Grün-orange geht die moderne Welt zu Grunde.

By: Rev. Xanatos Satanicos Bombasticos (ClintJCL)CC BY-NC-SA 2.0

Oder auch gern als alternativer Titel: #flausch in Grünorange.

Wir wissen nicht, wie die Welt der kommenden Jahrzehnte aussehen wird. Nur eines scheint Gewissheit zu sein: Es wird scheiße. Dass wir uns gerade in einer Übergangsphase befinden, in welcher sich viele Veränderungen als dunkle Wolken am Horizont ankündigen, macht die Sache nicht besser. Und darüber hinaus ermüdet das ganze Gerede von der Transitionszeit, in der wir uns derzeit befinden sollen. Aber wir können nicht die Augen davor verschließen, dass spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges nach und nach die großen Erzählungen der westlichen Welt zerfallen. Ohne das Erfüllen der Versprechen von Wachstum, Kapitalismus, objektiver Wissenschaften und Wahrheiten fühlen wir uns zurück gelassen. Dieser (Werte-)Wandel ist ein ganz konkreter, beobachtbarer Vorgang. Und er verläuft mitunter schneller, als manch eine*r mitzukommen vermag.

Die große Sicherheit dieser Zeit, dieser Generation heißt – ganz nach Ulrich Becks (Welt)Risikogesellschaft 1)Ulrich Beck hat sich in seinen zwei großen Werken „Risikogesellschaft“ (1986) und „Weltrisikogesellschaft (2007) ausführlich mit der Diagnose auseinander gesetzt, unsere gegenwärtigen Gesellschaften würden sich vornehmlich über die Verringerung der Effekte zu erwartbarer Risiken, und nicht über deren Vermeidung – organisieren – „Unsicherheit“.

Hier kommen – bei allem Frust – Grüne und Piraten ins Spiel. Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen sind es beide wichtige Parteien. Denn sowohl ihre Entstehungsgeschichten als auch ihre Ausgangspositionen machen sie in diesem Prozess zu Parteien eines anderen Typs, inklusive einer damit einhergehenden politischen und gesellschaftlichen Verantwortung.

Neue Phänomene geben den Takt der Politik vor.

Unsere Gegenwart scheint sich das Hobby angeeignet zu haben, mit einer ironischen Regelmäßigkeit neue Revolutionen auszurufen. Das leuchtet irgendwo ein, denn Revolutionen verheißen einen Neuanfang, Chancen. Groß sind unter anderem die „ökologische“ und die „digitale“ Revolution. Beide sind interessant, denn sie basieren auf emergenten Phänomenen. Das heißt, beide Konzepte arbeiten über ungeplante und unvorhersehbare Phänomene, welche aus dem Zusammenspiel von Bestandteilen komplexer Systeme entstanden sind. Das Problem mit Emergenz ist: Sie stellen uns, als Gesellschaft und nicht zuletzt auch als Wissenschaftler*innen, erst einmal vor ein Rätsel. Wir können sie nicht erklären, wenn wir einfach nur auf das Ursprungssystem blicken. Wir wissen nicht WAS wir vor uns haben.

Und wäre das nicht ungünstige Ausgangslage genug, sind wir mit Fragen konfrontiert, welche sich nur über komplexe und oft unzufrieden stellende Antworten auflösen lassen. Und weil die Zeit der einfachen Antworten vorbei ist, haben wir ein Problem: Denn konservative, reaktionäre und letzten Endes simple Erklärungsmuster und Heilsversprechen erhalten dadurch wieder Zulauf. Wie geht eine Gesellschaft mit diesen neuen Fragen, diesen Ankündigungen einer „neuen Welt“, angemessen und konstruktiv um und vermeidet eine Renaissance des Konservativismus, wie es unter anderem im Naturschutz beobachtet werden kann? Ich glaube, eine sehr große Verantwortung für diesen Prozess ist zumindest in Deutschland grün-orange gefärbt.

Bündnis 90 / Die Grünen sind keine moderne Partei!

