Essay – Vom Scheitern (2009)

Ich möchte die Gelegenheit des öffentlichen Auslagerns meiner Textarbeit endlich nutzen. Beginnend möchte ich daher 3 Essays aus 2008/2009 in meinen Blog stellen. Alle 3 Essays sind philosophische Essays und sind im Kontext des Bundeswettbewerbs Philosophischer Essay entstanden.

Die beiden anderen Essays findet Ihr hier:

“Ranten gegen Popper” – 5. Dezember 2008

“Schönheit und Naturgesetze” – 11. Februar 2009

Folgender Essay entstand als Beitrag zum Landes- und Bundeswettbewerb Philosophischer Essay Ende 2009. Im Vergleich zum Essay vom vergangenen Jahr hatte es dieses Mal leider nicht für die Winterakademie gereicht, aber es hatte sich schon deshalb gelohnt, als das ich die Gelegenheit hatte das Thema “Scheitern” in dieser Form zu bearbeiten. Der Arbeitsprozess hat mir damals sehr viel gebracht von dem ich gerade heute wieder zehre.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen. 🙂

Wie verschiedenartig bewerten wir doch die Dinge! Wie oft ändern wir unsere Vorstellungen! Was ich heute meine und glaube, meine und glaube ich aus innerster Überzeugung: All meine Kräfte stehn mir mit allem, was sie vermögen, dafür ein. Keine Wahrheit könnte ich mit größerer Inbrunst mir zu eigen machen und bewahren als diese. Ich bin ganz von ihr eingenommen, ich bin es wirklich. Und dennoch: Ist es mir nicht widerfahren – und das keineswegs nur einmal, sondern hundertmal, tausendmal und alle Tage -, daß ich mir hernach mit denselben Kräften und derselben Inbrunst irgendeine andere Wahrheit zu eigen machte, die ich inzwischen auch wieder als falsch verworfen habe?

Michel de Montaigne: Essais II,12. Apologie des Raymond Sebond. Frankfurt am Main 1998, S. 281. Übersetzung Hans Stilett.

Häufig überkommt es uns, dass wir, beim Schwelgen in Erinnerungen beispielsweise, unsere früheren Weltanschauungsweisen mit den heutigen vergleichen, und nicht selten produzieren wir dabei folgende oder ähnliche Erkenntnis: „Wie naiv ich doch war!“ Da wir einen zeitlich versetzten Blick auf unsere damaligen Gedanken haben, liegen uns mehr Möglichkeiten zu einer differenzierteren Bewertung vor. Die anerkannte Wahrheit eines zeitlich fortgeschrittenen Zeitpunktes wird von uns in vielen Fällen einer früher vertretenden Wahrheit vorgezogen und ersetzt diese daraufhin.

Montaigne hat diesen Umstand erkannt und klagt: Wie viel können wir noch von unseren aktuellen Glaubensvorstellungen, Weltanschauungen und allem anderen wovon ein Mensch zeitlebens eine Überzeugung haben kann schlussendlich halten, wenn wir davon ausgehen können, dass in unbestimmter Zeit mit der gleichen Selbstverständlichkeit ganz andere Vorstellungen vertreten werden? Sind meine Überzeugungen es überhaupt in Anbetracht dessen wert, „gelebt“ zu werden? Es ist durchaus ein nihilistischer Gedanke, unsere Überzeugung sei abhängig von zeitlich versetzter Subjektivität und scheinbar willkürlich veränderlich. All die Mühen, mit denen wir früher für damalige Überzeugungen einstanden, scheinen vergeblich vor dem Hintergrund, dass wir sie später verwerfen würden. Und postwendend mitschwingend, die obligatorische Sinnkrise: Gibt es unter diesen Umständen überhaupt moralische Werte, für die es sich einzustehen lohnt?

Um dies zu beantworten bietet es sich an, induktiv vorzugehen: Durch Beispiele in unserer Vergangenheit lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, welche Implikation Montaignes Feststellung auf unser Leben aufweist.

