Wie wir mit Patriotismus umgehen.

CC BY-NC-SA 3.0 – Grüne Jugend Bundesverband

Eigentlich wollte ich bis zum Ende der EM und darüber hinaus keinen Fuß in dieses Minenfeld setzen. Aber gut. Here we go.

Es geht um Patriotismus und wie wir, die Grüne Jugend, mit dieser Denke umgehen und wie wir uns in die aktuelle Debatte einbringen und uns inszenieren. Mir persönlich ist das sehr zuwider geworden. Wieso ist das so?

In der GJ war und bin ich eine mehrschichtige Betrachtungen von politischen und sozialen Problemfeldern gewohnt; dies wird in der Patriotismus-Debatte nicht praktiziert. Im Gegenteil habe ich an mehreren Stellen sehr klar vermittelt bekommen, dass Differenzierung unerwünscht ist, denn “Patriotismus ist halt scheiße”. Es tut mir Leid das sagen zu müssen, aber das kann nicht unser Stil sein, unabhängig vom Inhalt unserer Aussagen. Und ich halte es bei einem Problemfeld wie Patriotismus und Nationalismus für schlichtweg falsch, in die Falle plumper Parolen zu tappen. Viele andere anscheinend nicht. Das wäre schade.

Sprechen wir über Patriotismus und Nationalismus, so haben wir es mit Denkstrukturen zu tun die zwar nur einen Bruchteil so alt wie die Ideen körperlicher und sozialer Geschlechterrollen sind, sich dafür aber schon ähnlich fest in unsere Körper und Wahrnehmung eingeschrieben haben. Durch das simple Bewusstmachen ihrer Konstruktivität und negativen Folgen können wir sie nicht wirkungslos machen. Das ist die Gefahr von sozialen Konstruktionen und ein Umstand, der zu oft nicht beachtet, zu oft unterschätzt wird. Dies läuft paradoxerweise Gefahr, diese Scheinwahrheiten nur mehr zu verstärken[1]. Unser Anspruch sollte sein, nicht einfach bei der Feststellung der Konstruktivität stehen zu bleiben. Dass es nicht immer Nationen und Ethnien als Konzept gab, ist vielen klar. Viel mehr sollten wir ebenfalls daran arbeiten, die Gründe für die Entstehung solcher Konzepte herauszuarbeiten und das, was wir als Übel empfinden, von der Wurzel an zu (be)greifen anstelle Wildwuchs zu stutzen.

Einem so tief eingeschriebenen Phänomen wie Patriotismus tun wir nicht Rechnung, in dem wir uns auf krasse und plakative Hetzrufe beschränken. Die schockierenden Rechtsaußen-Reaktionen auf die Position der Grünen Jugend, die der Bundesvorstand in einem Blogpost zusammen gefasst hat, sind nicht wegzudiskutieren, ebenso die menschenverachtenen und kriegsverherrlichenden Aussagen Deutscher EM-Gucker in Polen und die anderen, zahllosen Beispiele für eindeutige Grenzüberschreitungen. Gleichzeitig halte ich es für falsch, diese Extrembeispiele als vermeintlich repräsentativ für den “ach so entspannten Partypatriotismus” zu sehen und permanent in diesem Kontext damit zu argumentieren. Ein etwas überzogenes, aber in meinen Augen strukturuell ähnliches Beispiel aus einem anderen Bereich: Die Westboro Baptist Church mit ihrem flammendem Hass auf nahezu alles andere oder die unzähligen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind für mich keine brauchbaren Argumente gegen Religionen und für ein Leben ohne Gott. Wir dürfen uns hier nicht verführen lassen. Das sind keine guten Argumente. Es gibt viel bessere und vor allem passendere Argumente. Das Verwenden von platten Argumenten macht angreifbarer. Dass das dem Niveau der Debatte nicht zuträglich ist, zeigt nicht nur die Polemik der Jungen Freiheit & der WELT, sondern auch der eher unreflektierte und vereinfachende offene Brief der GJ-Hessen (PM.pdf) an den Bundesverband. Dagegen zu argumentieren, fällt natürlich halbwegs einfach und produziert das Gefühl von Überlegenheit und Rechthaben in einer Debatte.

