Naturschutz? Nein, Danke!

By: DoblonautCC BY-NC-SA 2.0

Naturschutz. Wie schön. Die “sinnlichste Zone des Umweltschutzes – gleichsam dessen erogene Zone”, wie es der Umwelthistoriker Joachim Radkau so bildhaft beschreibt 1)Radkau: Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 231 . Das klingt erstmal ziemlich sexy. Ist es aber nicht.

Erotik erzielt seine Ausstrahlungskraft aus den Künsten der Darstellung. Aus dem kalkulierten Spiel mit Erwartungen. Dies gilt auch für Naturschutz. Dieser konnte schließlich nur deshalb so viel Zuspruch erhalten, weil es ihm gelang die mediale Darstellungsfähigkeit von Fotografien, Filmen und auch Gemälden zu nutzen und sich dadurch “in-Szene-setzen” konnte. Naturschutz appeliert an das Ästhetikempfinden einer Zielgruppe. Radkau illustriert damit ein Grundproblem des Naturschutzes: Nämlich  eine immanente Anthropozentrik die Naturschützer*innen nicht wahrhaben wollen.

“Auf den Plakaten die um Spenden für Wildnisschutz-Organisationen werben, blicken uns Tiger und Gorillas an, obwohl jeder Bodenkundige weiß, dass die Regenwürmer für die Ökologie unserer Welt von unendlich viel größerer Bedeutung sind.”

Gut, darüber können wir noch hinweg sehen. Ich halte das Label “Naturschutz” jedoch für grundfalsch und brandgefährlich. Wieso?

Unter dem Label “Naturschutz” fand sich letzten Endes eben auch jenseits und diesseits des linken Diskurses ein neues Betätigungsfeld für reaktionäre und erzkonservative Strömungen, in welchem sie längst verloren geglaubte Deutungshoheit kultivieren und dem Zeitgeist konforme Positionen vertreten konnten. Die spezifische Interpretationen des Ökofeminismus auf der diesjährigen documenta sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Hier wird die Rolle der Frau als mitfühlendes, naturverbundenes Geschöpf zum Vermittler zwischen “dem Menschen” (der daher zwangsläufig männlich sein muss) bzw der “Zivilisation” und “der Natur” neu entdeckt und urplötzlich positiv besetzt. (dazu gab es vor einem halben Jahr  in der Printausgabe der SZ einen wirklich ausgezeichneten Kommentar von Kia Vahland 2)Kia Vahland: Jedes Tier ist ein Künstler, Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, den 26. Juli 2012, Seite 11 Diese gruseligen Expeditionen in den Essenzialfeminismus sind an sich bereits ein grober naturalistischer Fehlschluss. Multipliziert mit einem neuen, durch seine vermeintliche Aufgeklärtheit ungefährlich wirkenden Naturbegriff wirkt diese Spielart der feministischen Theorie so fortschrittlich wie es Judith Butler 1990 war, als sie mit Gender Trouble die Sozialwissenschaften aufmischte. Hier wird die Ökologie, eine Domäne die die politische Linke gerne komplett für sich beansprucht als Vehikel für Diskriminierung und stereotype Zuschreibungstechniken genutzt – und das geht erschreckenderweise (?) ziemlich gut.

Letzten Endes hat selbst die notwendige Diskussion über den anthropogenen Klimawandel zu einem Revival der Romantik geführt. Einer Neoromantik, deren giftiges Fahrwasser droht, viele wichtige Projekte des späten Moderne zu ertränken. Ein Konservativismus, der sich viel eindeutiger und zugleich unscheinbarer in den Verästelungen der “Natürlichkeit” verbirgt und wieder dem zur Salonfähigkeit verhilft, was sich noch mühsam an den Eingangstüren abrackert. Stichwort: Ein Großteil der sogenannten “Alternativmedizin“, Nazi-Bauern und Bäuerinnen, energetisches Wasser, und der ganzen Rest der esoterische Gehirnwäsche im Bioladen. Et cetera. Diese Phänomene gibt es nur, weil sie Nährboden in Spielarten der Neuentdeckung und -bewertung der uns umgebenen Umwelt gefunden haben. Für reaktionäre und auch faschistische Ideologien gibt es nach wie vor Andockpunkte. “Blut und Boden“, die unauflösliche Verknüpfung der eigenen (völkischen) Identität mit geographischen Grenzen und geologischen Eigenschaften, ist nicht einfach ein Konzept der Nazis.  Oder um in die Mottenkiste der Umweltbewegungen zu greifen:

“Die erste umfassende deutschsprachige Brandschrift gegen die Kerntechnik kam von dem österreichischen Forstmann Günther Schwab, dem Gründer des “Weltbundes zum Schutz des Lebens”, einem ehemaligen NSDAP-Mitglied.” 3)Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 227

Hierzu merkt Radkau richtigerweise an, dass die Umweltbewegung nicht ohne Grund kein eigenes Geschichtsbewusstsein entwickelt habe 4)Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 226-229, 621f,. Dies sei, zumindest teilweise, auch der Angst geschuldet, beim Nachvollziehen der eigenen Vergangenheit eine braune Fäulnis ans Tageslicht bringen zu können. Vor diesem Hintergrund stellt die europäische Umweltbewegung als Mikrokosmos eine Analogie zur deutschen Gesellschaft vor 1968 dar. Nur bleibt hier das reinigende Geständnis der eigenen Schuld (noch) aus, bzw. dessen Heilsversprechen. In der Vielfalt der ankommenden Postmoderne scheinen Verfehlungen der Vergangenheit plötzlich wieder attraktiv zu werden.

Nein, von Naturschutz zu reden ist zynisch und narzisstisch. So unangenehm es klingt: Die Menschheit wird diesen Planeten nicht auslöschen können. Selbst Atombomben sind für unseren Planeten keine ernsthafte Gefahr (sprich: Eine Veränderung des Orbits oder der Rotationsrichtung oder -geschwindigkeit) 5)https://www.uwgb.edu/dutchs/pseudosc/flipaxis.htm. Ein Rechenbeispiel: Die größte jemals von Menschen verursachte Explosion, AN 602 oder auch genannt: “Tsar Bomba”, entsprach bei ihrer Entzündung 10^15 Joule. Die totale Rotationsenergie der Erde beträgt aber “geringfügig” mehr, nämlich 10^29 Joule, die Orbitalenergie 10^33 6) http://en.wikipedia.org/wiki/Orders_of_magnitude_(energy). Oder um es anders zu sagen: Selbst die stärkte Atombombe ever setze nur ein Trillionstel der Rotationsenergie der Erde frei. Wie Life’s little Mysterys schrieb wäre der Einfluss einer Atombombenexplosion dieser Größenordnung auf die Erde “like trying to divert a speeding car with the energy of a flying mosquito.” 7)http://www.lifeslittlemysteries.com/25-can-a-nuclear-blast-alter-earths-rotation.html. Was für eine Ironie der Geschichte, dass das größte Beispiel für menschliche Zerstörungskraft den Planeten nicht einmal kratzen würde! Und vor der Trinity-Explosion dachten manche Wissenschaftler*innen ernsthaft, dass sie womöglich den gesamten Sauerstoff in der Atmosphäre entzünden könnten 8)http://en.wikipedia.org/wiki/Trinity_Explosion “The observers set up betting pools on the results of the test. [28][29] Predictions ranged from zero (a complete dud) to 45 kilotons of TNT, to destruction of the state of New Mexico, to ignition of the atmosphere and incineration of the entire planet. This last result had been calculated to be almost impossible, [17][18] although for a while it caused some of the scientists some anxiety.”. Sie wussten es nicht besser, zweifelsohne. Aber alleine die Namensgebung für die die heilige Dreifaltigkeit Pate stehen musste zeigt schon, in welchen Größenordnungen der atomare Mensch gedacht hat.