Solche Prozesse finden sich zuhauf in der Wissenschaft. Das Newton’sche Erklärungsmodell, demgemäß Zeit eine absolute Größe war, galt gute zwei Jahrhunderte lang als DIE Wahrheit schlechthin. Kein Physiker vermochte es den Wahrheitsgehalt anzuzweifeln, denn es wäre einem Sakrileg gleichgekommen. Eben dies war auch anfangs bei Einsteins Relativitätstheorie der Fall, nach welcher Zeit und Raum keine fest zementierten Parameter mehr sind, sondern miteinander in einem einzigen Zeit-Raum-Kontinuum einander beeinflussen. Diese neue Theorie fand schnell ihre empirischen Befunde, die sie bestätigten, Newtons Gesetze hatten bald nicht mehr in ihrer alten Form Anwendung: Kurzum war eine spezifische Vorstellung einer anderen mit der Zeit aufgrund verschiedener Gründe gewichen. Doch auch hier braut sich Unheil an: Die Quantentheorie, welche im Gegensatz zur Relativitätstheorie korrekte Voraussagen zum subatomaren Raum geben kann, stellt Einsteins Theorie in Frage. Obgleich spekulativ, ist in Anbetracht dessen auch hier wieder möglich, dass in der Zukunft neue Modelle existieren werden, die das Spiel wiederholen und vielleicht auch diese Problematik auflösen können.

Die Naturwissenschaft stellt, vor allem da sie empirisch arbeitet, ein gutes Beispiel für Montaignes Beobachtung dar; In den jeweiligen Zeiträumen hatten die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Theorien und Modelle ihren Konsens, aber aus unserer derzeitigen Perspektive können wir der Aussage des diesem Essay zugrundeliegenden Text nur wiederholen und Montaigne beipflichten: In der Tat bewertet der Mensch alles und jeden zeitlich Abhängig verschiedenartig, und zukünftige Wahrheiten tendieren häufig dazu, alte Wahrheiten zu überschreiben. Nicht nur in der Empirik, dem Bereich der Naturwissenschaften, tritt dies auf: Genauso haben sich auch unsere ethischen Überlegungen im Laufe der Zeit verändert, nur ohne den Aufhänger eines naturwissenschaftlichen Erklärungsmodelles. Was für Schlüsse sind nun daraus für unser tägliches Leben, wenn überhaupt, zu ziehen möglich?

Es wirkt fast so als hätte sich Sokrates genau hierzu schon Gedanken gemacht wenn wir folgendes Zitat von ihm betrachten: „Ich weiß dass ich nichts weiß“. Gehen wir davon aus, dass der Mensch nur ein finites Potenzial zur Informationsaufnahme aufweist, müssen wir im gleichen Atemzug berücksichtigen, was damit einhergeht: Ein einzelner Mensch kann niemals alles wissen, was es potenziell in dieser Welt zu wissen gibt. Weshalb bringe ich dieses Zitat ein? Genauso wie Montaignes Beobachtung können wir dem geflügelten Wort von Sokrates entnehmen, wie wir uns letzten Endes nur um die Grenzen unseres Horizontes sicher sein können; Ich kann mir sicher sein, dass was ich heute zu wissen glaube doch falsch sein könnte: Dies ist im Endeffekt das Einzige, worüber ich eine sichere Aussage zu tätigen vermag.

Sind wir uns nun dieses Umstandes bewusst, ergeben sich daraus interessante Perspektiven für die Ethik. Wenn ich eine ethische Überlegung verwerfe, dann geschieht dies nicht einfach nur aus einer Laune heraus, sondern aus einem für mich nachvollziehbaren Grund. Dieses Vorgehen wird somit zur Antithese zu Dogmatik jeglicher Art: Einem rigiden Paradigma, durch fundamentale Grundsätze bedingt, steht nun ein sich kontinuierlich veränderndes Paradigma gegenüber, welches nur noch im Moment Bestand hat. Wenn ein Mensch diesen Grundsatz für sich akzeptiert hat und ihn lebt, benötigt dieser ein hohes Maß an Offenheit gegenüber den verschiedenen ihn gegenüberstehenden ethischen Überzeugungen und gleichwohl den Willen, sich selbst konstant zu hinterfragen. Moral ist hier zu einem flexiblen Material geworden, was Gefahren mit sich bringt: Wären Verfassungen und menschenrechtliche Grundlagen in diesem Falle überhaupt noch eine Referenz, oder schränken sie womöglich das Individuum im besonderen Maße ein? Wäre es wirklich klug dieser Entwicklung freien Lauf zu lassen, wenn es zu Diskrepanzen zwischen der Ethik des Individuums und den von Menschen festgesetzten moralischen Grundsätzen kommt?

