SPUNK – Eine kleine Kulturgeschichte der Gesundheit

Was Gesundheit ist, scheint eigentlich klar definiert: Folgen wir der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, so ist “Gesundheit” ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. So weit so gut. Wäre da nicht das leidliche Wort “Wohlergehen”, könnten wir das Ganze eigentlich auch stehen lassen.

Der Gesundheitsbegriff befindet sich im schmalen Grad zwischen Natürlichkeit und Unnatürlichkeit, zwischen der Wertung von langem und kurzem Leben. Wie so viele andere Begriffe in unserem Sprachgebrauch macht auch hier der Relativismus nicht davor halt, aus diesem vermeintlich klaren Begriff eine undurchsichtige Suppe zu machen, die zum besseren Verständnis erst einmal aufgeschlüsselt werden muss. Der von einer Schlange umwundene Stab des Asklepios zum Beispiel, eines der symbolträchtigsten Zeichen des gesamten Mediziner*innenstandes, symbolisiert die Verschränkung von Medizin und eines gewissen Aberglaubens, sowie des Dualismus von Heilmitteln und Giften (politisch unkorrektes Beispiel: Das Bild des Medizinmannes). Therapieformen wie der Aderlass und die Viersäftelehre signalisieren ein spezifisches Verständnis des menschlichen Körpers, welches im Gegenzug Therapieformen normierte und bestimmte. Ferner ermöglichte die Verknüpfung von physischen und psychischen Leiden mit religiöser Frömmigkeit und dem Achten bestimmter gesellschaftlicher Normen eine Politisierung der Gesundheit; wer ein gesundes Leben führen wollte, sollte sich meist religiösen Normen und Sitten unterordnen. Zu Bestimmen, was Gesund und Ungesund war, und welche Faktoren dazu führen konnten, erwuchs daher auch zu einem höchst potenten Machtfaktor. Eine Zäsur in der europäischen Kulturgeschichte der Gesundheit stellt – wie überall auch – die Aufklärung dar.

Europa, was im 19. Jahrhundert im Zuge der Moderne vom Biologismus fasziniert wurde und sämtliche Eigenarten des menschlichen Zusammenlebens vor dem Hintergrund einer biologischen Determination verstehen zu versuchen wollte, entwickelte daher verständlicherweise eine biologistische Auffassung von Krankheiten, insbesonderer Psychischer. (Als sie dann noch heraus fanden wie Nervenzellen funktionierten, war es um die Ärzt*innen geschehen; auch noch heute ist er Diskurs zwischen Neurowissenschaftler*innen über die biologische Determinierung des Verhaltens sehr lebhaft und aus philosophischer Perspektive unglaublich spannend.). Wirklich “herausgefordert” oder – diplomatischer ausgedrückt – durch andere kulturelle Kontextinformationen ergänzt wird dieses westliche, sich auf den Schwingen der Globalisierung überall ausbreitende Gesundheitsverständnis auf akademischer Ebene erst langsam. Ein mögliches Beispiel bietet die wachsende Akzeptanz der “fernöstlichen” Medizin, insbesondere der Akupunktur. Aber auch in anderen Bereichen gibt es Spannungs-; und Berührungsfelder, vor allem im psychotherapeutischen Bereich. Schritte wie amerikanischen Therapeut*innen bei der Behandlung von Mitgliedern der indigenen Bevölkerung Amerikas zu empfehlen, nebeneinander statt sich gegenüber zu sitzen, mögen kleine Schritte hin zu einem interkulturellen Gesundheits-; und Therapieverständnisses sein, aber sie führen zu nachweisbaren Therapieerfolgen. Gesundheit kann nur als ein Gesamtbild aus Körper, Psyche und kulturellen Einschreibungen verstanden werden.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 67: “Gesundheit” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im Dezember 2011.

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