Um gleich mit einem Mythos aufzuräumen, den Grüne in den letzten Monaten mal wieder rauf und runter stammeln (müssen): Modernität und Grün passt nicht. Die Grünen kommen aus einer Bewegung heraus, welche mit der bedingungslosen Fortschritts- und Wissenschaftseuphorie der westlichen Gesellschaften gebrochen und allen Ernstes in Frage gestellt hat, dass den zukünftigen Generationen keine bessere Welt Kraft des Fortschritts vermacht werden würde 2)zu der Herangehensweise und dem Selbstverständnis der Grünen Partei im Bezug auf Forschritt, Wissenschaft und Technik gibt es unzähliges Material, und wenn es nur der Blick in die taz ist. . Das mag banal erscheinen – kulturgeschichtlich ist dies jedoch eine Zäsur. In diesem Sinne sind die Grünen die erste ernst zu nehmende Partei Deutschlands, die sich explizit mit einem sturen „Wir machen es besser!“ gegen Konzepte der Moderne gewandt hat als sich diese als langfristig unzureichend entpuppt haben. Damit ist sie klassisch postmodern. Das macht nebenbei Zuschreibungen wie Bürgerlichkeit komplett unbrauchbar und unnötig, aber zu aller erst macht es die Grünen zu einer Partei, welche die Gesellschaft auf eine Zeit nach der Moderne vorbereiten kann und will. Gewiss ist diese Partei kein Messias. Sie liebäugelt gerade süffisant damit die bessere CDU zu werden 3) und das die Grünen sich gerade ziemlich gut bei der Vorstellung vorkommen, die CDU irgendwann abzulösen, ist bei Berichterstattung wie dieser auch kein Wunder und empfindet eine morbide Genugtuung darin, wenn andere sie als „modern“ oder „bürgerlich“ betiteln. Und was aktuell unter dem Label Realpolitik verhandelt wird, wirkt auf mich viel eher wie Opportunismus und ein Verkennen des eigenen Wähler*innenklientels. Ich sage es deutlich: Diese Form von Realpolitik kostet erstens Wähler*innenstimmen und steht deshalb zweitens dem Streiten für politische Inhalte entgegen. Aber ironischerweise scheint dieses – ich bin schon fast gewillt es dialektisch zu nennen – Phänomen typisches Merkmal der Grünen zu sein, ist doch ihre gesamte Geschichte von der ständigen Versuchung eines gesellschaftlichen Konservativismus und dem Streit zwischen Annäherung zur und Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft geprägt gewesen; in der gleichen „Tradition“ stehen die neuerlichen Debatten um die „Identität“ der Grünen Partei.

Dieses „neue Bürgertum“, von dem immer gesprochen wird, ist aber gleichwohl ein Zeichen dafür, dass Grüne nicht einfach ein Arrangement mit alten Begriffen finden, sondern diese tatsächlich mit neuen Inhalten füllen – hier ist die Frage zu stellen, ob dies nicht analog zum gesellschaftlichen Wandel erfolgt. „Neu“ ist dieses Bürger*innentum tatsächlich 4)Katrin Göring-Eckart hat zum Unterschied der Bürgerlichkeit von „Grünen“ und „CDU“ einen recht guten Text beim European veröffentlicht: http://www.theeuropean.de/katrin-goering-eckardt/5412-buergerliche-werte-von-gruenen-und-union denn es zeichnet sich durch Eigenschaften aus, die wir im klassischen CDU-FDP Bürger*innentum nicht finden (Bereitschaft für Solidarität mit weniger privilegierten Menschen, politischer Gestaltungswille jenseits des Selbsterhaltes, grundsätzliche Offenheit anderen Lebensentwürfen gegenüber, …). Das scheint symptomatisch. Und gleichwohl zeigt die Erbittertheit, mit der die CDU – respektive Menschen wie Christean Wagner 5)Der gute Herr Wagner hat sich vor kurzem mit großem Erfolg als Comedian bei Spiegel Online versucht und die Grünen als „Neosozialisten“ bezeichnet, die unter ihren bürgerlich-anmutenden Anzug das Mao-Jäckchen verstecken würden mit gezogenem Säbel um die Deutungshoheit des Bürgerlichkeitsbegriffes kämpfen, dass hier ein für konservative Kräfte existenziell bedrohlicher Diskurs sichtbar wird. Und natürlich: Die Grünen waren und sind immer eine Partei derer, die über ein Übermaß an kulturellem Kapital verfügen 6)Zum kulturellen Kapital nach Pierre Bourdieu: “Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital.” in Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt, Sonderheft 2), 1983 S. 183-198 .

