SPUNK – Von der Freiheit

Ein schönes freies Leben ohne neoliberale Kackscheiße.

Es scheint über viele politische Strömungen hinweg ein Konsens darüber zu bestehen, dass Freiheit eine wichtige Sache darstellt. „Freie Entfaltung der Persönlichkeit“ wird nahezu immer als wichtiges Gut betrachtet. Dieser Bereich wird von persönlichen Freiheiten definiert, von denen ein Großteil auch gemäß des Grundgesetzes geschützt zu werden versucht.

Gerade wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen einer immer mehr global wirkenden Konsumgesellschaft geht, wird Freiheit als vermeintliches Totschlagargument missbraucht. Dann ist plötzlich von „unserer Freiheit“ die Rede. Ob die nun aus sicherheitsgurtfreien Autofahrten („Freie Fahrt für freie Bürger!“ wie der ADAC so schön skandierte) oder der Freiheit, so viel zu konsumieren wie, wann und wo ich „will“ besteht, ist irrelevant. Die „Philosophin“ Ayn Rand, eine Ikone der amerikanischen Marktextremist*innen™ und später auch der Tea Party, verknüpfte in ihren durchaus spannenden Überlegungen über die Rolle und die Aufgabe des Individuums, ganz FDP-like, Ökonomie mit persönlicher Freiheit und wurde zu einer Vordenkerin des Anarchokapitalismus. In der Praxis bedeutet das, den Wohlfahrtsstaat in Frage zu stellen und seine Profiteur*innen zu „Parasiten“ zu degradieren. Alles, was die „Freiheit“ der Eliten durch Steuern „einzuschränken“ droht, wird als Aggressor in einem System verstanden, welches nur über die Verteilung von Freiheit und Unfreiheit funktioniert. Ayn Rands narzisstische Philosophie, bescheidenerweise „Objektivismus“ getauft, ist ein perfektes Beispiel für die Legitimationsmuster des Neoliberalismus – und dafür, wieso das was heute oft als Liberalismus betitelt wird, mit Freiheit nichts mehr zu tun hat.

Mittlerweile hat der Wirtschaftsliberalismus die Deutungshoheit über den Begriff an sich gerissen. Freiheit, die so viel mehr bedeuten kann als „Friss oder stirb“, ist zwar seit Gauck wieder häufiger in den Feuilletons anzutreffen, aber wirklich bedeutungsstark scheint das Wort nicht . Es mag sein, dass es daran liegt, dass Freiheit auch für das „F“ in „FDP“ verantwortlich ist, aber gerade emanzipatorischer Politik entgeht durch diese Vernachlässigung enorm viel. Jetzt wo der Neoliberalismus zu Boden geworfen wurde, muss seine Deutungshoheit über „Freiheit“ und „Liberalismus“ angegriffen werden!

Zu oft wird mit „Freiheit“ in klassischer sozialdarwinistischer Natur die Mär von unterschiedlichen Begabungen und Motivationen als alleinige Gründe für Chancenungleichheit erzählt. Zu oft steht im Mittelpunkt des neoliberalen Freiheitsbegriffes ein arrogantes Menschenbild, welches von Menschen ausgeht, die von der von ihnen geformten und von der sie umgebenen Gesellschaft unabhängig sind. Dass wir die Welt nicht wie sie sein soll, sondern vielmehr über die Verknüpfung von Sinneserfahrungen und deren kulturell geprägten Kategorisierung wahrnehmen , wird so trotzig übersehen, dass mensch schon beinahe Absicht vermuten könnte.

Wie könnten wir Freiheit anders denken? Frei zu sein heißt, ein schönes Leben zu führen. Ein Leben zu leben, welches die Freiheit anderer nicht einschränkt, ist ein schönes Ziel. Gerne wird auch gesagt, in Freiheit läge eine besondere Verantwortung, genauer gesagt: Freiheit bedeute, auch die Wahl zwischen verantwortungsvollem und verantwortungslosem Verhalten. Dies wird gewiss überspannt. Vergessen wird dabei jedoch auch, dass es nicht einfach um die Freiheit von mir und den unmittelbar von mir beeinflussten Mitmenschen geht. Wer Freiheit bewahren will, muss auch sicher stellen, dass die Freiheit zukünftiger Generationen, ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können, gesichert wird. Paradoxerweise ist gerade das der Punkt, wo der Neoliberalismus inkonsequent handelt.

Denn wer sich ernsthaft anschicken will Freiheit zu schützen, der kann nicht anders als sich für Verantwortung zu entscheiden. Ein Kampf für die Freiheit heißt, eben diese Freiheit nicht so gierig auszuschöpfen, dass am Ende für die nachkommenden Generationen nichts mehr davon übrig bleiben wird. Ein Freiheitsbegriff, der weitaus edler und mehr am Prinzip der Freiheit orientierr ist als alles, was sich Ayn Rand Lesezirkel jemals hätten ausdenken können. Liberté!

Jan Schnorrenberg

 Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Ausgabe 70: “Her mit dem schönen Leben!” vom “SPUNK”, der Mitgliederzeitung der Grünen Jugend im September 2012.

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