Der Glaube des Menschen daran, den eigenen Planeten tatsächlichen Schaden zufügen zu können, ist eine der letzten Instanzen in der sein Gotteswahn unangetastet bleiben kann – Den Titel des allmächtigen Zerstörers will sich die Menschheit anscheinend nicht aberkennen. Selbstreflexion, Hass oder doch ein morbider Stolz auf die zweifelsohne respektablen Bemühungen zur Selbsttötung? Was uns doch in Wahrheit treibt, ist ein Verlust unserer Lebensgrundlagen. Würden Nuklearkrieg und Klimawandel nicht bedeuten dass der Mensch seine eigenen Lebensgrundlagen auslöscht, würde er keinerlei Handlungsbedarf sehen. Die Zeiten des Stolzes sind vorbei. Wenn wir von “Naturschutz” reden, wollen wir uns als die großen Retter der Umwelt vor uns selbst inszenieren – und merken dabei nicht, dass Naturschutz in erster Linie bedeutet, eine geformte Natur, also letzten Endes eine Kultur nach unseren Bedürfnissen und Geschmack zu bewahren. Es ist ein irreführendes Label, welches reaktionäre Spinner*innen und Zombies antimoderner Bewegungen wiederauferstehen hat lassen und keinerlei emanzipatorischen Anspruch hat.

Die Entdeckung der Ökologie durch die Mehrheit der Menschen darf keine Ausrede dafür sein braungefärbten Ökopopulismus wieder zu beleben. Es geht hier um nichts anders als um das Überleben der Menschheit. Das ist schon groß und schwierig genug. Ein reflektierter Anthropozentrismus und Speziesismus mag moralisch und politisch nicht jede*m schmecken – er ist aber weiteraus ehrlicher. Den Planeten und die “Natur” kümmert das Überleben der Menschheit herzlichst wenig. Und der ganzen Armada an besorgten Naturschützer*innen die beklagen “wir” würden “Mutter Erde” Schaden zufügen kann ich nur erwidern: “Kommt mal von Eurem hohen Ross runter und macht euch nicht größer als Ihr seid!” Dieses Verhalten ist nämlich zuallererst eines, nämlich: Typisch Mensch.

References   [ + ]

1. Radkau: Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 231
2. Kia Vahland: Jedes Tier ist ein Künstler, Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, den 26. Juli 2012, Seite 11
3. Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 227
4. Radkau, Joachim: Die Ära der Ökologie, bpb, S. 226-229, 621f,
5. https://www.uwgb.edu/dutchs/pseudosc/flipaxis.htm
6.  http://en.wikipedia.org/wiki/Orders_of_magnitude_(energy)
7. http://www.lifeslittlemysteries.com/25-can-a-nuclear-blast-alter-earths-rotation.html
8. http://en.wikipedia.org/wiki/Trinity_Explosion “The observers set up betting pools on the results of the test. [28][29] Predictions ranged from zero (a complete dud) to 45 kilotons of TNT, to destruction of the state of New Mexico, to ignition of the atmosphere and incineration of the entire planet. This last result had been calculated to be almost impossible, [17][18] although for a while it caused some of the scientists some anxiety.”

6 Gedanken zu “Naturschutz? Nein, Danke!

  1. Das wir der Erde als Planet keinen Schaden zufügen ist klar, das schafft wohl nur “Gott”, aber darum geht es ja auch nun wirklich nicht… Es geht um den Erhalt von Lebensqualität für fühlende Individuen.

  2. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass das Projekt „Naturschutz“ politisch prinzipiell nach rechts offen ist und hervorragend als konservativer „Andockpunkt“ dienen kann. Deswegen muss klar gesagt werden: Grün heißt auch antifaschistisch und feministisch.
    Auch finde ich dein Anliegen, mit einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Fehlschluss auch auf dem Gebiet der Ökologie aufzuräumen, sehr richtig. Die Dualität von Natur und Kultur ist nicht so ohne weiteres zu ziehen.
    Ich würde aber zu bedenken geben, dass mit der Begrifflichkeit „Natur“ im ökologischen Sinne von vielen schlichtweg die menschlichen Lebensgrundlagen gemeint werden, freilich ohne es so ausdrücklich zu sagen, und dass die Vokabel „Naturschutz“ deswegen nicht gleich im politischen Abwasser versenkt werden muss. Zur Ehrlichkeit gehört auch dazu, dass politischer Begriffsfindung schnell mal die Differenziertheit abhanden kommt. Ein bisschen Selbstbetrug sei vielleicht an dieser Stelle gestattet oder wir einigen uns einfach auf den Begriff Umweltschutz.