Auf komplexe ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen einer immer verschwommener werdenden Gesellschaft haben Grüne erkannt, dass sie auf bestehende Werte und Ideen als Grundlage für Weiterentwicklung und Auseinandersetzung zurückgreifen können – und gehen schon beinahe respektlos in eine Phase der Neudefinition über. Und das können sie eben auch deshalb, weil ihre Entstehungsgeschichte unweigerlich mit der Auseinandersetzung mit den großen Fehlern und Lügen der Industriegesellschaft geprägt war. Dass das schwerlich modern zu nennen ist, könnten einige Grüne vielleicht auch langsam einsehen.

tl;dr
Nur weil Grüne jetzt die coolen Kids sind, sind sie nicht weniger nerdig als vorher. Und ansonsten: Was die Katrin Rönicke sagt.

Die Piraten haben Recht: Sie sind die mit den Fragen.

Ebenso möchte ich vor diesem Hintergrund eine Lanze für die Piraten brechen. Sie sind Repräsentanten einer Generation, für die das Internet und die dort entstandenen sozialen und kulturellen Praxen wie Filesharing, nicht einfach nur ein neues, eigenartiges Kommunikationsphänomen darstellt, sondern einen selbstverständlicher Teil des Alltags. Sie haben sich daher genauso wie die Grünen aus einem gesellschaftlichen Diskurs heraus gebildet; genauso entstanden sie im Konflikt zwischen alter und neuer Welt. Wir müssen uns nur das Gerede über Kostenloskultur und Verschärfungen des geltenden Urheberrechts, über ACTA und INDECT, antun und sehen: Es gibt es keinen Konsens darüber wie mit diesem neuen unerwarteten Phänomen „Internet“ politisch zu verfahren ist. Die Piraten mögen technokratisch, arrogant und peinlich-naiv sein und ein Talent dazu zu haben sich ständig auf idiotischste Art und Weise selber zu zerlegen – aber in diesem Wandlungsprozess stellen sie Vorteile und Chancen der Digitalisierung für die Gesellschaft in den Vordergrund, anstelle reflexartig jede kulturelle Zuckung aus Angst ersticken zu wollen. Sie erlauben sich noch naive Träume zu haben und stehen dem ganzen postmodernen Vulgärpessismismus naiv und optimistisch gegenüber. Sie vertrauen wie die Grünen geradezu trotzig auf Basisdemokratie, und das gerade in einer Zeit, in der Politikwissenschaftler*innen nachdenklich über die Diagnose der Postdemokratie diskutieren – Müdigkeitserscheinungen von Gesellschaften, die letzten Endes nur das Fundament demokratischer Prozesse destabilisieren. 7)Solider Basistext zu Postdemokratie: Colin Crouch, Postdemokratie, bpb, in Bezug auf diesen Blogpost vor allem S. 30-44, 91-100
Piraten haben einen basisdemokratischen Trieb, der wie ein Messias aus dem Internet herabgestiegen ist und uns verspricht, dieses alte verstaubte Konzept der Demokratie zu erneuern. Es gibt kaum eine charmantere und bessere Art, Demokratieskepsis politisch zu begegnen, als sich selbst zur Arbeitsfläche für eine größtmögliche Zahl Menschen mit politischem Gestaltungswillen zu machen und dabei elementare Fragen über unsere zukünftige Gesellschaft zu stellen Aber dabei darf es nicht bleiben.

Postmoderne Parteien für eine postmoderne Gesellschaft

Das heißt: Grüne und Piraten könnten die Verwalter*innen dieses Transformationsprozesses sein. In der deutschen Parteienlandschaft sind sie die einzigen Parteien, die als Reaktionen auf emergente Phänomene entstanden sind und dabei nicht zurück in den Morast der Vormoderne wollen. Sie formulieren politischen Handlungsbedarf daran, ob und wie sich eine Gesellschaft verändern müsste, um mit neuen Herausforderungen und Chancen bestmöglichst umzugehen – ganz im Gegensatz zu den dominanten Strömungen im Rest der ganzen Bande, die gerne mal politischen Handlungsbedarf mit Reaktion verwechselt. Politisch können wir nicht zurück in eine Zeit, in der neue Kulturphänomene, Technologien, Probleme und Lebensrealitäten primär an die Gesellschaft oder bestimmte Interessengruppen angepasst oder gleich aus „Schutzgründen“ unterdrückt werden müssen. Das ist eine Sackgasse, die letzten Endes die Differenz von individuellen Lebensrealitäten, politischem Alltag und staatlicher Organisation komplett auseinander driften lassen wird – und somit Gift für eine wehrhafte, funktionierende Demokratie darstellt. Wolfgang Michal hat es bei carta so schön formuliert: Grüne und Piraten sind postmoderne Parteien, die noch von der Utopie des guten Staates träumen und einen ganz anderen Habitus an den Tag legen als die „alten“ Parteien.

