Eine Lücke ist nicht genug. Dynamisches Gendern.

By: lolulaCC BY-NC-SA 2.0

Lasst uns über Gendern sprechen!

Gendern ist ein Versuch, Sprache geschlechtergerecht zu gestalten. Sie gehen davon aus, dass das generische Maskulinum im alltäglichen Sprach- und Textgebrauch nicht nur unzureichend ist, sondern ausschließend wirkt und bestehende Machtverhältnisse untermauert. Zu allgemeinen Reflexionen über die Praxis(anwendung) gegenderter Sprachtechniken gibt es hier schon einen Blogpost mit dem Titel “Wir errichten Utopia auf unseren Zungen”, weshalb ich hier nicht ausführlich auf die theoretische Unterfütterung eingehen möchte.

Heute wurde ich im Rahmen eines Referats mit einer weiteren Form des Genderns konfrontiert, die sich unterscheidet vom statischen, an einer standardisierten Position stattfindendem, Gendern wie dem Binnen-I (FeministIn), der Gender-Gap (Feminist_in) und dem Gender-Star (Feminist*in):

Dem dynamischen Gendern (Fem_inistin, Femin_istin, Feministi_n, F_eministin, …).

Am Anfang dachte ich, ich hätte mich verlesen. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass ich mich sehr an konventionell gegenderte Sprache gewöhnt habe – am Anspruch des dynamischen Genderns gemessen spricht meine Reaktion aber nicht für mich. Sie hat mich stutzig gemacht – und damit meinen Lesefluss auf die gleiche Weise unterbrochen, wie es früher das Binnen-I oder die Gender-Gap getan hatte. Um mich damit auseinander setzen zu können, habe ich eine Definition gesucht und sie als Anhang in einem Interview mit HU Gender-Studies Professor*in Lann Hornscheidt in der ak 577 gefunden:

Der dynamische Unterstich, der nicht immer an der gleichen Stelle ist (Beispiel: Fem_inistinnen), soll verhindern, dass der Unterstrich weiterhin die maskuline Form hervorhebt und soll verdeutlichen, dass es nicht einen festen Ort gibt, an dem ein Bruch in Zweigenderung stattfindet, etwa zwischen Mann/Frau.

Das Hauptargument des dynamischen Genderns scheint folgendes zu sein:

Gender-Gap und Gender-Star reproduzieren durch ihre Position innerhalb der Nomen die geschlechtliche Binarität. Beispiel: Feminist*in. Sie teilen Worte gezielt dort auf, wo das generische Maskulinum aufhört und der feminine Zusatz “-in” beginnt. Das wird dahingehend problematisch gesehen, als dass es trotz der expliziten Repräsentation geschlechtlicher Vielfältigkeit diese Vielfalt im und als Übergang zwischen den beiden geschlechtlichen Polen “Mann” und “Frau” sieht und damit Zweigeschlechtlichkeit als feste Größen zementiert. Als Reaktion wird zufällig im Wort gegendert und nicht an einer standardisierten, allgemein definierbaren Position.

Diese Kritik stellt mich vorrangig vor zwei Fragen:

1) Habe ich trotz und durch Gendern die Mann-Frau Binarität reproduziert? Hat statisches Gendern vor diesem Hintergrund einen über die Sichtbarmachung von Frauen hinaus gehenden, emanzipatorischen Anspruch?

2) Wie sähe eine Umsetzung des dynamischen Genderns in der verbalen Kommunikation aus? Wäre es als bewusste sprachliche Intervention identifizierbar? Oder eignet es sich nur für die textliche Repräsentation?

Ich möchte mich in den nächsten Tagen ausführlicher damit auseinander setzen. Was haltet ihr vom dynamischen Gendern? Haltet ihr diese feministische Interventionstechnik für sinnvoll? Gibt es vielleicht sogar Literatur die ihr dazu empfehlen könntet?

Ich freue mich auf eure Kommentare und eure Meinung zum dynamischen Gendern!

