SPUNK – Anarchie – Was ist das überhaupt?

…jedenfalls mehr als nur ein Kampfbegriff von Konservativen gegen Links.

Eines vorweg: Die Auseinandersetzung mit Anarchie und schon alleine mit dem Begriff ist eine theoretische und läuft schnell Gefahr, ins linksakademische Herumgeschwurbel abzudriften. Dies ist nicht zuletzt deshalb der Fall, weil wir ähnlich wie beim Kommunismus bisher kaum konsequente Umsetzungen in der Menschheitsgeschichte beobachten konnten und sich die Vorstellungen anarchistischer Praxis aus diesem Grunde notwendigerweise sehr unterscheiden.

Grundsätzlich beschreibt Anarchie Formen des Zusammenlebens, die maßgeblich von „Herrschaftslosigkeit“ geprägt sind. Diese Denkweise wird aus der Grundannahme geboren, „Herrschaft“ jeglicher Art, also das Beeinflussen der Handlungsmöglichkeiten von einer Gruppe von Menschen durch andere Menschen bzw. durch Strukturen, sei für das Funktionieren von menschlichen Gemeinschaften kontraproduktiv. Daher versucht die anarchistische Theorie Mittel und Wege zu finden, eine Gesellschaft zu entwerfen, die (weitestgehend) ohne Formen von Herrschaft auskommen kann. Wie oben bereits erwähnt, gibt es im anarchistischen Spektrum eine ungeheure Vielfalt an Konzepten, welche sich beispielsweise um die beiden Pole „Individualismus“ (Anarchokapitalismus) und „Kollektivismus“ (Anarchosyndikalismus) herum organisieren lassen. Die Abstraktheit von Staaten, Gesetzen und Regeln wird im Anarchismus zum Anlass genommen, deren Notwendigkeit grundsätzlich zu hinterfragen.

Wie sich diese Herrschaft zeigt, wird unterschiedlich gesehen: Anarcho-Primitivist*innen sehen schon im Wandel von einer Nomad*innen- zu einer Agrargesellschaft und in der wachsenden Abhängigkeit des Menschen zur Technologie eine indiskutable, die Natur des Menschen korrupierende Form von Herrschaft. Auf der anderen Seite können Anarchokapitalist*innen auch gut in der Tea-Party oder im marktradikalen Flügel der FDP ein muckeliges Zuhause finden – Ablehnung staatlicher Interventionen und ein klar negatives Verhältnis zu Steuern sei Dank. Letztere sprechen sich auch gerne mal für Waffenbesitz aus, da sie das Recht zur Verteidigung ihres Privateigentums und anderer Rechte nicht an externe Akteure wie den Staat oder die Polizei delegiert sehen wollen.

Wenn in den Medien von „anarchistischen Verhältnissen“ gesprochen wird, wird damit eigentlich die sogenannte „Anomie“ beschrieben, welches völlige Ordnungs- und Normenlosigkeit meint. Damit wird „Anarchie“ als nihilistischer Zustand des Chaos diskreditiert – wohl auch, aber nicht nur aus Unwissenheit. Je nach Auslegung kommen anarchistische Gemeinschaften und Kollektive jedoch auch mit einem festen Regelwerk des Zusammenlebens aus – nur wird dessen Durchsetzung in solchen Fällen zum Beispiel über flache Hierarchien geregelt.

Falls ihr jetzt neugierig geworden seid, so sei euch der hochwissenschaftliche und empirisch fundierte Anarch-O-Mat auf der letzten Seite dieses SPUNKs ans Herz gelegt. Dort könnt ihr heraus finden, was für ein Typ Anarchist*in ihr persönlich eigentlich seid und das als Anlass für anarchistische Streicheleinheiten unserer Verbandsstrukturen nehmen! 😉

Anarcho-Schnorri

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 69: “Gewalt und Zwang” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im Juni 2012.

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