ideenphilosophie reserviert für die “physis” den Status einer Repräsentation der idea ton agathon, der der gesamten Welt innewohnenden “Idee des Guten”. “Kosmos” als Begriff für das Universum spiegelt diese Denke wieder; denn Kosmos bedeutet nicht nur “Welt”, sondern auch “Ordnung”.

Diesem positiven Bild stehen Interpretationen von Hesiod und den Atomisten entgegen. Besonders in Hesiods “Werke und Tage” sehen wir den Ausdruck einer im wahrsten Sinne des Wortes dem Chaos verschriebenen Naturbegriffes. Dieses menschenfeindliche Chaos muss Hesiods Ansichten nach gebändigt und zwecks einer Anpassung an die menschliche Existenz vom Menschen selbst umgestaltet werden. Es ist wahrscheinlich auch kein Wunder, dass das Begriffspaar “art” und “artificial” bzw. “Kunst” und “künstlich” entstanden ist.

Die ebenfalls im ersten Teil angerissene Entdeckung der “Kultur” als Sinnstifter für menschliche Existenz und das Prinzip der “Kultivierung” des eigenen Geistes. Im weitesten Sinne ist Kultur der erste Filter, den wir über unsere Sinnesinformationen legen, dahingehend eben jene bewerten und Sinnzuschreibungen vornehmen. Dies gilt, laut Böhme, auch im großen Maße für die Naturwissenschaften.

“Wie aber ein neuer Kontinent im Augenblick seines Betretens nicht mehr derselbe ist und in den kulturellen Formen seiner Entdecker erschlossen wird, so bedurften auch die “New Sciences” erst der Erschütterung ihrer eigenen ‘Natürlichkeit’, will sagen: der Einsicht, daß sie Konstruktionen sind. ” Böhme

II.2. – WTF ist eigentlich “Natur”?!

Natur ist heute immer noch ein großes Problem und eines, was mich immer wieder ärgert. Der Naturbegriff ist extrem selektiv und ebenfalls nur durch kulturelle Vorannahmen definiert.  Was der Begriff jedoch im allgemeinen Wortgebrauch meint, ist eine kulturlose Natur, an die sich Menschen allerhöchstens durch Näherungswerte herantasten könnten.  Wie es auch keine Kultur ohne Kulturtechniken gibt, so gibt es auch keine Natur – Denn Natur gibt es ohne Kultur nicht.

Sehr pikant wird es, sobald wir zu den Diskursen über Natürlichkeit und Moralität kommen.

Das Umweltministerium hat beispielsweise eine neue Ausstellungskampagne gestartet, die unter dem Slogan “Wild Wonders of Europe” Naturaufnahmen in einen dezediert politischen Kontext rückt. Die Anzeigenmotive sind mit Texten wie “Wo Europa ganz eng zusammenrückt” oder “Wo europäische Partnerschaft naturgegeben sind” ergänzt worden. Herumtollende Bären sind plötzlich Argumente für das politische Projekt Europa.

Das dahinter stehende Motiv ist komplexer. Generell finden wir in unserer Gesellschaft ein merkwürdiges Verhältnis zu allem “natürlichen”. Als jemand der versucht sich vegan zu ernähren kann ich ein Lied davon singen. Da tauchen besonders zwei Dinge in der mehr oder weniger täglichen Diskussion auf. Fleisch und Milch.

“Du isst kein Fleisch? Aber Fleisch zu essen ist doch etwas natürliches! Das haben Menschen doch schon immer gemacht!”

Meist wird versucht das Argument mit Verweis darauf zu untermauern, dass Menschen doch schon immer Milch und Fleisch konsumiert hätten. Was nicht stimmt. Laktase-Persistenz, also die Fähigkeit Milchzucker zu verdauen, trat in Europa erst vor knapp 8000 Jahren auf. Und auch Fleischkonsum, vor allem in den Mengen wie wir es heute tun, war und ist keinesfalls auf der Welt üblich. (Esowatch hat einen schönen Artikel zu der Steinzeitdät, die ja eine dem Menschen “artgerechte” Ernährungsweise darstellen will.)