    Doch (natürlich) ist klar: Wer mit dem Bewahren spielt und „Naturschutz“ betreiben möchte, sollte wissen, dass das zu Bewahrende, „die Natur“, für die Menschen oftmals (vielleicht nicht immer) einen so instrumentellen Charakter hat; dass es tatsächlich etwas Zynisches haben mag, die Natur sakralisiert ins Felde zu führen, wenn doch eigentlich nur Kultur gemeint sein kann.

    Ich sehe allerdings nicht so ganz, warum wir uns nicht von ekligen konservativ-faschistischen Naturbewegungen abgrenzen können, ohne in unserer Polemik gleich alles kaputtzuschlagen, was irgendwie nach Naturesoterik riecht. Denn „neo“ ist diese Romantik wahrlich nicht. Die Grünen waren von Anfang an in einigen Punkten „antimodern“. Bei ISDN lagen sie vielleicht daneben, bei Atomkraft aber umso richtiger. Nicht jede Form von Fortschrittsskepsis muss schlecht sein.

    Ich möchte deswegen darauf hinweisen, dass, wer „energetisches Wasser“ für gefährliche Hirngespinste hält, in seineR Kritik an ökofaschistische Anschlussfähigkeit desselben einerseits ein bisschen argumentative Verhältnismäßigkeit wahren und andererseits nicht mit einem unterschwelligen Modernitätsparadigma arbeiten sollte, das unerklärt und unhinterfragt bleibt. Wo genau findet bei dir die Abgrenzung zwischen derjenigen Wissenschaft statt, die dir sagt, dass Esoterik ins Reich der „Hirngespinste“ zu verbannen ist, und derjenigen, die sich nicht scheut ihre Erkenntnisse zu Massenvernichtungswaffen zu verarbeiten?

    Vor lauter Polemik gegen „Alternativmedizin“ „et cetera“ – wobei nicht ganz klar wird, ob du das schon direkt dem „braunen Ökopopulismus“ zuschlagen würdest – sowie lauter gezieltem Zynismus hinsichtlich menschlicher Selbstzerstörungskraft und absurdem menschlichen Stolz, konterkariert der Artikel meines Erachtens sein Ziel, potenziell gefährliche (Begriffs-)Dichotomien der sozialen Konstruktion zu überführen. Ich finde, hier holt dich dein eigener Zynismus ein.
    Wer nämlich durch „esoterische Gehirnwäsche im Bioladen“ braunem Ökopopulismus Vorschub geleistet sieht, sollte bestimmte kontroverse und einschlägige Fragen niemals undiskutiert lassen: Was ist hier eigentlich (anti-)modern, was (ir-)rational und wo fängt die soziale Konstruktion auch von Wissen(-schaft) an bzw. wo hört sie auf? Denn, so möchte ich fragen, wer sollte hier eigentlich das fragwürdigere Geschichtsbild haben? Was müssen sich die esoterischen SpinnerInnen denn vorwerfen lassen im Kontrast zu einer Wissenschaft, deren eine Zunft kategoriales Klassifikationsinventar und ver(pseudo-)wissenschaftlichte Hass- und Vernichtungsideologie erdacht, transportiert und grauenvoll angewandt hat, während deren andere Zunft Waffen unvorstellbarer Zerstörungskraft erfand und erprobte? Im Kontrast auch zu einer entmenschlichenden Rationalität, die mit demografischer Kälte und eiskalter (industrieller) Systematik zur namenlosen Nummer degradierte und sich zum Steigbügel einer menschenverachtenden Ideologie machte, die millionenfachen Tod hervorgebracht hat? Vor diesem Hintergrund, was sich also Wissenschaft und (vermeintliche) im Übrigen wohl „abendländische“ Rationalität beim Thema Faschismus vorhalten lassen müssen, sind es aber deiner Meinung nach die esoterischen Ökos, die der „Blut und Boden“ Ideologie den Nährboden bereiten würden? Dabei sind doch gerade sie es, z. B. die von tiefer Skepsis gegen die von ihr so genannte „Schulmedizin“ besessene Alternativmedizinerin und der Bioladenzombie, der jeden Abend irgendwelche Steinchen in sein Leitungswasser legt, die sich am deutlichsten von wissenschaftlichen Allmachtsfantasien abgrenzen. Doch sie werden von dir diffamiert; offensichtlich auf den Grundlagen einer wie auch immer gedachten Rationalität und mit Hilfe einer Wissenschaft, die nur allzu oft beides verlacht: Öko-Esos ebenso wie deinen Versuch, die Dichotomie von Kultur und Natur zu entzerren. So ersetzt du lediglich die eine Hybris durch die andere. Ich möchte deswegen fragen: ist jeder Mythos gleich faschistisch?

