Essay – Ranten gegen Popper (2008)

Ich möchte die Gelegenheit des öffentlichen Auslagerns meiner Textarbeit endlich nutzen. Beginnend möchte ich daher 3 Essays aus 2008/2009 in meinen Blog stellen. Alle 3 Essays sind philosophische Essays und sind im Kontext des Bundeswettbewerbs Philosophischer Essay entstanden.

Die beiden anderen Essays findet Ihr später hier:

“Schönheit und Naturgesetze” – 11. Februar 2009

“Vom Scheitern” – 29. November 2009 

Der erste richtige philosophische Essay den ich geschrieben habe ist dieser hier. Er entstand zwischen Oktober und Dezember 2008 und setzt sich mit einem aus meiner Sicht heute noch problematischen Zitat von Karl R. Popper auseinander, in welchem er die westliche Welt als “beste soziale Welt die es je gegeben hat” bezeichnet hat. Durch diesen Essay konnte ich am Ende an der Philosophischen Winterakademie teilnehmen, die mich als Mensch ein ganzes Stück weiter gebracht hat und der ich eine Freundschaft verdanke, die mich sehr verändert hat.

Viel Spaß beim Lesen! Der Text ist nicht weiter redigiert und in seiner Fassung vom 5. Dezember 2008 hochgeladen. (Titel ist von heute. :P)

„Ich behaupte, dass wir im Westen gegenwärtig in der besten sozialen Welt leben, die es je gegeben hat – und zwar trotz des Hochverrates der meisten Intellektuellen, die eine neue Religion verkünden, eine pessimistische Religion, der gemäß wir in einer moralischen Hölle leben und an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen.“

Karl R. Popper: Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte. Rede anlässlich der Verleihung des Ehrendoktors an der Katholischen Universität Eichstätt 1991; veröff. Regensburg 1992

Und ich behaupte, dass Popper derjenige ist, der hier den Hochverrat begangen hat.

Poppers Statement befasst sich vordergründig mit der Geschichtswissenschaft und der Evaluation der Vergangenheit durch die heutigen Wissenschaftler, welcher Popper scharf widerspricht: So würden diese davon ausgehen, dass wir heute nachwievor „an physischer und moralischer Verschmutzung zugrundegehen“, während er selbst vom Gegenteil überzeugt ist, und unsere heutige Welt sogar als die Beste, welche es in unserer Geschichte bisher gegeben hat, bezeichnet.

Doch bevor ich mich kritisch mit dieser Ansicht und seiner Behauptung, dass ein „Hochverrat“ begangen wurde, beschäftigen kann, muss ich mich zu allererst mit seiner Definition auseinandersetzen. Was meint er überhaupt mit seiner „besten Welt“? Wie definiert er sie, was bedeutet sie für ihn?

In erster Linie muss man sich des Maßstabes gewahr werden welcher Popper verwendet.
So spricht er zum einen davon, dass die angesprochene Welt „im Westen“ zu finden sei, also laut der gängigen Assoziation des Wortes vorwiegend in Westeuropa und US-Amerika. Somit grenzt er sich vornerein von Ländern ab, die damals seiner Meinung nach so radikal anders sein mussten, dass ein Zusammenlegen nicht möglich sei. Diesbezüglich muss hierbei angefügt werden, dass diese Rede zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblockes und der Wiedervereinigung von Deutschland entstand. Dies resultierte in einem Aufeinandertreffen zweier äußerst konträrer sozialer Weltauffassungen, wodurch soziale Unterschiede sehr schnell offensichtlich wurden, und viele sahen das demokratische System des Westens als überlegen an. Diese von der Bevölkerung erfassten Unterschiede ließen auch noch Jahre später „die Mauer“ in den Köpfen weiter existieren, besonders in Deutschland, und Popper scheint in seiner Einteilung ebenso davon auszugehen.