Das hat die wichtige und vielbeachtete, unter dem Sammelband “Deutsche Zustände” zusammengefasste Studie vom Institut für Gewalt- und Konfliktforschung – eine Studie die nicht oft genug ins Spiel gebracht werden kann und gerade von der GJ sehr oft verwendet wird – nicht getan. Menschen entscheiden sich nicht eines Morgens bewusst dafür, sich patriotisch und / oder nationalistisch zu verhalten (zumal es methodisch schwierig ist, Patriotismus und Nationalismus einfach gleich zu setzen). (Selbst-)Integration erfolgt schleichend. Amartya Sen hat sehr gut illustriert, dass Identitätslosigkeit bzw. das externe Absprechen der eigenen Identität zu Radikalisierungsprozessen führen kann[2]. Ein nicht gerade gelungener, aber in eine wichtige Richtung zeigender Artikel der Zeit zu türkischem Rechtsextremismus (sic) endet beispielsweise so:

Erleben sich junge Menschen aber in der Schule und zu Hause als ohnmächtig und ohne Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten, kann eine Ideologie, die die Überlegenheit der eigenen Ethnie postuliert, kompensatorisch wirken. Das gilt ebenso für Neonazi-Nachwuchs wie für rechtsradikale Migranten.

Die Migration führt ganz von alleine zu komplexen Identitätskonzepten. Die postmigrantische Kulturszene Berlins (Ballhaus Naunynstraße, Neuköllner Oper ect. pp.) kann ein Lied davon singen. Hier werden diese potenziellen Probleme kreativ in künstlerische Schaffenskraft kanalisiert und zur Inszenierung verwendet. Das dieses Glück nicht viele Migrant*innen haben, ist leider auch klar. Auch in der Studie die während der WM 2006 entstanden ist, wird der Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und eigener Orientierungslosigkeit sehr gut aufgezeigt:

“Eigene Desintegrationserfahrung”, so das Fazit, “führt zu einer geringeren Bereitschaft, Immigranten zu integrieren.” Ausgegrenzte Deutsche solidarisieren sich also nicht mit ausgegrenzten Fremden, sondern setzen sich umso stärker von diesen ab.

Ich wage mich weit genug aus dem Fenster und unterstelle den zahllosen Renationalisierungsprozessen in Europa ebenfalls Gründe wie diese. Diese Gründe die Patriotismus und dessen Auswirkungen kultivieren, werden von der GJ-Argumentation kaum berücksichtigt. Migrant*innen und solche, deren Familien auf einen Migrationsprozess zurückblicken dürfen, denen von fremdenfeindlichen Mitschüler*innen verweigert wird sich “Deutsch” nennen zu dürfen, gibt es. Das Label  “Vaterlandsverräter*in” muss mensch sich erst einmal leisten können. Wenn dann noch von Links diese komplexe Identitätsfrage und ihre sozialen Gründe und Auswirkungen einfach ausgeblendet wird, dann löst dies keine Probleme. Es gehört in der Regel eine gewaltige Menge an kulturellem Kapital zu der Entscheidung, sich bewusst und autonom dazu entschieden haben, sich über andere Dinge als nationaler Zugehörigkeit zu definieren. Dem sollten wir uns sehr bewusst sein. Auch, dass dieser neue Patriotismus, der gerne mit Party-Patriotismus relativiert wird, einem Nationalstolz neuen Typs entspricht und daher neue Argumente gebraucht werden. Es ist kein politischer, wie ihn Sturm und Drang respektive Schiller feierte, noch ist es kein apolitischer, wie er gerne so dargestellt wird. Er hat eine Form, die ich zumindest nicht für mich persönlich fassen kann.

