SPUNK – Menschenbilder und Gewalt

Wieso ein höheres Bewusstsein über Menschenrechte allein keinen Pazifismus auslöst.

Wenn wir von Gewalt sprechen, dann in den meisten Fällen von Gewalt gegen Menschen. Gewalt ist immer auch ein anthropozentrischer Begriff. In der Umweltschutzrethorik sprechen wir oft von „Gewalt“ gegen (nicht-menschliche) Tiere oder gleich von „Raubbau“ an der „Natur“. Auch diese Vorgänge beziehen wir unterbewusst immer auf unsere eigenen, menschlichen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen. Gewalt in ihrer unvermeidlichen Körperlichkeit kann es ohne Vergleich und Rückbezug auf unsere eigenen Körper nicht geben.

Es stellt sich dabei natürlich die Frage, wieso es dann überhaupt Gewaltanwendungen und Brutalität unter Menschen geben kann, wenn wir diese Gewalt zur Kontextualisierung auf uns selbst beziehen müssten. Eine mögliche Antwort wäre: Das Maß der Gewaltanwendungen ist abhängig davon, ob der andere Körper, der Gewalt erfährt, ebenfalls als (gleichwertiger) Mensch wahrgenommen wird. Oder anders gesagt: Ob oder wie effektiv Strategien zur Entmenschlichung dieser Gewaltopfer funktioniert haben.

Im Geschichtsunterricht wird sehr häufig der Erste Weltkrieg als ein Wendepunkt der Kriegsführung angeführt. Viele seiner Elemente sind dem Rationalismus und der Aufklärung geschuldet: Die Kriegstechnologie und ihre Effizienzkriterien wie auch das Wahrnehmen von Menschen als autonome Individuen. Wie passt das zusammen?

Nicht nur wir haben Probleme mit diesem Widerspruch. War denn nicht gerade die Französische Revolution, die gerne zu einem zentralen Gründungsmythos der Menschen- und Bürger*innenrechte erhoben wird, das Arbeitsfeld der effizientesten und für ihre „menschliche Art zu töten“ bewunderte Guillotine? Die fortschreitende technologische Entwicklung erlaubte es freilich, sich weniger Gedanken um das Individuum zu machen, welches mensch gerade umbringt. Wenn wir wissen, dass Menschen individuelle, einzigartige Lebewesen sind, dann ertragen wir es einfacher ihnen Schaden zuzufügen, wenn wir ihnen in unseren Gedankengebäuden diese Individualität und Wertschätzung entsagen können. Pseudobiologisch herbeikonstruierte Kategorien wie „Rasse“ oder „Nationalität“ sind zur Hierarchisierung von Menschen recht gut geeignet.

Im Ersten Weltkrieg können wir exemplarisch sehen, was dieses Zusammenspiel auslöst. Die Beziehung zwischen dem tötenden und den getöteten Menschen ist bei weitem nicht mehr so klar wie früher. Chemische Kriegsführung mit Giftgasen oder Artilleriebeschuss aus mehr als 20km Entfernung entlässt selbstverständlich aus der Verantwortung, sich mit den Folgen des eigenen Tuns auseinander zu setzen. Schnell fühlen wir uns an die wachsende Verwendung von Drohnentechnologie durch die Industrienationen in den letzten Jahren erinnert. Das Brisante dabei: Die nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedeten Menschenrechtskonventionen und eine Außenpolitik, in der Menschenrechte schnell zur Legitimation von Kriegseinsätzen herangezogen werden. Auch die GRÜNE JUGEND betrachtet Kriege mit UN-Mandat als nicht vollkommen irrsinnig, und Joschka Fischers berühmt-berüchtigte Rede zum Kosovo-Einsatz auf dem Grünen Sonderparteitag 1999 in Bielefeld baute ganz zentral auf Menschenrechten auf. Eine paradoxe Situation: Die oft von Pazifist*innen (zu Recht!) verehrten Menschenrechte sind aus der Rhetorik moderner Kriege kaum mehr wegzudenken.

Dabei stellt der Effekt auf den Menschen und auf die Vorstellungen von Demokratie und Rechtstaatlichkeit ein ernstzunehmendes Problem dar. In unserer Gesellschaft existiert auf dem Papier ein positives und brauchbares Menschenbild. Doch schon durch die eurozentrische „Flüchtlingspolitik“ wird schnell deutlich, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Menschenrechte zu einem Privileg derer macht, die gerne gleicher wären als andere. Die Deutungshoheit über diese Kategorien, die darin resultieren kann, anderen Menschen ihre unveräußerlichen Rechte zu entsagen, stellt eine massive Gewaltanwendung dar. Dazu muss nicht erst ein Knopf am Steuerpult einer Drohne gedrückt werden – Strukturen, die zu solcher Entfremdung führen, müssen aufgezeigt und kritisiert werden. Politisch wie philosophisch.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 69: “Gewalt und Zwang” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im Juni 2012.

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