Dieses System wird wiederum allein an der sozialen Dimension festgemacht und bewertet.
Was macht diese soziale Ebene aus? Welchen Maßstab nimmt man, beziehungsweise Popper, um die Sozialität einer Welt einzuordnen? In dem Maße, wie er die Gegenseite vorstellt, wird er es besonders mit der moralischen Komponente der Welt an sich zu begründen versuchen, sonst würde er der Gegenseite nicht vorwerfen, den Lebensraum als „eine moralische Hölle“ zu bezeichnen. Was haben Europa und die Vereinigen Staaten in dieser Hinsicht besonders zu bieten? In erster Linie unterschieden sie sich vom Osten durch Demokratie. Zudem waren Menschenrechte, Freiheit und Toleranz als Ideale für den Großteil des Westens nur mit Demokratie vereinbar. Diese sind zumindest in politischen Verfassungen als Grundprinzipien spätestens seit dem 20. Jahrhundert verankert und könnten von Popper als soziale Veränderungen und Verbesserungen angeführt werden. Was hierbei jedoch zählt, ist die Ausübung, denn Ideale ohne reale Anwendung sagen nichts aus und haben in unserer irdischen Welt keinerlei Bedeutung. Von daher kann Popper die bloßen Idealvorstellungen eines Staates niemals als Grundlage zu der obigen Bewertung verstehen.

Werden diese Ideale demzufolge überhaupt in die Realität umgesetzt? Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich Europa dazu überaus bemüht, und die westlichen Staaten hatten eine Form von Völkerverständigung aufgebaut, wie sie früher niemals auch nur zur Diskussion gestanden hätte. Und allgemein wurden innerhalb der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Entwicklungen in die Richtung solcher sozialeren Welten zahlreicher und erfolgreicher, man nehme nur als Beispiel die Emanzipation der Frau und das systematische Abflauen des Rassismus in Amerika. Man könnte sogar argumentieren, dass sich die Welt kontinuierlich verbessert hat.

Nun setzt Popper dieser utopisch anmutenden Interpretation aber gleichzeitig einen Riegel vor, denn er teilt seine „beste Welt“ in einen zeitlichen Zusammenhang ein: „die beste, die es je gegeben hat.“ Er relativiert sein eigenes Statement somit und stellt den moralischen Wert der damalige, westlich sozialen Welt, denen aller anderen gegenüber, welche bereits auf dem Planeten existiert haben. Werte werden verzerrt, wenn man sie in Relation zueinander stellt, und gerade dadurch reduziert er sämtliche sozialen Errungenschaften unserer Welt auf ein Niveau, das für die von ihm benötigte Vergleichsebene angemessen zu sein scheint.

Von diesem Standpunkt aus, ist es sehr einfach, seinen Schluss nachzuvollziehen. Die Menschen veränderten ihre politischen Verfassungen und ihre Gesellschaft kontinuierlich in der Geschichte, und laut Popper haben diese Entwicklungen unsere Welt zu der bisher besten gemacht. Diese verteidigt er jetzt in ihrer Wertigkeit gegen „die meisten Intellektuellen“, die einen „Hochverrat“ begangen haben sollen. Die Angesprochenen sollen nämlich sogar eine, in seinen Worten, „Religion“ ins Leben gerufen haben, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, die moralische Korruption der Welt anzuprangern.

Für mich persönlich haben organisierte Religionen vor allem die Eigenschaft, dass sie nur auf dogmatische und fundamentalistische Art langfristig funktionieren können. Davon ausgehend, wird der Charakter der von Popper ausgemalten Feindesmacht verstärkt. Ich denke aber, dass er sich definitiv nicht auf reale Fundamentalisten bezieht, sondern eher sämtliche Kritiker in einen Topf wirft und pauschal allen diesem „Irrglauben“ als Ersatzreligion übergibt und sie zum Antagonisten erklärt. Seine Kontrahenten sehen die Welt vom Prinzip her als moralisch verdorben an, und durch den Begriff „Hölle“ wird diese absolute Hoffnungslosigkeit, oder besser, (wie er es verwendet) dieser Pessimismus noch kräftiger hervorgehoben. Wie sich aus dem Titel der Rede ableiten lässt, („Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte“) haben diese ihre Attitüde wohl auch durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte gewonnen. Popper wiederum verachtet diese Ansicht zutiefst.