EDIT: 

@Freddy2805 hat mich auf das im Interview ebenfalls erwähnte Buch “feministische w_orte: ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik” (2012) aufmerksam gemacht. ich werde schauen ob ich es irgendwo ausleihen kann. Danke! 🙂 l

21 Gedanken zu “Eine Lücke ist nicht genug. Dynamisches Gendern.

  1. Nun, das zerstört vollständig die flüssige Lesbarkeit von Texten und diese Form des Genderns wird von Menschen die sie nicht kennen mit absoluter Sicherheit nicht erkannt.

    Geschlechtergerechte Sprache hat auch so noch einen langen Weg vor sich, bis sie zur Normalität werden kann. Ich befürchte, dass dynamisches Gendern diesen Weg blockieren würde.

  2. Wo liegt der Vorteil im dynamischen Gendern gegenüber den Formen gendergerechter Sprache, die wir kennen? Genderstar und Gendergap stehen doch gerade für die komplette Bandbreite geschlechtlicher Identitäten – dazu gehören auch cis-Männer und cis-Frauen. Wenn wir diese binäre Punkte als Extreme eines Spektrums definieren, oder besser, als Fixpunkte, zwischen denen andere Selbstdefinitionen durch Stern oder Lücke gleichermaßen einen Platz finden, empfinde ich das nicht als Diskriminierung oder subtiles Aufrechterhalten binären Geschlechterdenkens. Angesichts der Tatsache, dass die Menschheit bisher im Wesentlichen nur zwischen Mann und Frau unterscheidet, muss mensch ja irgendwo anfangen, dieses Denken zu erweitern und das geht imho nur vom Start mit dem Altbekannten aus.

  3. Geschlechtergerechte Sprache ist wichtig und richtig. Jedoch sollte sich jedeR FeministIn einer Sache dabei bewusst sein: eine geschlechtergerechte Sprache wird nicht am Reißbrett entstehen.

    Eine Sprache kann nur dadurch geschlechtergerecht werden, dass sie auch benutzt wird – und zwar nicht (nur) von einer Minderheit, sondern einem großen Teil der Menschen. Geschlechtergerechte Sprache muss praktisch sein, idealerweise praktischer als das, was wir schon gewohnt sind – was schwer ist, da Sprache die Eigenheit hat, sich über lange Zeit selbst sehr gut zu optimieren. Geschlechtergerechte Sprache muss als solche erkennbar sein und daher im Idealfall bei Personen, die sich nicht dessen bewusst sind, dass Sprache heute nicht geschlechtergerecht ist, ein Aha-Erlebnis auslösen.

    Diese Anforderungen wird kaum eine Form des Genderns perfekt auflösen können. Aber ich glaube, dass man sich an solchen Überlegungen orientieren muss, wenn man darüber nachdenkt, was die sinnvollste Art des Genderns ist. Denn Sprache ist Denken ist Sprache, geschlechtergerecht wird das, was wir sprechen, nur über lange Zeit, indem Sprache ihre Bedeutung verändert und gegebenenfalls neue Formen findet, die „gebraucht“ werden. Ich finde es wichtig, Menschen zu überzeugen, dass Sprache diese neuen Formen braucht, und zwar halte ich diese Einstellung für aussichtsreicher als dass ich an den Erfolg der hier vorgestellten Variante glaube.

  4. Hmm, interessante Idee. Ich glaube, dass hier die Entschlüsselbarkeit für Menschen, die nicht wie wir in linken Filterblasen leben, noch deutlich stärker leidet als bei gap oder star. Und Der/die (beim Artikel bringt mir das dynamische Gendern wohl nix) Aut_orin nimmt sich ein, zugegeben kaum genutztes, Mittel, nämlich Untertitel mit anderen Ab_Sichten in Wörter zu verstecken, da sich das dynamische Gendern wohl unabhängig von Ort immer auf das Geschlecht beziehen soll. Zumindest Arno Schmidt würde dieser Option sicher nachtrauern ^^

  5. Ich bin eine Frau. Ich bin nicht links-intellektuell. Ich komme aus dem Bereich Medien/Journalismus. Ich fühle mich nicht von der bisherigen Sprache diskriminiert, fühle mich sowohl von den Begriffen “Studenten” und “Studierenden” angemessen einbezogen. Ich finde Gendern unpraktisch.

