SPUNK – Kuschelrobben und Haushaltsroboter – Altenpflege in Japan

oder: Denkt denn niemand an die Arbeitsplätze?!

Wir kennen alle das Herumgezeter um den demographischen Wandel. Die Bevölkerung wird immer älter, der Nachwuchs lässt vergeblich auf sich warten; die Gesellschaft “überaltert”. Von überall kommen Rufe nach zusätzlichen Pfleger*innen, die Abschaffung der Wehrpflicht (und damit verbunden des Zivildienstes) führte gar zu Existenzängsten in der Branche der Pflegeberufe; auf der anderen Seite entdeckt die Privatwirtschaft den “Zukunftsmarkt Altenpflege” und verspricht mal wieder ganz viele Jobs. Dass das auch ganz anders gehen kann, sogar Arbeitsplätze spart und ganz nebenbei für unsere technikaffine Generation furchtbar interessant ist, zeigt ein anderes Land mit einem geringfügig größerem Anteil an Menschen über 65, einem Faible für Technologie und Geronotologie: Japan. Die Antwort die sich im Land der aufgehenden Sonne finden lässt: Roboter! Wie sollte es auch anders sein?

Dabei ist nicht die Rede von vornehmlich menschenähnlichen Robotern – Die Gesellschaft in Japan scheint diesbezüglich recht gelassen zu sein. Die “Kuschelrobbe Paro” sieht aus wie ein Stofftier und bedient sich den Erfahrungen aus tiergestützten Therapien (wobei diese Variante hoffentlich vegan ist), nur dass Paro rund um die Uhr im Einsatz sein kann; Therapiehunde können beispielsweise nur 3 Stunden am Tag “arbeiten”. Paro kann das Verhalten seines Gegenübers wahrnehmen, reagiert auf Berührungen und Zuspruch wie auf Vernachlässigung – Und produziert damit emotionale Reaktionen bei älteren Menschen. Paro erzeugt die Illusion eines lebenden, mit Bezugspersonen interagierenden Lebewesens und scheint so erfolgreich in der Behandlung und Beschäftigung älterer Menschen und Demenzkranker zu sein, dass er mittlerweile sogar nach Europa importiert wird.

Auf der anderen Seite begehen findige Ingenier*innen in Japan den großen postindustriellen Frevel und arbeitet daran, die Haushaltsarbeit zu automatisieren. Wenn im Jahr 2030 knapp 25% aller Japaner*innen 65 Jahre und älter sein werden, dann können sich diese dank der beachtenswert hohen Lebenserwartung auf einen langen Ruhestand freuen. Da gleichzeitig immer mehr Frauen einen Beruf ergreifen wollen, fallen die traditionell innerhalb der Familie befindlichen Pflegeaufgaben immer mehr auf Dritte; nur ungünstig, wenn sich immer weniger Menschen in Nippon die Krankenpflege als Beruf vorstellen. Da der Einsatz ausländischer Pfleger*innen lediglich Debatten losbricht, es aber bedingt durch die weit verbreitete Xenophobie selten zu einer Arbeitserlaubnis für ausländische Fachkräfte kommt, ist die Einbeziehung der Robotik in diese gesellschaftliche Programmatik sogar recht vorhersehbar. Aus diesem Grunde gibt es mittlerweile schon Roboter, die das Bett beziehen, den Müll entsorgen, Wäsche waschen und aufhängen und einen Menschen in und aus dem Rollstuhl tragen können. Der Mensch delegiert mehr und mehr seiner eigenen Aufgaben an Schaltkreise.

Was für die meisten WGs ein Gottesgeschenk wäre, reißt gleichzeitig eine ziemlich spannende philosophische Frage auf: Wie menschenwürdig ist es, alten Menschen einen Roboter anstelle von Pfleger*innen an die Seite zu stellen? Dass viele Senior*innen in Japan anscheinend kein großes Problem mit diesen Entwicklungen haben und es dazu kaum Fachdiskurse gibt deutet auf einen grundlegenden Mentalitätsunterschied bzgl. modernen Technologien und ihrer Alltagsnutzung hin. In Deutschland würden nicht Wenige mit humanistischer Bildungsvergangenheit sofort die Menschenwürde, Sozialist*innen hingegen die Arbeitsplätze unter bitteren Tränen zu Grabe tragen. Sollte das Anreizsystem in der Bundesrepublik aber scheitern und mehr und mehr Rentner*innen pflegebedürftig werden, kommen wir wohl über kurz oder lang nicht um Alternativen herum.

Der Autor findet es übrigens super und freut sich schon auf seine eigene Kuschelrobbe.

Jan Schnorrenberg

Filmtipp: Roboter zum Kuscheln – Heilsam für Demenzkranke? von Annette Wagner

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 67: “Gesundheit” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im Dezember 2011.

Ein Gedanke zu “SPUNK – Kuschelrobben und Haushaltsroboter – Altenpflege in Japan

  1. Genau die Frage, die im letzten Abschnitt aufkam, habe ich mir während dem lesen auch gedacht.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Roboter gerade im Haushalt und bei kleinen Dingen sehr hilfreich sein kann. Andererseits ersetzt er eben keinen Menschen. Man spürt keine Wärme, kann nicht mit ihm reden (und der soziale Kontakt spielt bei der Pflege ja auch eine große Rolle, da sich die Pflegebedürfitgen oft einsam fühlen und einfach nur mit jemanden reden wollen) und er kann dir keinen Gefühlszustand ansehen.
    Dennoch bin ich aber nicht grundsätzlich dagegen. Wie gesagt, so ein Roboter kann sicher eine ganz große Hilfe sein. Aber der Roboter alleine wird wohl keine Lösung sein…

    LG,
    Jonas von Job Altenpflege

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.