„Wir haben es doch so gut im Vergleich zu unseren Ahnen, wir leben doch viel freier als früher, warum seht ihr intellektuellen Verräter die Welt so schwarz!? …“

Ich widerspreche dem entschieden, und zur besseren Veranschaulichung des „Warum?“ verwende ich ein altes lateinisches Sprichwort, welches meine Zweifel an seiner Argumentation ziemlich gut wiederspiegelt:

E duobus malis minimum eligendum est“ – „Von zwei Übeln ist das kleinere zu wählen“.

Genau diesem Grundsatz folgt Popper nämlich. Er gleicht radikal ab und entscheidet sich für die Welt in der zugrundeliegenden Auswahl, die er für moralischer befindet. Diese stellt, natürlich rein zufällig, gerade die westlich-demokratische, „unsere“ Welt dar, doch nur weil sie gerade in diesem historischen Abgleich das kleinere Übel darstellt. Dies aber macht sie aus der objektiven Perspektive längst nicht qualitativ gut. Wird sie dazu noch aus dem von Popper aufgestellten Vergleich herausgenommen, ist unsere Welt wieder den Bewertungskriterien unserer modernen moralischen Evaluation unterworfen. Und die wird ihr trotz alledem das Prädikat „schlecht“ verleihen können, selbst wenn sie die „Creme de la Creme“ der Auswahl ist. In diesem Sinne verliert seine Aussage ihre Dimensionen, wird eindimensional.

Qualität vor einer bestimmten Instanz ist ungleich der Qualität, wie sie in Relation zu anderen Qualitäten steht. Sein Qualitätsurteil ist in dieser Hinsicht kaum mehr etwas wert, da es schlichtweg insignifikant geworden ist. In diesem Zusammenhang fällt zudem die frappierende Ähnlichkeit zu Leibniz‘ berühmter Hypothese auf, welcher seinerzeit von ihm verwendet wurde, um die Frage der Theodizee zu klären und häufig folgendermaßen paraphrasiert wird:

Wir leben in der besten aller möglichen Welten.

Poppers wird mit Sicherheit von dieser Hypothese gewusst haben, als er die Rede schrieb.
Beide Behauptungen operieren mit den gleichen Bausteinen. In beiden Fällen wird keinerlei Aussage über den tatsächlichen qualitativen Gehalt getroffen, auch bei Leibniz zählte einzig und allein die Relation zu anderen Welten. Für Leibniz waren diese Sphären allerdings rein fiktiv und nicht greifbar. Aber es ging ihm niemals darum, die Welt selbst zu bewerten, sondern darum, den Vorteil herauszustellen, den diese Welt den anderen vorweg haben soll, und genau dasselbe versucht Popper nun auch. Dieser ersetzt die hypothetischen „Viele-Welt-Gedanken“ Leibniz‘ nur mit einem historischen.

Beide Herangehensweisen haben die Eigenschaft, die Probleme unserer realen, der damals gegenwärtigen Welt so stark zu verharmlosen, dass unmoralisches Handeln und dennoch existierende, unsoziale Zustände als Notwendigkeit hingestellt werden, die daher auch von allen akzeptiert werden müssten. Dieses Verhalten ist schlichtweg ignorant, sieht man sich die sozialen Problematiken des 18. Jahrhunderts (Leibniz) und die des 20. (Popper) an. Trotzdem proklamieren diese beiden gebildeten Männer, dass wir in der besten Welt leben und wir Menschen uns gar nicht über Ungerechtigkeit, beispielsweise, zu beschweren bräuchten. Beide Argumentationen basieren auf einem schwer beweisbaren Prinzip, welches einzig und allein die Aufgabe der Verherrlichung der eigenen Welt innezuhaben scheint.