    Für mich war die Gender-Debatte nur am Rande relevant – ich hab mal vom Binnen-I gehört, aber es auch eher als marginale intellektuelle Diskussion wahrgenommen, die für meinen Alltag keine Bedeutung hatte. Gerade im Journalismus, wo man um Lesbarkeit und ZML kämpft, wäre eine Binnen-I-Form einfach nur eine Belastung. In meinem FSJ Kultur wurde ich erstmals richtig damit konfrontiert, weil ich auf einmal die Binnen-I-Version von Substantiven in geschriebenen Texten benutzen sollte. Die Erklärung zur diskriminierenden Alltagssprache habe ich zwar verstanden, aber für mich selbst abgelehnt.

    Im neuen Studium habe ich erstmals erlebt, dass man dieses Binnen-I auch ausspricht und es noch andere Formen gibt (Stern, Gap). Das ist jedes Mal für mich ein innerlicher Aufreger, weil es sowohl Text- als auch Sprachfluss unterbricht. Ich persönlich fühle mich dadurch jetzt eher diskriminiert, weil mir auf einmal in der Sprache der Hinweis gegeben wird, dass es da einen Unterschied/eine Unterscheidung gibt. Ich kann mich auf einmal nicht mehr normal wahrnehmen, sondern mir wird dieser Hinweis jedes Mal aufgezwungen: “Irgendwas stimmt nicht” bis hin zu “du gehörst nicht dazu”!!!

    Unabhängig davon kann ich Menschen verstehen, die sich von der Sprache nicht angemessen einbezogen fühlen, weil sie sich anders (gar nicht) definieren. Wenn es sie persönlich verletzt, dann ist das ein ernstzunehmendes Gefühl, was nicht einfach ignoriert werden kann.

    Der dynamische Unterstrich ist ein Konzept, was meiner Ansicht nach logisch ist (auch wenn ich eigentlich statt Femi_nistinnen lieber Fem_inisten sagen würde, wegen der kürzeren Form). Er ist vor allem konsequent. Und er könnte dazu führen, dass in Texten die Lesbarkeit sogar verbessert wird, weil mit dem Unterstrich zwar auf etwas hingewiesen wird und eine Einbeziehung aller stattfindet, durch die unterschiedliche Positionierung aber ein “Drüberlesen” (nicht stocken, nicht unterbrochen werden, nicht innehalten müssen) ermöglicht wird.

  6. Meiner Meinung nach, macht es Gendern irgendwie albern. Und das ist ja gerade etwas, was nicht wünschenswert ist.
    Ich präferiere es, einfach nur komplett die weibliche Form zu schreiben. Da kommt dann zum Anfang nen kurzer bemerk “Die weibliche Form schließt die männliche mit ein.” – was ja sonst immer andersrum ist. Da stolpert man dann auch kurz drüber, die Wörter werden aber nicht so komisch zerstückelt…

    1. Ich stimme deinem Argument der Albernheit zu. Wie gesagt, ich finde Gendern einfach unpraktisch.
      Aber wenn man konsequent Gendern möchte, passt dein Vorschlag, nur die weibliche Form zu benutzen, eben auch nicht. Was ist mit Transgender etc., Leuten, die sich eben gar nicht definieren wollen oder sich jenseits der zweigeschlechtlichen Definition bewegen? Die fühlen sich ja selbst in der weiblichen Form nicht angemessen repräsentiert.
      Die Lücke oder der Stern stehen ja für alles, was möglich ist. Da niemand von vornherein die Deutungshoheit darüber haben soll, was dieses Mögliche ist, werden Lücke/Stern benutzt, um auch den Menschen Raum in einem Wort einzuräumen, an die der Sprecher/Schreiber evtl. gar nicht gedacht hat.

      1. Das generische Femininum ist genau wie das generische Maskulinum eine Form, die alle Geschlechter einbezieht. Im Gegensatz zur maskulinen Form bricht das generische Femininum aber mit tradierten Geschlechtervorstellungen, die sich in Sprache manifestieren. Da viele Menschen die Form nicht kennen, sollte bei der Verwendung darauf hingewiesen werden, dass alle Geschlechter damit einbezogen sind.

