SPUNK – Schlampenmärsche gegen Victim-Blaming und für eine Kultur des Konsenses

…oder wieso der Spruch „Wer ficken will, muss freundlich sein“ weitaus mehr politische Relevanz haben könnte, als es auf dem ersten Blick scheinen mag.

Der Funke sprang in Toronto im Januar 2011 über. Der Polizist Michael Sanguinetti sprach bei einer Veranstaltung zur Kriminalitätsprävention und riet Frauen, „sich nicht wie Schlampen anzuziehen um zu vermeiden, missbraucht zu werden.“ Daraufhin formierte sich in Toronto eine Protestbewegung, die das Wort „Schlampe“ übernahm und neu besetzen wollte. Von April bis September gab es weltweite Aktionen unter dem Label der Slutwalks, die zu einer der erfolgreichsten feministischen Aktionen der letzten Jahrzehnte zählen können.

Die Aussage des Polizisten ist ein klassischer Fall von Victim Blaming. Dieser Begriff wird vor allem in den USA verwendet und beschreibt die Praxis, die Verantwortlichkeit für (meist sexuell und/oder rassistisch motivierte) Straftaten den Opfern zuzuschreiben. Victim Blaming im sexuellen Kontext reiht sich vor allem in patriarchalischen Gesellschaften nahtlos in sexualisierte Unterdrückungsmechanismen ein – bis hin zur Verurteilung des Opfers wegen sexueller Unzucht. Im Bezug auf Sexualstraftaten offenbart sich, dass Frauen das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität entsagt wird – in dem es ihnen „zu ihrem eigenen Schutz“ verbietet, sich entgegen „sittlicher“ Normen zu kleiden. Der massive Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen wird nicht problematisiert – denn diese Aberkennung ist die Norm. Die Neuverwendung des Wortes „Schlampe/Slut“ ergibt sich heraus: Schlampe wird als Bezeichnung für sexuell selbstbestimmte Menschen in ein positives Wort der Wertschätzung und auch des Stolzes umdefiniert. Es macht deutlich, dass moderner Feminismus sehr wohl Sexualität bejahen und gleichzeitig gesellschaftlichen Sexismus abstrafen kann. Die Slutwalks waren auch von einem zweiten „Kampfbegriff“ geprägt – der sogenannten „Consent-Culture“.

„Nein heißt Nein!“ war einer der häufigsten Sprüche beim Slutwalk. Er spielt darauf an, dass Grenzen die Frauen setzen, zu oft durchbrochen werden, und ein „Nein“ viel zu selten als ein solches akzeptiert wird. Viel häufiger wird Frauen unterstellt, dass sich hinter einem Korb in Wahrheit ein Angebot versteckt. Um dem entgegenzuwirken, werben Aktivist*innen und der sex-positive Feminismus für eine Kultur des Konsens. Wer Grenzen aufzieht, muss sich darauf verlassen können, dass andere Menschen diese respektieren. In einer Welt, in der Sexismus und Heteronormativität nach wie vor grassieren, ist der Ruf nach einer Kultur des Konsens keinesfalls unangebracht – sondern bitter notwendig.

Dies zeigt sich nicht nur in den teils sehr offensiven und privaten Transparenten. Es gab nicht selten Frauen, die gezielt „Alltagsklamotten“ anzogen und Schilder hoch hielten wie „Als er mich vergewaltigte, hatte ich diese Kleidung an – und jetzt sag mir noch einmal, dass ich es provoziert habe!“. Die Eingriffe in das Privatleben von Opfern sexueller Gewalt werden im Umfeld des Slutwalks aufgegriffen, offensiv als Beispiele für den alltäglichen (Hetero-)Sexismus der Gesellschaft ins Feld getragen und Mythen des Victim Blamings attackiert.

Leider gab es Übergriffe durch meist männliche Fotograf*innen die ungefragt (anzügliche) Fotos von den Demonstrant*innen machen wollten und Schaulustige, die sich demonstrativ in der Hose herum kneteten. Dies zeigt recht eindeutig, dass selbst in einem Raum, in dem sehr klar Sexismus angeprangert und sichtbar gemacht wird, Übergriffe für die Täter*innen legitim erscheinen. Mit voller Härte wird bewiesen: Im Alltag haben Frauen mit einer Macker-Kultur zu kämpfen, die ihnen pauschal unterstellt, ein ständig sexuell verfügbarer Körper zu sein, „der es ja auch will“. Dass sich Wut aufstaut, ist da selbstverständlich. Dass sich diese Wut in kreativem Protest kanalisiert, ist nicht selbstverständlich. Und dort liegen die Stärke des Slutwalks und seine Chancen für den Kampf gegen sexuelle Unterdrückung und der Bagatellisierung von sexueller Gewalt.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 69: “Gewalt und Zwang” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im Juni 2012.

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