Von Erwartungen ans politische Ich.

Achtung. Der folgende Blogpost entstand in einer niedergeschlagenen Phase.

Wir liegen lachend in den Trümmern und fühlen uns frei.
XOXO feat. Thees Uhlmann

Diese Welt ist wie das Internet. Sie ist plötzlich da gewesen. Wir wurden unvorbereitet mit ihr konfrontiert. Wir verstehen sie nicht. Manche weniger als andere. Aber jeder Mensch hat seine Strategien gefunden, sich innerhalb dieses Komplexes bewegen zu können. Manche wissen und arbeiten mit den Strukturen die sich innerhalb dieser Welt herausgearbeitet haben. Und viele denken gar nicht mehr darüber nach welche Machtverhältnisse ihre Handlungsoptionen bestimmen. Sie leben in ihren Tag hinein, Katzenfotos auf Facebook teilend.

Durch mein politisches Engagement und meine Neigung zur Philosophie habe ich im letzten Jahrzehnt ein tieferes Verständnis dafür erlangt, wie diese Welt eigentlich zu funktionieren scheint. Ich habe auch schmerzlich lernen müssen, dass ich Privilegien habe und über eine bestimmte gesellschaftliche Positionierung verfüge, die es mir erlaubt andere Handlungsoptionen zu haben als andere. Und auch diese Sensibilisierung macht mich zu einem Angehörigen einer privilegierten Gruppe. Und diese Gruppe sieht sich – was irgendwo auch sehr gut nachzuvollziehen ist – sehr positiv.

Wir feiern uns dafür. Und in gewisser Weise haben wir auch ein Recht dazu. Aber in mir kriecht immer wieder der Gedanke auf, dass diese Selbstzuschreibungen zu positiv, zu vereinfachend sind. Und dann lese ich Texte vom Bäumchen über Antifa-Mackertum und ertappe mich dabei wie es nicht zu Empörung, sondern zu Resignation kommt. Natürlich sind solche Fälle nicht generalisierbar. Aber auch in Gruppen wie der Grünen Jugend oder im Studierendenparlament meiner Uni ist einfach zu beobachten, wie selbst in sexismuskritischen Räumen über dominantes Redeverhalten Machtverhältnisse hergestellt werden. Oder Menschen ihre Sexualkontakte pflegen während sie von Polyamorie sprechen, aber Promiskuität meinen. Links, rechts, feministisch, antisexistisch. Die Begriffe, sie sind abgestreifte Häute und von ihren Besitzer*innen fehlt jede Spur.

Ja, lieber @marzipan_likoer: Ich bin Begriffsnihilist. Ich sehe zwischen Praxis und Theorie in unserem politischen Alltag und Selbstverständnis Welten stehen. Und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll. Wenn ich an die 68er denke, dann denke ich auch an viele verbitterte und zynische Menschen. Ich denke an Menschen die die Gymnasien abschaffen wollten und ihre Kinder auf Privatschulen schickten, von der Revolution träumten und am Ende mit der Verbeamtung bemerkt haben, dass sie sich unverhältnismäßig arrangiert haben. Und nach diesem Wochenende denke ich auch an Grüne. Sie sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie ausgehöhlt die Begriffe “links”, “Bürgertum” und “konservativ” geworden sind. Kein Wunder dass gerade Parteien die klare und einfache Weltsichten versprechen die Umfragen dominieren. Denn in einer Welt die stetig komplizierter und undurchschaubarer wird, in der Kulturwissenschaftler*innen laut gackernd alles was sie in die Hände kriegen der Postmoderne opfern und wir selber bemerken, dass unser alltägliches Handeln zum Teil nichts, aber auch gar nichts mit unseren politischen Zielen und Träumen gemeinsam hat – sind solche Versprechen verführerisch. Dort ist eine Schlange im Baum und zischt uns Verheißungen von Sicherheit und Verstehen zu.

Aber auf der anderen Seite stehen wir als aktuelle Generation. Ich habe Angst dass wir uns zu hohe Erwartungen an uns gesetzt haben. Und dass diese Erwartungen am Ende dazu führen, dass wir zu einer zweiten 68er Generation werden – und unseren Schüler*innen Verbittertheit auf den Weg mit geben. Diese Konfrontation mit Menschenfeindlichkeiten jeglicher Art lädt förmlich dazu ein die eigenen Positionen nach und nach abzuschwächen. Nicht um einem angeblichen Mehrheitswillen zu entsprechen – sondern um zu verhindern am Ende keine Kraft mehr zu haben. Und am meisten Angst habe ich davor, aus der ganzen Resignation heraus meinen eigenen politischen Gestaltungswillen zu verlieren. Das will ich alles nicht. Und doch freut sich in mir ein kleiner Zyniker auf die nächsten 20 Jahre. Seine Erwartungen dürfen sich nicht erfüllen.

 

Ein Gedanke zu “Von Erwartungen ans politische Ich.

  1. Erstmal — danke für den Beitrag!

    Ich glaube die 68er (und vielleicht vielmehr die sozialen Bewegungen der 1970ff) zeigen die Grenzen der Konstruktivität. Die Naivität mit der Genossenschaftsprojekte, die frühen GRÜNEN und andere glaubten, grundlegend etwas im und am System ändern zu können, wenn sie nur schon einmal anfangen würden, wundert mich immer noch ein wenig. Dass das System sich selbst immer wieder minimal verschiebt, entsprechende Hoffnung generiert (“richtige Richtung!”, “ein Anfang!”) und sie einfach über die Zeit mitverändert, haben sie einfach nicht bedacht. Vielleicht waren nicht nur die Erwartungen zu hoch sondern auch die Analyse schlicht falsch.

    Praktisches Handeln heißt Einlassen auf das System und seine Regeln. Das tragische ist aber, dass es eben nachvollziehbar ist, dies zu tun. Es bei theoretischem Handeln zu belassen erzeugt eben durchaus auch moralische Dilemma, weil eben doch konkret auf eine Weise geholfen werden kann, die aber eigentlich grundlegend falsch ist (man denke nur an Stadtteil-Gruppen, die sich konkret vor Ort [selbst] helfen, aber perspektivisch schon mal für das Car-Loft den Grundstein legen). Das Traurige ist leider in beiden Fällen: Vieles bleibt dann eben doch so, wie es ist, wenn es nicht gar noch schlimmer wird.

    Insofern ist es vielleicht nötig, eine grundlegende Dissidenz und mindestens eine innere Distanz zum alltäglichen Quark zu wahren, sich aber dennoch nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Ein lebensfroher Zynismus kann dabei eine gute Hilfe sein.

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