Hier kollidiert die “Natürlichkeit” mit “Normalität”. Hier wird “Normativität” geboren. Nicht nur die Laktonormativität, von der ich gerne mal scherzhaft spreche, sondern auch, da das Konzept der “Natur” und “Kultur” als totale Idee alles umfasst, Lebensweisen oder auch Sexualität. Alles was nicht einem Bild von “Natürlichkeit” entspricht, wird auf Grundlage dessen abgewertet und indiskutabel gemacht, beinahe schon zum Tabu erklärt. Auch die oben verlinkte Kampagne fährt diese Strategie: Denn wenn europäische Partnerschaft natürlich ist und auch von Tieren vorgelebt wird, dann müssen wir Menschen das natürlich auch machen.

Aber wehe ein*e Anarcho-Primitivist*in kommt damit, dass auch Flugzeuge, Brillen, Medikamente und Geburtskontrolle unnatürlich und daher konsequent abzulehnen sind. Auch die Frage, wie mit Laktose-Intoleranz umzugehen sei, da diese ja auch “unnatürlich” sein müsste, wird nicht geklärt. Dadurch wird die Definition von Natürlichkeit unscharf und enttarnt sich als nur eine weitere Maske für “Kultur”. Auch in dem sogenannten “Umweltschutz” bzw. “Naturschutz” merken wir schnell, dass es keinen Konsens bei diesen Begriffen gibt und sie stattdessen wann immer dann benutzt werden, wo es gerade passt. Stichwort: Die durch Industrialisierung und Misswirtschaft erst entstandene Lüneburger Heide, die heute Naturschutzgebiet ist. Um es festzuhalten: Das Ergebnis von menschlichen Eingriffen wurde, sobald die Ästhetik (die maßgebend für Naturschutz ist) hinzugezogen wird, zum schützenswerten Naturgut erklärt und damit über alle Zweifel erhaben gestellt.

Es ist wichtig, sich diesem Umstand bewusst zu machen, sobald über Natur, deren Schutz und Lebensweisen des Menschen philosophiert und argumentiert wird. Zu schnell kommen wir in Argumentationsweisen hinein, die wir überhaupt nicht gut heißen können. Natürlichkeit als Qualitätsmerkmal oder moralische Kategorie zu verwenden ist nicht nur erzkonservativ, sondern in letzter Instanz ein Selbstbetrug.

Dabei bleibt das größte Problem bei diesen Dingen, dass wir es mit einem diffusen Kultur- und Natur-Begriff zu tun haben, die beide je nach Verwendung und Fortschreiten der Debatte beliebig modifiziert werden.  Auch die Tatsache, dass beide Begriffe in diesem Text nicht so Definitionsfest sind wie ich es mir gerne wünsche, zeigen das ganz gut.

 

Wer sich weiterführend mit dem Thema auseinander setzen will, für den habe ich noch ein paar Lektürehinweise. 🙂

Umweltgeschichte: 

Arndt, Melanie: Umweltgeschichte (2010), in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11. 2.2010, URL: https://docupedia.de/zg/Umweltgeschichte?oldid=75538
(sehr brauchbarer Einführungstext, der den gesamten Aufgabenbereich der Umweltgeschichte und dessen Aktualität zusammenfasst)

Winiwarter, Verena / Knoll, Martin: Umweltgeschichte. Eine Einführung, Köln, 2007.
(v.a. Seite 43-50, Themen der Umweltgeschichte am Beispiel der Ideengeschichte, und 255-298, Gesellschaftliche Wahrnehmung von Umwelt)

Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, Bonn, 2011.
(v.a. Seite. 1-101, 255-364, 614-623)

Kulturwissenschaftliche Reflexionen: 

Landwehr, Achim / Stockhorst, Stefanie: Einführung in die europäische Kulturgeschichte, Paderborn, 2004. (v.a. S. 98 – 108)

Böhme, Hartmut: „Kulturwissenschaft“ in: http://www.culture.hu-berlin.de/hb/static/archiv/volltexte/texte/kuwilex.html

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