Die selbstverständlich aufkommende Gegenseite demzufolge als gedankenlose Dogmenmaschinerie hinzustellen, die nicht mehr zum normalen Handeln fähig sei, ist aus mehreren Gründen falsch. Zum einen, weil seine Relativierung des Bewertungsmaßstabes auch die Kritik an sich relativiert, und schon kleinste Anmerkungen als Hochverrat abstempelt. Zum anderen jedoch, weil die Geschichtswissenschaft durch erzwungenen Gegenwartsabgleich all ihre Wichtigkeit verliert. Anhand der Vergangenheit moralische und anthropologische Rückschlüsse zu ziehen ist in keinster Weise verwerflich, es kann sogar notwendig für eine wachsende Gesellschaft sein. Der amerikanische Philosoph George Santayana sagte einst dazu:

“Progress, far from consisting in change, depends on retentiveness. When change is absolute there remains no being to improve and no direction is set for possible improvement: and when experience is not retained, as among savages, infancy is perpetual. Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.” (Reason in Common Sense)

Die ausgiebige Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Zivilisation und Spezies stellt laut ihm eine der grundlegenden Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte Gesellschaft dar. Santayana appelliert hier an eine uns immanente Eigenschaft: Das Lernen aus Erfahrungen und die Selbstreflexion des Menschen. Popper hingegen lehnt sämtliche Kritik an der heutigen Welt strikt ab und sieht Reflexion nur in dem Maße als nützlich an, um zu vergleichen.

Wenn wir einfach festlegen: „Vorher war es schlimmer als heute, daher ist das Heute viel besser“, und dies als einziges aus der Historik lernen wollen, ziehen wir keinen praktischen Nutzen aus der Vergangenheit. Um die Gefahren dieses Verhaltens besser herauszustellen, kann man dieses Zitat sehr effektiv mit einem Konzept Nietzsches verbinden, dem der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen.“, sofern man es auf einer anderen Eben anwendet. In dem Falle nämlich, dass die Menschheit sämtliche Lehre aus ihrer Vergangenheit, aus ihrer kollektiven Erfahrung verneint und ignoriert, würde sie über kurz oder lang in einer Stase gefangen sein, und wie der Mensch bei Nietzsche auf ewig die gleichen Dinge tun müssen, ohne zu wissen, dass diese bereits unzählige Male zuvor geschehen sind. Eine Gesellschaft, die einfach ignorant ihre eigenen Errungenschaften in einen historischen Abgleich stellt, sieht erst überhaupt keine Wiederholung und Beibehaltung von Fehlern, nur die kleinen Andersheiten und Vorteile, die sie aus ihrer subjektiven Sicht der Welt von gestern vorweg haben. Dazu kommt, dass wenn keinerlei Wissen über eigene und begangene Fehler existiert, auch überhaupt keine Möglichkeit zur Reflexion der eigenen Taten gegeben ist. Ohne Reflexion, ohne bereits erfahrene Werturteile, ist das Finden eines „richtigeren“ und eines „moralischeren“ Weges ein Glücksspiel mit fatalen Folgen.

Es widerspricht sich keineswegs, in einer akzeptablen sozialen Umwelt zu leben und dennoch moralische Diskrepanzen in der Umwelt auszumachen. Das „sich-bewusst-sein“ um den schieren Luxus, den wir als Industriestaatler ausschöpfen können ist jedoch mitnichten etwas Falsches. Nur kann es keinerlei Grundlage für eine Weltauffassung darstellen, sich mit anderen und vor allem früher etablierten sozialen Werten zu vergleichen. Krass ausgedrückt hätte selbst Stalins Russland einige soziale Vorteile gegenüber dem vorgegangenen Zarenreich gehabt. Wäre es deshalb damals zu einer über aller Kritik erhabenen, zur besten östlichen sozialen Welt, die es je gegeben hat, erhoben worden?

Wenn wir nach Poppers Herangehensweise argumentieren würden, ja.

Quellen:
Popper, Karl Raimund (1991-1992) – Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte. Rede anlässlich der Verleihung des Ehrendoktors an der Katholischen Universität Eichstätt 1991; veröff. Regensburg 1992
Santayana, George (1905) – Reason in Common Sense, Volume One of „The Life of Reason“, Dover, 1980
Leibniz, Gottfried Wilhelm (1714) – Monadologie und andere metaphysische Schriften : französisch-deutsch; Gedanken #53 und #5; Meiner, 2002.
Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1882-1887) – Die fröhliche Wissenschaft, Viertes Buch, Aphorismus 341. Reclam, 2000

Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe und alle Entlehnungen als solche gekennzeichnet habe. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.