Grüne und Piraten sind eben auch Repräsentanten und Kinder des Umbruchs. Und dies macht sie prädestiniert dafür, diese Zeit, diese Übergangsepoche, auch zu gestalten. Die Bedingungen sind jedenfalls dafür da. Es wäre nur wünschenswert, wenn sie sich dieser Verantwortung mehr bewusst wären – und sich das in ihrem politischen Wirken ausdrückt. Denn um den Niedergang der Moderne in Deutschlands Politik und Gesellschaft zu begreifen, braucht es eben auch eine Brille in Grün-Orange. Und das sollte auch so bleiben.

Disclaimer:
Mir ist bewusst, dass die aktuellen politischen Herausforderungen nicht nur aus Internetz und Klimawandel bestehen. Aber gerade in diesen beiden Punkten sehe ich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive eine höhere Relevanz für die innerhalb der Gesellschaft ausverhandelten Werte, Ideologien und Selbstfindungsprozesse. Ich denke, über diese Perspektive können wir uns auf eine Betrachtungsweise einlassen, über welche die Stärke und Schwäche konservativer Parteien und Weltanschauungen anders kontextualisiert werden kann als es aus einer rein politikwissenschaftlichen Perspektive möglich ist. Vor allem erlaubt diese Perspektive die aktuelle Rolle, welche die strukturkonservative Parteien für den Zustand und die Entwicklung der Gesellschaft spielen, zu problematisieren.

Und natürlich gibt es auch progressive Strömungen innerhalb dem Rest der politischen Linken und sogar in der CSU. Allerdings sehe ich das Problem hier eher strukturell und parteihistorisch bedingt. Die Geschichte und der Traditionalismus der übrigen Parteien hat einen dominanten Habitus erzeugt, der es schwierig macht, für einen anderen Weg zu werben, beispielsweise beim Thema Bedingungsloses Grundeinkommen. Hier wage ich zu behaupten, dass es in der Linkspartei viel mehr aus weltanschauulicher Sicht auf Ablehnung stößt anstatt aus konkreter Kritik an der politischen Umsetzbarkeit.

References   [ + ]

1. Ulrich Beck hat sich in seinen zwei großen Werken „Risikogesellschaft“ (1986) und „Weltrisikogesellschaft (2007) ausführlich mit der Diagnose auseinander gesetzt, unsere gegenwärtigen Gesellschaften würden sich vornehmlich über die Verringerung der Effekte zu erwartbarer Risiken, und nicht über deren Vermeidung – organisieren
2. zu der Herangehensweise und dem Selbstverständnis der Grünen Partei im Bezug auf Forschritt, Wissenschaft und Technik gibt es unzähliges Material, und wenn es nur der Blick in die taz ist.
3. und das die Grünen sich gerade ziemlich gut bei der Vorstellung vorkommen, die CDU irgendwann abzulösen, ist bei Berichterstattung wie dieser auch kein Wunder
4. Katrin Göring-Eckart hat zum Unterschied der Bürgerlichkeit von „Grünen“ und „CDU“ einen recht guten Text beim European veröffentlicht: http://www.theeuropean.de/katrin-goering-eckardt/5412-buergerliche-werte-von-gruenen-und-union
5. Der gute Herr Wagner hat sich vor kurzem mit großem Erfolg als Comedian bei Spiegel Online versucht und die Grünen als „Neosozialisten“ bezeichnet, die unter ihren bürgerlich-anmutenden Anzug das Mao-Jäckchen verstecken würden
6. Zum kulturellen Kapital nach Pierre Bourdieu: “Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital.” in Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt, Sonderheft 2), 1983 S. 183-198
7. Solider Basistext zu Postdemokratie: Colin Crouch, Postdemokratie, bpb, in Bezug auf diesen Blogpost vor allem S. 30-44, 91-100