Stattdessen erlauben wir uns den Luxus, einfach nur den Zeigefinger zu erheben und die Menschen um uns herum für ihr unmoralisches Fehlverhalten zu schelten. Wir differenzieren das Phänomen Patriotismus nicht ausreichend aus und erlauben uns platte, plakative Kritik. Dabei kann aggressiver, ausschließender Patriotismus in dieser Qualität, in dieser fremdenfeindlichen Interpretation, allerdings nur dort entstehen und Zulauf erhalten, wo Sozialsysteme kein Vertrauen mehr erhalten, Menschen sich allein gelassen und sich ihrer eigenen Identität beraubt fühlen. Können wir es uns als priviligierte Schicht ernsthaft leisten, so einfach mit einem Konzept umzugehen, welches soziale Schräglagen regelrecht benötigt, um die Illusion einer vormodernen Pseudo-Solidargemeinschaft unter vermeintlich Gleichen zu reproduzieren?

Nein. Ein Feuer zu löschen ist immer kostspieliger als Brandschutzmaßnahmen, auch wenn es den größeren Adrenalinschub verspricht.

Die Antwort sollte lauten: Natürlich sollten wir die Patriotismus bzw. politische Konzepte differenzierter betrachten. Nur dann können wir die Strukturen unserer Welt begreifbar machen, demaskieren, problematisieren. Und nur dann können wir mit einer wirklichen Perspektive durch die Welt gehen, eben jene zu verändern. Unser Anspruch als Jugendorganisation sollte kein Geringerer sein. Ich habe vor einiger Zeit getwittert, dass eines meiner Lebensziele sei, später als Zeitzeuge über die Zeit zu berichten in der es noch ein “Deutschland” gab. Das ist immer noch ein sehr angenehmer Gedanke. Aber mir ist ebenfalls bewusst, dass die Idee des Nationalstaates durch eine andere Idee ersetzt werden muss, die ähnliche Bedürfnisse befriedigen kann, auch, um eben auch die vorhandenen positiven Emotionen die das patriotische Gemeinschaftsgefühl produziert zu kanalisieren. Ein Konzept für eine solche neuartige Idee liefern wir nicht zureichend. Wir reichen genau denen, die den Vertrauen in den Sozialstaat verlieren und sich in die falsche Geborgenheit der fahnenschwenkenden Gemeinschaft flüchten nicht die Hand und laden sie ein, etwas Neues aus alten Trümmern aufzubauen. Wir sind so arrogant, wie es nur die Sorte priviligierter Menschen sein kann, die sich ihrer eigenen Identität sicher sein können.  Dabei ist ein Alternativkonzept für die postideologische, postmoderne Welt, in die wir unweigerlich hinein steuern, bitter notwendig. Identitäten werden flüssiger, Organisationsformen verlieren Vertrauen. Hier können wir es uns nicht leisten, dass Menschen alleine gelassen werden.

Wenn uns etwas an einer vernünftigen Kritik an Patriotismus liegt, dann kann eine solche nur über das Sichtbarmachen der Faktoren erfolgen, die die Zustimmung zum Flaggenkult generieren. Nicht jedoch nur über das schlichte Abkotzen über diesen. So viel Anspruch sollten wir, so wie wir auftreten, auch an uns selbst haben. Und leider fehlt mir das in der derzeitigen Debatte und im Umgang der GJ damit vollends.

[1] Eine kritische Reflexion der Denkfigur “soziale Konstruktion” findet ihr unter anderem in Ian Hackings fabelhafter Polemik “The Social Construction of What?” Hacking kritisiert nicht das Prinzip, sondern viel mehr die damit verbundenen politischen Hoffnungen, die den emanzipativen Charakter der simplen Feststellung dass etwas sozial konstruiert sei, massivst überhöhen.