    Auch wenn ich die Grundthese des Artikels durchaus stichhaltig finde und deine Warnung vor einem erhöhten Naturbegriff, der rechts-konservativ anschlussfähig ist, wichtig ist, gehst du nach meinem Empfinden hier in deiner Polemik zu undifferenziert gegen „antimoderne Bewegungen“ vor. Zumindest legst du nicht dar – auch weil es auch nicht dein Hauptanliegen ist – wo du zwischen guter und schlechter Wissenschaft bzw. Modernität trennen würdest.
    Ich hoffe, ich bin jetzt selbst nicht zu polemisch und drastisch geworden. Sei’s drum, Debatte lebt von Kontroverse und es ist spät…

    LG Manuel

    1. @Tobias

      Genau! Aber wir müssen uns bewusst machen wen wir eigentlich unter “fühlende Individuuen” fassen (wollen), wem diese Feststellung hauptsächlich nützt und wie wir kulturgeschichtlich zu diesem Konzept gekommen sind. Da gibt es noch viel zum Aufarbeiten.

      @Manuel

      Danke erst einmal für die ausführliche Antwort. Beim Lesen habe ich bemerkt das der Eintrag nicht so begriffsicher war wie ich es anfangs gedacht habe. Daher war deine Antwort auch außerhalb von der inhaltlichen Kritik recht aufschlussreich für mich. 🙂

      Ich persönlich würde dafür plädieren eine konkrete Definition von Umweltschutz zu erarbeiten und sich darauf zu einigen mit diesem konkreteren Begriff zu arbeiten. Natürlich (haha.) sehe ich ein, dass Begriffe im politischen Alltag mit viel zu vielen Konnotationen und Einschreibungen überlastet sind. Dazu wäre mir auch endlich eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte der (deutschen) Umweltbewegungen recht wichtig.