6 Gedanken zu “Grün-orange geht die moderne Welt zu Grunde.

  1. Hallo, erstmal ein großes Loob für den langen und guten Text. Da steht viel richtiges und Interessantes. Ein zwei Punkte würde ich aber gerne hinterfragen.
    1. Was heißt für dich eigentlich konservativ? Die Grünen speisen ihre Ideale schon immer viel mehr aus einem bewahrenden christlichen Wertekanon als ihr atheistischer Impetus vermuten lässt. Diese Werte werden allerdings umgedeutet. Die Familie wird durch das Kollektiv ersetzt oder die Kommune, Partnerschaften sind unabhängig vom Geschlecht, und nationale Identität wird von Abstammung losgelöst. Die Konzepte an sich werden eigentlich nicht in Frage gestellt.
    2. Was heißt eigentlich postmodern für dich? Gerade die Piraten entwerfen die Zukunft auf der Grundlage, die Digitalisierung löse offene Versprechen der modernen Politik ein. Sie wollen die Prozessen flüssiger und transparenter machen. Transparenz ist ein klassisches Motiv der Aufklärung, flexibilisierung der klassische Modus Operandi aller kommunikativen Prozesse der Moderne (Geldsystem, Medien, Demokratisierung). Und die Bibel der Piraten ist das Grundgesetz, ein Manifest aufklärerischer Werte, dem sie zu neuem Recht verhelfen wollen. Ich würde sie als Hypermodern und nicht Postmodern bezeichnen.

    1. Huhu!

      Zu 1.
      Gute Frage! Ich fürchte ich war im Text nicht begriffsfest genug.

      Für mich bedeutet konservativ meistens, dass einem idealisierten „früheren“ Zustand nachgehangen wird und davon ausgegangen wird, mensch könne gesellschaftlichen Herausforderungen nur über ein Festhalten bzw. Rückgreifen auf diesen Zustand zufriedenstellend begegnen. Der Mensch wird im Konservativismus grundsätzlich als ein defizitäres Lebewesen begriffen, welches nur über feste und unveränderliche Prinzipien zu einem moralischen Handeln fähig sei.

      Die Grünen sind dabei interessant, weil sie feststellen dass viele solcher Prinzipien nicht mehr in unserer Lebensrealität vorkommen bzw. von konservativen Weltanschauungen ausgeblendet werden. Dabei deuten sie einiges lediglich mit um, aber für mich erscheint alleine dieser Prozess, dass Dinge wirklich neu gefüllt werden (das Beispiel der Ehe und ihrer Öffnung finde ich dabei sehr schön) und dass solchen Überlegungen Raum gegeben wird, als eine eindeutige Absage an Konservativismus (ob das dann auch so wahrgenommen wird steht auf einem anderen Blatt. Gerade viele Realpolitiker*innen bei den Grünen finden ja derzeit eine sehr problematische Art mit solchen Zuschreibungen umzugehen…) und als symptomatisch für den Prozess den westliche Gesellschaften gerade hin zum Label „Postmoderne“ durchlaufen.

      Zu 2.
      Haha, sehr guter Punkt! Postmoderne bezeichnet für mich eine irgendwann zu tätigende Gesellschaftsdiagnose, die aus einer umfangreichen Reflexion und Weiterentwicklung / Überwindung moderner Konzepte entstanden ist. Von der Hypermoderne habe ich noch nie gehört und habe sie jetzt auch nicht in einer ersten behelfsmäßigen Recherche gefunden.

      Ich kann durchaus damit mitgehen dass die Piraten meinen, Versprechen der Aufklärung über das Internet einzulösen, aber ist das Internet wirklich dazu in der Lage? Denn abseits der technischen Infrastruktur wird das Internet von seinen Nutzer*innen eben auch sozial und kulturell verwendet und angeeignet, es bildet also ziemlich gut Wertewandel ab, was auch für postmoderne Transformationsprozesse gilt. Beispiele dafür würden mir spontan auf der Ebene der Identität einfallen wo wir massive Fragmentisierungsprozesse beobachten können, oder im Bereich des Dualismus aus Privatssphäre und öffentliche Sphäre.

      Finde es aber sehr interessant dass du davon sprichst, Transparenz sei ein klassisches Motiv der Aufklärung. Magst du das vielleicht näher ausführen?

      Ich hoffe ich konnte deine Fragen beantworten. 🙂

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