[2] Amartya Sen hat in “Die Identitätsfalle” eine eindrucksvolle Vortragsreihe verewigt, in der er die Illusion eines “War of Culture” mit einem Verweis auf die Vielschichtigkeit menschlicher Identitäten dekonstruiert. Gleichzeitig weißt er auf die Gefahr hin, die Politik und Gesellschaft eingehen sobald sie mit Identitätszugehörigkeiten Politik machen wollen. Besonders das Absprechen von Zugehörigkeiten steht für ihn ihm Zusammenhang mit Radikalisierungsprozessen.

5 Gedanken zu “Wie wir mit Patriotismus umgehen.

  1. Also nur kurz zu drei Aspekten, bei denen ich dir widersprechen möchte:

    1.”Sprechen wir über Patriotismus und Nationalismus, so haben wir es mit Denkstrukturen zu tun die zwar nur einen Bruchteil so alt wie die Ideen körperlicher und sozialer Geschlechterrollen sind, sich dafür aber schon ähnlich fest in unsere Körper und Wahrnehmung eingeschrieben haben.”
    – von mir aus mag das Denken in Nationen als einzig machbare politische Vergesellschaftungsform ein ziemlich naturalisiertes Phänomen sein, zumindest strukturell analog zu Geschlechtern. Aber wenn ich diese Analogie weiterführe, dann würde ich Patriotismus/Nationalismus noch eher auf eine Stufe mit Sexismus stellen (nur was das Verhältnis zur Denkeinheit: Nation bzw. Geschlecht angeht) – Sexismus ist kein Teil der naturalisierten Geschlechterordnung, wir nehmen ihn wahr, er ist und wird markiert als das Abweichende (das stimmt auch denn, wenn manche leute sich sexistisch äußern und es nicht einsehen möchten), er ist politisch, weil er als gesellschaftlich veränderbar scheint (das gilt für geschlechtsidentitäten nicht unbedingt). Ähnlich sehe ich das für den Patriotismus/Nationalismus. Der ist hinterfragbar und fragil, weil politisiert. Und eben auch politisch instrumentalisiert.

    2.”Aber mir ist ebenfalls bewusst, dass die Idee des Nationalstaates durch eine andere Idee ersetzt werden muss, die ähnliche Bedürfnisse befriedigen kann, auch, um eben auch die vorhandenen positiven Emotionen die das patriotische Gemeinschaftsgefühl produziert zu kanalisieren. Ein Konzept für eine solche neuartige Idee liefern wir nicht zureichend.”
    – ich denke du verharrst damit in dem Denken, dass es ein wesenhaftes, grundlegendes Bedürfnis sei, unabänderlich also, dass Menschen kollektive Identitäten brauchen, weil ihnen sonst der Quell positiver Gefühle fehlen würde. Alles wo ich mitgehen würde ist: um politisch handlungsfähig zu werden, nicht nur als Einzelner, sondern als Kollektiv, braucht es verbindende Ideen/Ziele – aber was du suchst ist eine deckelnde Ideologie, die Unterschieder innerhalb einer Gruppe homogenisiert. Ich denke nicht, dass wir so etwas anbieten müssen, also einen Ersatz für die Nation finden sollten, unter dem sich trotzdem alle gemütlich zusammen kuscheln können. Antwort auf eine Zeit, in der feste (Kollektiv)-Identitäten ins Wanken geraten, kann nicht eine “hübsche und gute” Kollektividentität sein, sondern die Umdeutung als “Befreiungsschlag” die wir antreten könnten.

    3. Ich finde es auch ein wenig arrogant, eine so eindeutige Kausalkette aufzubauen zwischen “Bildungs – und Arbeitsmarktverlierer_innen” und Abdriften in die nationalistische Stützidentität – oder sagen wir zumindest paternalistisch. Es sind eben gerade nicht ausschließlich Menschen, die “allein gelassen” sind in der Krise, sondern solche wie Brüderle, Jura-Studierende, BMW Fahrer_innen usw. (weitere Klischees können angefügt werden), die sich die Fähnchen ans Auto haken und finden, dass “die Griechen” langsam mal genug gefordert haben. Also keine Leute die in die Kategorie “armes schwein, dessen miserable lage ich verstehen muss” fallen…

    In deiner Kritik der Verkürzungen und dass diese manchmal Schaden (als auch Nutzen) anrichten können, würde ich aber zustimmen. Unsere mediale Landschaft gibt es nur leider auch so gar nicht her, sich mal wirklich dazu hinzusetzen, einander zuzuhören und Argumente auszutauschen, wie heute bei Hart aber fair gesehen….