      Zur Neoromantik und Antimoderne bzw zur Frage, wo ich zwischen guter und schlechter Wissenschaft / Modernität trennen würde: Hier hätte ich klar machen müssen wo von ich genau sprechen möchte. Auch wenn er von meiner Seite aus auch moralisch gemeint ist, sehe ich einen qualitativen Unterschied zwischen anti- und postmodernen Positionen. Abgekürzt: Antimoderne Akteur*innen wollen gesellschaftlich zurück in eine idealisierte Zeit vor der Aufklärung, postmoderne politische Akteur*innen entwickeln hingegen aus den Erfahrungen mit der Moderne einen neuen Gesellschaftsentwurf. Die Grünen erfüllen in ihrer konstruktiven Art mit den offenen Fragen einer modernen Gesellschaft umzugehen das Label einer postmodernen Partei (hier ja primär die Wachstumsfrage, Ökologie, Fortschritt und das Mensch-Umwelt-Verhältnis zu nennen). Der Diskurs ist offener gestaltet, aber in vielen Punkten wird sehr klar mit Grundannahmen der Moderne gebrochen (deshalb grummelt bei mir auch etwas wenn führende Grüne davon sprechen die Grünen seien “modern”. Die politisch-ökologischen Bewegungen können nur äußerst schwer “modern” im Sinne der kulturwissenschaftlichen Analysekategorie “Moderne” sein. Wohl auch aus den gleichen sprachlichen Umständen wie du sie genannt hast). Andere Errungenschaften der Moderne wie die Öffnung zwischenmenschlicher Beziehungen, das Abstreifen der “Gemeinschaft” um in einer “Gesellschaft” zu leben oder ein gewisser Rationalismus sind zumindest sehr wichtige Punkte mit denen sich auseinander gesetzt wird. Das was ich Neoromantik nenne will sich mit diesen Zeitdiagnosen gar nicht auseinander setzen und beflügelt Kräfte, die für ein gesellschaftliches und kulturelles Rollback stehen. CSU mit iPads in gewisser Weise. Da sind wir denke ich d’accord. Fortschrittsskepsis ist erst mal moralisch unproblematisch – entscheidend ist hier finde ich eher die Richtung, in der die aus der skeptischen Haltung entstandenen Erkenntnisse laufen.

      Die Abgrenzung der Wissenschaft ist eine interessante Frage. Ich würde die Grenze dort ziehen wo Wissenschaft auftritt die ein Bewusstsein für die eigene Subjektivität und Falsifizierbarkeit entwickelt hat. „Alternativmedizin“ die ihre Wirkungsweise oder zumindest ihr besonderes Ausnutzen des Placebo-Effektes nachweisen können und nicht mit vermeintlich wissenschaftlich fundierten Aussagen arbeiten die schon von Medizinstudent*innen im ersten Semester methodisch zerpflückt werden können gehören für mich auch dazu. Auf der anderen Seite sind die Alternativmedizinischen Ansätze mit Anspruch auf alleinige Wahrheit und z.T. strukturell antisemitischen Weltbildern. Eigentlich ist der Habitus gewisser Esos damit teilweise sogar recht „modern“. Sie reproduzieren damit in meinen Augen diese wissenschaftlichen Allmachtsphantasien von denen du sprichst. Und nicht alle, aber viele Mythen in diesem Bereich können faschistisch wirken – schon alleine dadurch, dass sie die Fähigkeit des kritischen Denkens durch einfache Angebote von „Wahrheit“ betäuben können. Dass es irgendwo dort „eine Wahrheit“ gäbe von denen sich der moderne Mensch via Zivilisation / Schulmedizin / Staat entfernt habe und er zurück zu einem „ursprünglichen“ Wesen geführt werden müsse ist für mich ein Merkmal faschistischer Ideologien und damit auch Teil dieses Teiles der Alternativmedizin die ich im Eintrag kritisiert habe.

      tl;dr

      Eine „gute“ Modernität und Wissenschaft wäre selbstkritisch und reflektiert; eine „schlechte“ Modernität und Wissenschaft dagegen blind den eigenen Widersprüchen gegenüber und ungeheuerlich selbstbewusst. Diese Widersprüche sind letzten Endes der ideale Nährboden für Bewegungen die die Moderne komplett zu negieren versuchen.

      Ich hoffe ich konnte – trotz der vorangeschrittenen Zeit und meiner Mandelentzündung – eine zufriedenstellende Antwort geben.

      LG Jan

      (Ich sollte übrigens schleunigst mal die Breite vom Contentbereich ändern, für längere Texte und vor allem Kommentare ist das derzeit schlicht ungeeignet.)

      1. Alles klar. Ich bin mir nicht sicher, ob ich deine Meinung von einem Großteil der “Alternativmedizin” etc. teile, werde mir da noch mal Gedanken drüber machen 😉
        Manu

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