Auf das obige Beispiel der wissenschaftlichen Paradigmen bezogen, wäre eine Einschränkung zum Wohle einer konstant bleibenden Wahrheit damit verbunden, dass empirische Erkenntnisse, welche beispielsweise nicht mit dem Newton’schen Modell übereinstimmen, entweder erst gar nicht zur Sprache gebracht oder krude interpretiert werden würden. Somit ist aus diesen Erkenntnissen kein Gewinn mehr möglich. Die Wissenschaft könne sich nur noch in einem gegebenen und unveränderlichen Definitionsraum bewegen, was sie über kurz oder lang von sich selbst entfremden würde. Hier wird das Prinzip der Falsifizierbarkeit sinnvoll: Sobald auch nur eine Beobachtung nicht mehr mit dem anerkannten Modell übereinstimmt, sollte der Fehler an dem Paradigma selbst gesucht werden, im Falle dass der empirische Beweis mit diesem unvereinbar ist, wird eine alternative Erklärungsmethode notwendig. Diese Abfolge lässt sich bis ins Unendliche wiederholen: Wird die neue Theorie wieder durch auch nur eine Beobachtung falsifiziert, muss erneut eine neue Erklärungsmöglichkeit gesucht werden.

Diesen Abfolgen wohnt ein beobachtbarer Fortschritt inne. Eine Theorie, die mehr erklärt als ihr Vorgänger, bietet eine überlegene Grundlage zum wissenschaftlichen Arbeiten, der „Wahrheitsgrad“ ist größer. Um jedoch diesen Grad zu erreichen, war es notwendig, dass sich vorherige Thesen als mangelhaft entpuppten: Newtons fest zementierte Größen von Raum und Zeit benötigten einen Äther als Medium zur Ausbreitung des Lichtes. Dessen Natur warf Fragen auf, die Einstein durch die Relativitätstheorie und dem darin enthaltenen Raum-Zeit-Kontinuum lösen konnte. Äther wurde somit nicht mehr für die Naturwissenschaft benötigt. Die Fehler in Newtons Theorie (In Retrospektive wenn verglichen mit der Relativitätstheorie) waren somit notwendig um Einsteins Relativität erst zu untermauern und schlussendlich zu etablieren.

Übertragen auf das Dilemma eines Paradigmen-Wechsels innerhalb der Ethik bedeutet das: Wenn sich bestimmte Problematiken nicht einwandfrei erklären lassen, muss ethische Überzeugung zumindest in Frage gestellt werden. Es stimmt, dass dies beinahe schon nihilistisch interpretiert werden könnte; wenn wir es so sehen, gibt es im Endeffekt keine langfristig gültige Moral. Wichtig dabei ist jedoch, was wir selbst daraus ziehen.

Albert Camus beendete seinen existenzialistischen Essay „Der Mythos des Sisyphos“ mit diesen zwei Sätzen:

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Damit spielte er auf genau diesen Umstand an, ich gehe sogar so weit und behaupte, Camus’ Essay passe „wie angegossen“ zu dem obenstehenden Anfangszitat Montaignes. Die Wissenschaft kann auf viele Momente zurückblicken, in denen sie scheiterte: Heute gibt es keine aristotelischen Sphären und Newton’schen Äther mehr und Atome sind auch nicht mehr die kleinsten Teilchen. Im Gegenzug zu diesem Scheitern gewann die Wissenschaft aber eine Vielzahl neuer Erkenntnisse, die das Bild unserer Welt um ein vielfaches ergänzt haben. Genauso führt ein Scheitern unserer eigenen Überzeugung unweigerlich zu einer Revision, zur Selbstreflexion, damit endend, dass wir genau durch diese Fehler eine Fähigkeit demonstrieren, die wichtig für das Leben an sich ist: Das Lernen. Aus Erfahrungen, seien diese durch Fehler oder Erfolge entstanden, lernen wir, auch wenn unsere Weltanschauung schon morgen wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte.