  2. Hey!

    ich bin mir nicht ganz sicher ob ich – der fortgeschrittenen Zeit sei dank – deine Aspekte jetzt adäquat behandeln konnte, aber hier meine Entgegnungen:

    1)
    Mit dem “Geschlechter < -> Nationen”-Vergleich wollte ich hervor heben, dass die Idee von Nationen und der Ethnie als Identitätsstütze innerhalb kürzester Zeit geschafft hat, ähnlich natürlich zu wirken wie “Geschlecht” als Wahrnehmungskategorie (und dabei begleitet uns das “Gender” bzw. das Geschlecht viel länger). Ich würde die Analogie ebenfalls weiterführen und eher mit Sexismus als mit Geschlechteridentitäten arbeiten, da ja beide zwangsläufig mit der Identifizierung und Abwertung des anderen arbeiten, also beides eindeutig politisch und instrumentalisierbar ist. Ich glaube wir haben da keinen großen Dissens.

    2)
    Diesen Punkt hätte ich mehr ausführen müssen fürchte ich. Hier tendiere ich auch eher zum Ausformulierung von konkreten Zielen oder Richtungen, die sich ein wie auch immer geartetes Kollektiv geben sollte als “Ersatz” für die Idee des Nationalstaates. Wir werden weiter beobachten müssen wie sich “Identität” immer weiter fragmentiert und dadurch mögliche Kollektive zur Unkonkretheit gezwungen werden müssten, um letzten Endes völlig widerspruchsfrei zu bleiben – und ich denke, die ersten Anzeichen dieser Auflösung sehen wir heute auch schon. Eine mögliche Reaktion wäre darauf in der Tat ein “Befreiungsschlag”, der die Absurdität der nationalen Logik sichtbar macht. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieser Prozess tatsächlich durch einen solchen singulären Akt oder eher durch eine fortwährende, immer höher strebende Kollektividentität (Deutschland -> Europa .> Erde/Menschheit) nachhaltig wirksam bleiben würde. Ich bin, was meine Meinung zu dem Bereich angeht, aber selber auch nicht wirklich gefestigt. Langfristig sehe ich einen kompletten Wegfall der Notwendigkeit exklusiver Kollektivideologien, kurzfristig hapere ich damit, ob nicht die Idee eines offenen Europas zumindest einige Hürden nehmen könnte. Andererseits ist die Idee des Nationalstaats nur 200 Jahre alt und beim Alter von “Deutschland” wird mensch sich schnell uneinig. Aber es sind relativ junge Konzepte, und was schnell etabliert wurde kann ebenso schnell ersetzt werden, rein ideentechnisch.