        Innerhalb der Genderdebatte ist es schon eine Form, die das weibliche Geschlecht betont und damit weniger stark auf soziale Geschlechter außerhalb der binären Ordnung hinweist. Gleichzeitig ist die Form elegant, weil sie nach kurzer Eingewöhnung den Lesefluss kaum beeinträchtigt und ohne Sonderzeichen auskommt. Sie ist damit für Texte, die sich nicht explizit auf Geschlechtlichkeit beziehen, im Sinne der geschlechtergerechten Sprache durchaus zu empfehlen. Insbesondere braucht das generische Femininum nur einen Artikel jeweils im Singular und Plural.

        Als weitere Form schlage ich das generische Femininum mit verallgemeinerndem Genderstern am Wortende vor: Feministinnen*. Diese Form belässt das Wort zusammen für guten Lesefluss, betont das weibliche Geschlecht und weist zudem explizit auf den Einschluss aller Geschlechter hin.

        Elegant und stark. 🙂

  7. ich fühle mich als frau nur wohl, wenn mein geschlecht nicht thematisiert wird, wenn ich nicht “das andere, das markierte” bin, das geht leider nur, wenn generisches maskulinum oder femininum benutzt wird, sprache ist erst gerecht, wenn das geschlecht NICHT thematisiert wird, wenn ich über mich sprechen kann, ohne mein geschlecht zu nennen, nämlich wenn es auf andere dinge ankommt. das generische maskulinum ist daher für mich eins der kleineren übel – man muss nur noch einige jahrzehnte warten, bis frauen ALLE bereiche erobert haben, und dann wird es nur noch ein historisches zeugnis von der ehemaligen ungleichbehandlung sein, optimistisch gedacht. ich möchte jedenfalls, wenn ich z.b. mauere, auch eine von den maurern sein, von den ganz normalen, nicht eine seltene, seltsame maurerin, die eventuall defizitär und nicht vergleichbar ist. ich bin in meinen kompetenzen mit männern vergleichbar, in jeder hinsicht (außer vielleicht körpergröße und -kraft), ich brauche keine eigene kategorie mit evtl. milderen maßstäben! im englischen ist es toll, dass man von friend oder neighbour sprechen kann und es keinen etwas angeht, welches geschlecht dieser mensch hat, es geht nur um die beziehung zu ihm. ich fühle mich beleidigt, wenn ich mehrmals am tag aufgrund grammatikalischer endungen etc. ohne grund an meine weiblichen geschlechtsorgane denken muss, wenn ich aber über ganz andere dinge sprechen will.

  8. Das generische Maskulinum ist doch für Männer diskriminierend, während hier für Frauen eine französische Galanterie an den Tag gelegt wird. Spreche ich von “Arbeitern” oder “Studenten”, sind je beide Geschlechter bezeichnet, während für Frauen extra Formen wie “Arbeiterinnen” oder “Studentinnen” bestehen. Insofern muß ich, sollte ich ausschließlich männliche Arbeiter und Studenten benennen, jedesmal einen extra Hinweis darauf geben, daß ich ausschließlich Männer damit meine. Das führt letztlich dazu, daß Fe_minist*Innen nicht nur wie bisher eine Sonderrolle innehatten, sondern in Zukunft die sowieso schon benachteiligt männliche Seite der Sprache nun restlos tilgen wollen.

  9. I_ch ha_lt_e die _Id:ee fü_r gut. D-adu_rch wir_d a_ware_ness er_zeu_gt fü’r _Inte_rsex-uelle F_ormen d-es L_ebens und Wort_grenzfa_schismus ve_rmieden. N_ie wie:der Mor_phemkon_stanz!!!11!

  10. Einen solchen Unfug habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen! Das Herz geht einem/einer auf! Da braucht man/frau keine Satire mehr, ha, ha, ha! „Wir errichten Utopia auf unseren Zungen“(!) Alle beieinander habt i_hr (man beachte den dynamisch platzierten Unterstich) aber nicht, oder? Ich werde mit Freuden für die Verbreitung dieses Mists sorgen.

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