Camus bezeichnet diese Sinnesleere als das „Absurde“, und diese Absurdität sei nur durch das permanente Revoltieren gegen sie überhaupt ertragbar. Den Umstand zu erkennen, dass wir ständig scheitern, ständig neu definieren und interpretieren was uns vorher so glasklar erschien, ist maßgeblich dafür, aus diesem sich endlos fortsetzenden Geschehen etwas für uns selbst zu ziehen. Resignation im Angesicht des Absurden ist in dem Sinne ein Fehler, als dass sie uns mit nichts zurücklässt, während ihr Erkennen und darauf folgendes Akzeptieren durch uns neue Möglichkeiten öffnet. Diese ändern zwar nichts an der Ausgangssituation und den die Menschen schlussendlich begrenzenden Elementen in der Welt, seiner Unfähigkeit alles im Universum zu wissen, wie Sokrates es gesagt haben soll, aber Sisyphos ist deshalb als glücklicher Mensch vorzustellen, weil er genau dies akzeptiert und mit seinen eigenen Limitationen als Mensch ins Reine kommt.

Das Absurde ist genau das, was auch Michel de Montaigne zum Zweifeln bringt. Unsere ständige Wechselhaftigkeit in den Weltanschauungen lässt sie uns hinterfragen, wenn dies erst einmal bemerkt ist. Für unseren Alltag bedeutet dies lediglich, ein großes Maß an Offenheit zu vertreten und unsere eigenen Paradigmen niemals den Anspruch zuzuschreiben, allgemeingültig zu sein.

„Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte“. Es gibt keine Wahrheit, der wir uns sicher sein können. Nietzsche geht in diesem Zitat sogar einen großen Schritt weiter: Der Wahrheitsbegriff ist nicht nur uns unbekannt, sondern ein Irrtum, ein Selbstbetrug unseres eigenen Verstandes, ein Schutzmechanismus im Zeichen der Absurdität unseres Daseins. Auch wenn ich weiß, dass ich an einer absoluten transzendentalen Wahrheit niemals teilhaben werde, so ist das Streben nach etwas so unerreichbaren wie eben dieser Wahrheit ein Prozess, der mir gerade im Angesicht des ständigen Scheiterns immens viel über die Natur von uns Menschen selbst verrät, auch wenn all diese Erfahrung im Endeffekt ein Trugschluss sein könnte und ich nur in dem Moment an meiner Wahrheit festhalten kann. Dieses Streben eben genau vor dem Hintergrund des Absurden bedeutet, Mensch zu sein. Mensch zu sein heißt zu scheitern, zu lernen; Bis zu dem Moment, in dem eine von unzähligen Erkenntnissen durch den Tod zu unserer letzten wird.

Ich persönlich bin dankbar, in meinem Leben sooft die Gelegenheit, das Privileg gehabt zu haben scheitern zu können und mir – wenn auch nicht immer – Möglichkeit gegeben war, daraus zu reflektieren. Diese Erkenntnisse brachten mich als Mensch weiter.

Mein Herz erscheint mir, in der Tat, ausgefüllt. Auf dass ich noch oft scheitern werde.

Quellen:

Platon – Apologie des Sokrates, Reclam, 2006

Camus, Albert (1942) – Der Mythos des Sisyphos; Rowohlt, 2000

Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1885) – Der Wille zur Macht, Aphorismus 493, Kröner, 1996

Jan Schnorrenberg – 29. November 2009

Bild via stevepb / Pixabay

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