SPUNK – Die Stadt ist auch ein Ökosystem!

Natürlich(keit) dekonstruieren, Chancen sehen!

Seit das Phänomen des urbanen Raumes die europäische Bühne betrat, veränderte sich der Gegensatz von „Natur“ und “Kultur“. Wo vorher noch der Gegensatz von Mensch und Natur ein bezeichnendes Element in den damaligen Diskursen darstellte, wechselte dies zu Beginn des Industriezeitalters. Nun war das Wesen des Menschen natürlich, und die Stadt, als Speerspitze der Technologie und umfangreicher baulicher Erschließung, wurde sein Gegenteil. Als die Industrielle Revolution in Europa zu wüten begann, dominierten kalte, lebensfeindliche und leere unnatürliche Städte die Gedichte zeitgenössischer Künstler*innen. Städte wurden nicht als artgerechte Lebensräume des Menschen, geschweige denn für irgendwelche anderen Tiere gesehen. Heute hat sich der Mensch mit der Stadt arrangiert (und als Konsequenz daraus werden 2030 schätzungsweise 60% der menschlichen Gesamtpopulation in Städten zu finden sein (1)). Auch die deutsche Umweltpartei schlechthin kann ihre besten Wahlergebnisse erstaunlich häufig in den deutschen Großstädten feiern.

Im Rückblick ist zuzugeben: Es ist nicht zu mechanischen Dystopien gekommen. New York hat mit dem Central Park eine der größten Parkanlagen der Welt, und das Tempelhofer Feld in Berlin ist mit dem Tiergarten in guter Gesellschaft. Was für eine Zynikerin “Alibigrün” ist, bezeichnen Ökologinnen als „Grüne Lungen“ der Großstädte. Fakt ist jedoch: Von einer Ekumenopolis (2) kann nicht gesprochen werden.

Städte sind genauso Lebensräume wie die gern als unberührt bezeichnete Natur auf dem Land. Die vermeintliche Unterscheidung, dass die Ordnung und Steuerung der Natur in Städten vom Menschen ausgehen soll (während sich nicht-urbane Räume gerne mit einem angeblich symbiotischen Verhältnis zur Umwelt schmücken) ist nicht ausreichend. Agrarwirtschaft ist in jeder Form nichts anderes als ein massiver Eingriff in das, was der Mensch gerne als „natürliche Ordnung“ oder „Ökosystem“ beschreibt – ökologischer Anbau und Bestäubung von Bio-Bienen hin oder her. Von Symbiose kann daher auf keinen Fall die Rede sein, denn systematisch Boden umzupflügen, mit mehr oder weniger fremdem Saatgut zu bepflanzen und das Gras mit Herden niederzumähen, die so groß sind, dass sie niemals ohne Einwirkung des Menschen überlebensfähig wären, ist wohl nur für illusorische Romantiker*innen ein natürliches Unterfangen.

Die ständige Moralisierung von „Natürlichkeit“ beherbergt große Gefahren. Wir dürfen nicht vergessen, dass der rassistische Exotismus und der Sozialdarwinismus eindeutig auf einer moralisierenden Auffassung von Natur basieren. Denn nur, wo Natur klar von Kultur abgegrenzt wird, entsteht „Primitivität“ alias „Unberührtheit“. Dagegen scheint der Gedanke, dass unser Naturbegriff ein kultureller sei, und Kultur eine natürliche Ausdrucksform des homo sapiens sein könnte, noch nicht im öffentlichen Diskurs in einem Maße präsent, wie es wünschenswert ist.

Fassen wir Städte als einzigartige Ökosysteme auf, bietet diese Betrachtungsweise Chancen. Zweifellos sind die Lebenwelten „Stadt“ und „Land“ durch Klassifikations- und Strukturunterschiede voneinander abgrenzbar, nicht jedoch durch eine „Entfremdung“ von der Natur oder eine „Entökologisierung“. Jedes System, das sich der Mensch zurecht legt, bietet genügend Schlupfwinkel, (mensch kann auch gleich ökologische Nische dazu sagen) in denen sich sonstige Tiere, Mikroorganismen und Pflanzen niederlassen können. Es ist uns Menschen gar nicht möglich, einen unnatürlichen Raum in Städten zu schaffen. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als auch Städte als einzigartige, schützenswerte Ökosysteme zu betrachten.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 66: “Stadt und Land” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im August 2011.

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