SPUNK – Strebergärten für die Bionade-Bourgeoisie

Für viel Geld Gemüse beim Wachsen zuschauen

Mutter, Vater und 1,4 Kinder machen einen Familienausflug. Raus aus dem Prenzlauer Berg, rein in den eigenen Gemüsegarten. Natur hautnah miterleben! Was ein Glück, dass unsere typische deutsche Familie die Auslage im Bioladen gesehen hat: „Mieten sie Ihren eigenen Gemüsegarten!“ Kaum angekommen, werden die Eltern kompetent beraten. Und große Erleichterung macht sich breit: Um die Aussaat und das Düngen müsse man sich nicht kümmern, das tun die bezahlten Gärtner*innen schon. Unsere ach-so-typische Familie muss also nur noch einmal pro Woche Unkraut auszupfen und mit Gießkannen rumhüpfen. Perfekt, so wird den lieben Kleinen nicht langweilig.

Mietbare Gemüsegärten sprießen in letzter Zeit in der Peripherie der größeren Städte. Sie versprechen harte Arbeit und gerechten Lohn in Form von Naturalien. Am Ende bieten sie aber nur die einmalige Gelegenheit, viel Geld auszugeben, um dem Gemüse beim Wachsen zuzuschauen. Die umfassende Begleitung der Hobbygärtner*innen und das Übernehmen der Aussaat durch Dritte macht aus der vermeintlichen Selbstorganisierung der Nahrungsbeschaffung nur ein Phänomen der Wohlfühlgesellschaft. Letztendlich erscheinen sie eher als Teilzeit-Strebergärten für die, die es sich leisten können. Ob es sich mit dem Soja-Latte-Macchiato in der Hand wirklich besser gärtnert, werden wir bald erfahren.

Jan Schnorrenberg

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 66: “Stadt und Land” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im August 2011.

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