SPUNK – Sozial ist, was Arbeit schafft? Wie Arbeitslosigkeit politisch missbraucht wird.

„Aber Atomkraftwerke schaffen doch Arbeitskräfte!”

Wer in Deutschland keine Arbeit hat, hat dafür in einem Großteil der Fälle ein Problem. Mensch fühlt sich sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung ausgesetzt, wird im Programm der Privatsender als Sozialschmarotzer*in verhöhnt und im schlimmsten Falle vom Jobcenter malträtiert. Kaum jemand mit einem Job will diesen verlieren; wer keinen hat, auf dem lastet ein Druck, sich einen neuen zu suchen. Die Heilsversprechen der politischen Parteien, neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen, schlägt genau in diese Kerbe.

Parolen wie „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ oder „1 Million neue Jobs!“ scheinen das Problem sehr einfach und gängig lösen zu wollen. Nüchtern betrachtet sind sie aber vor allem eins: Der Missbrauch sozial konstruierter Notsituationen von Menschen für das eigene Wahlergebnis. Gleichzeitig hat der „Arbeitsplatz“ eine ungeheure Argumentationsstärke. Einen bizarren Höhepunkt findet sich seit Beginn der Atomdebatte in den 70er Jahren, in der immer mal wieder darauf hingewiesen wurde, ein Ausstieg würde unzählige Arbeitsplätze „vernichten“ und sei daher schon allein aus sozialpolitischer Sicht deutlich abzulehnen. Dieses Argument ist exemplarisch dafür, dass Arbeitsplätze immer häufiger im politischen Betrieb als reiner Selbstzweck auftreten.

Was die Begleiterscheinungen der Produktion sind, ob für die Arbeiter*innen wie auch für die Umwelt, wird konsequent ausgeblendet. Für den Diskurs, für den Stimmenfang ist es schlicht irrelevant. Auch der Kohlefetischismus der Sozialdemokrat*innen stolpert über das gleiche Problem – gewürzt mit einer anachronistischen Malochenromantik wird hier eine längst vergangene Periode heraufbeschworen, deren negative soziale und ökologische Auswirkungen bis heute nachhallen. Aber solange jede*r mit Arbeit ruhig gestellt ist, ist wohl alles gut.

Wer allerdings glaubt mit der bloßen Schaffung weiterer Arbeitsplätze sei das Problem der sozialen Spaltung gelöst, der irrt. Arbeitsplätze bieten nur eine kurzfristige Lösung. Es wird immer Personen geben, die keiner Arbeit nachgehen können oder wollen; es gibt kein Naturgesetz welches besagt, dass für jeden lebenden („arbeitsfähigen“) Menschen auf wundersame Weise ein Arbeitsplatz entsteht. Zumal die Kategorien, ab wann eine Person als arbeitslos gelten soll, noch ein ganz anderes Kapitel des politischen Missbrauchs aufmachen. Wir brauchen andere Grundlagen zur Wertschätzung unserer Mitmenschen als die von ihnen verrichtete Arbeit. Wir brauchen richtige Antworten auf die Fragen unserer Zeit – deshalb lasst uns endlich aufhören, nur über Arbeitsplätze zu reden.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 68: “Arbeit” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im März 2012.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.