SPUNK – Automatisierung, Nein Danke?

Ein Plädoyer für Roboter, die Menschenarbeit übernehmen.

Automatisierung beschreibt den Prozess, schrittweise einzelne Aspekte von Produktionskreisläufen menschliche Arbeiter*innen durch Maschinen zu ersetzen. Wir müssen bei jeder Form von Arbeit, die ohne einen Qualitätsverlust in der Produktion automatisiert werden kann, grundsätzlich die Frage stellen, ob wir diese Arbeit in unserer Gesellschaft unbedingt von Menschen ausgeübt sehen möchten. Wenn wir über die Automatisierung von Arbeit diskutieren, so ist dies nicht mehr eine Diskussion, die sich nur über Sozialstrukturen führen lässt. Genauso wie Menschen sich nach einer eigenen Identität sehnen, klammern sie sich an all das, was ihnen diese Identität gegeben hat oder verspricht. Auch Arbeit schafft (Gruppen-)Identitäten und kann als integratives Mittel betrachtet werden. Ein theoretisches Infragestellen mancher oder gar aller Lohnarbeit löst daher ganz selbstverständlich heftige Abwehrreaktionen aus; immerhin attackiert sie einige Menschen in ihrer Persönlichkeit.

Dabei kann ich nicht einmal mehr dazu aufrufen, die Automatisierung als „Chance“ aufzufassen. In Japan wird die Automatisierung vieler Arbeitsbereiche vor allem als „Notwendigkeit“ gesehen. Von einer Vollbeschäftigung für jede*n in Deutschland zu träumen, verkennt die Lebensrealitäten von Millionen „Arbeitslosen“ und die Rationalisierungsprozesse innerhalb der wirtschaftlichen Produktionsprozesse. Es ist Zeichen eines unreflektierten Arbeitsfetischismus, der in seinem Wahn einen kausalen Zusammenhang zwischen Menschenwürde und dem Ausüben einer überhaupt erst als „Arbeit“ anerkannten Tätigkeit sehen will. Gleichzeitig wird freilich selten darüber diskutiert, inwieweit die bereits bestehenden Automatisierungsprozesse zurückgefahren werden sollten – ganz einfach: Sie haben die Notwendigkeit qualifizierter Arbeit geschaffen. Hier liegt die Zukunft.

Hochentwickelte Maschinen verlangen nach Instandhaltung und kontinuierlicher Forschung. Selbst innerhalb der Fabriken wandeln sich Arbeitsfelder im Lichte der Automatisierung. Selbstverständlich werden es quantitativ weniger Arbeitsplätze sein, aber diese Berufsfelder werden qualitativ vollkommen anders sein. Dies ist bereits in Ansätzen in der Automobilindustrie beobachtbar – die von Robotern übernommenen Aufgaben werden nur noch in Fabriken für „Luxusschlitten“ per Hand getan. Und niemand beweint den Tod der Menschenwürde. Stattdessen ist die wenige verbleibende Handarbeit in diesem Sektor hochqualifiziert und geachtet.

Aufgabe der Politik sollte es sein, diese Entwicklungen zu fördern und dafür zu sorgen, dass niemand auf der Strecke bleibt. Sie muss für die Möglichkeit von Weiterbildungsmaßnahmen genauso kämpfen wie für ein anderes, weniger romantisches Bild der Lohnarbeit. Arbeit und die Notwendigkeit „menschlicher“ Arbeit ist ein Produkt langer sozialer Einschreibungspraktiken. Sie ist Teil unserer Gesellschaft ähnlich einer Brandmarke. Einer solchen, von der wir uns mittlerweile nicht mehr vorstellen können, ohne sie geboren worden zu sein. Fest steht jedoch: Allzu lange wird die Erde nicht mehr mit menschlichen Wachstums- und Arbeitsplatzphantasmen auskommen können. Die Frage der Automatisierung ist damit unweigerlich mit der sozialen, ökonomischen und ökologischen Frage verknüpft.

Die erste Erwähnung des „Roboters“ findet sich übrigens in Karel Čapeks Theaterstück „R.U.R. – Rossum’s Universal Robots“. Ursprünglich sollten sie „Labori“ oder dělňasi heißen – „Arbeiter*innen“. Sein Bruder brachte ihn aber darauf, sie nach dem tschechischen „Robota“ zu benennen, das Wort für Schinderei, harter und erzwungener Arbeit. Roboter für genau diese Arbeit zu nutzen sollte im Zentrum der Debatte stehen und nicht die Besetzung von Onkel-Emmerich-Läden mit Robotern.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 68: “Arbeit” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im März 2012.

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