    3)
    Du hast recht, ich argumentiere in der Tat arrogant bzw. paternalistisch. Die von dir angesprochene Kausalkette wollte ich nicht so eindeutig ziehen wie es nun im Text drin steht. Was ich beim Schreiben hervorheben wollte war, dass wir in der Debatte zu oft unter den Tisch fallen lassen wieso Patriotismus und Nationalismus entstehen und Zulauf erhalten können. Hier kommt wieder die “Orientierungslosigkeit”-Karte ins Spiel, weil sie mir als guter, wenn auch unpräziser Oberbegriff für die “Reaktion auf die Vergesellschaftung der Welt in der Moderne” dienlich ist. Aber die Renationalisierungsprozesse in Europa wachsen gerade dort, wo sich Menschen offen als Verlierer*innen bestehender Systeme sehen und dabei zur Machtsteigerung (rechts)konservativer und / oder rechtsradikaler Kräfte beitragen, auch weil sich die politische Linke gerade äußerst schwer tut. Amartya Sen schrieb dazu, dass das Gefühl die eigene Identität zu verlieren dazu führt, dass Menschen sich schneller radikalisieren, um sich als Inhaber dieser Identitäten zu beweisen (reduziertes Beispiel: Den Attentätern vom 11. September abzusprechen Moslems gewesen zu sein weil der Islam aus politischen Gründen als “Religion des Friedens” bezeichnet wird hat mit dazu geführt, dass sich viele eher militant eingestellte Muslime “jetzt erst recht” gegen die gemäßigten Strömungen gewendet haben). Ich würde soweit gehen und sagen, dass dieses Identitätsproblem mit mehr Kapital (ökonomisch/sozial/kulturell) abnimmt, es sei denn es ist an die Kapitalakkumulation direkt oder indirekt gekoppelt. Wer von Nationalismus profitiert und weiter davon profitieren will, in was für einer Form auch immer, ist wahrscheinlich auch eher (un)bewusst bemüht, diese Strukturen beizubehalten oder es alternativlos zu nennen. Meistens sind es jedoch nicht diese Menschen, die wir durch die alltägliche Patriotismus- und Nationalismuskritik miteinbeziehen, weshalb ich auch für eine andere Herangehensweise plädieren würde (zumal ich mir Sorgen mache, ab wann der von Sen angesprochene Radikalisierungsprozess eintreten würde, und wo das Mittelding zwischen der Notwendigkeit der Problematisierung und dem Vermeiden von Opferszenarien liegen könnte).

    Hart aber fair hat mich wieder daran erinnert dass Sexismus und nationalistisches Abwerten anderer Menschen immer noch weitläufig sind. Ziemlich deprimierend. Da habe ich auch zwischenzeitlich daran gezweifelt, ob ein anderer Diskurs wie einen solchen den ich hier im Blog fordere wirklich möglich ist. :-/

  3. Ein Aspekt, der noch gar nicht angesprochen wurde:
    Gibt es nicht auch einen positiven, friedlichen Verfassungspatriotismus?
    Bezogen auf den deutschen Kontext: Der Stolz auf die beste Staats- und Regierungsform, die es je auf deutschem Boden gegeben hat. Die hohen Zustimmungswerte zu DEMOKRATIE (90%) und den grundlegenden Verfassungsorganen, z.B. dem Bundesverfassungsgericht.
    Und noch ein Wort zum Ausmaß von Nationalismus: Die Fußball-WM 2006 in Deutschland wurde international in den höchsten Tönen gelobt. Auch deswegen, weil die Symbole des deutschen Patriotismus (insb. Fahnenmeer auf den Fanmeilen) und das Verhalten der Fans äußerst gelassen, durchaus dezent, und klar auf das Ereignis bezogen, wahrnehmbar waren.
    Oder noch etwas: in (fast) jedem amerikanischen Garten weht die US-Fahne, in deutschen Gärten doch ziemlich selten.
    Oder: Ein Kollege berichtete mir von einem internationalenStudententreffen in den 1970ern. Die anderen Studenten (Frankreich, UK, …) hatten alle Fahnen dabei und nationale Lieder. Die deutschen Studenten waren “klinisch rein”.

    Also ich denke dass der bundesdeutsche Patriotismus äußerst verhalten und eben gar nicht nationalistisch daherkommt. Und das gefällt mir sehr gut.

  4. Auf dem Papier lassen sich Patriotismus und Nationalismus recht sauber trennen. Im Rahmen des sogenannten “Party-Patriotismus”, und darum geht es ja hauptsächlich in dieser Debatte, lässt sich allerdings nur feststellen, dass hier Patriotismus als Begriff falsch verwendet wird. Dazu und zu den sozialwissenschaftlichen Studien gibt es seit gestern wieder einen neuen, guten Artikel in der Süddeutschen: http://www.sueddeutsche.de/wissen/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854

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