Warum: Piraten?

By: NiceBastardCC BY-NC-SA 2.0

Es ist spät, daher entschuldigt Gedankensprünge und unformulierte Dinge.

Frei nach “Guten Tag” von Wir sind Helden:

Ich will
Ich flausch nicht mehr ich will meine Piraten zurück
Guten Tag ich gebe zu ich war am Anfang entzückt
aber ihr Piraten zwickt und drückt nur dann nicht
wenn man sich bückt –
Guten Tag

Die Zahlen sind da, schwarz auf orange. 2,1% der Niedersachsen trauten euch zu, die Politik im Norden mitzugestalten. In Anbetracht der Leistung dieses Landesverbandes: Viel zu viele. Die Piratenpartei kann froh sein, dass das noch nicht die Bundeswahl war. Dass euch jetzt einige weitere Skandale eurer potenziellen Landtagsfraktion erspart geblieben sind, ist nur die Spitze des Eisberges.

Ich weiß, ich bin nicht gerade ein Piraten-Wahlkämpfer. Mein Herz und meine Überzeugungen sind Grün, und im Zweifel empfehle ich auch eher Grün zu wählen, als bei den LINKEN oder den Piraten ein Kreuzchen zu machen. Als Mitglied einer Partei ist es mir natürlich wichtig, dass gerade diese Partei Gestaltungsräume in der Politik erhält. Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich immer noch Sympathien für die Piraten habe. Ein Teil davon, weil ich in Piraten Menschen sehe, die ähnlich sozialisiert wurden wie ich. Die Medienkompetenz entwickelt haben, digital natives sind, und vor allem die Herausforderungen und Chancen einer sich immer mehr über digitale Kommunikationstechnologien organisierenden Gesellschaft erkannt und auf der Agenda haben. Ein anderer Teil, weil die Piraten, wie die Grünen, über progressive Ideen und Ausgangspunkte verfügen.

Warum schreibe ich das?

Weil ich merke, dass ich begonnen habe, die Piraten nicht mehr zu vermissen. Und das missfällt mir. Aus dem “Darum: Piraten!” wird für mich ein “Warum: Piraten?”.

Denn ihr habt verlernt, eine Internetpartei zu sein. Stattdessen ejakuliert ihr in einem Gejammer, die Berichterstattungen über euch seien ja soooooo gemein und verschwörerisch, anstatt ehrlich mit euch umzugehen. Wie tarzun das gemacht hat zum Beispiel. Euer Problem: Eine politikverdrossene, verschwörungstheoriegeile Haudrauferia.

Die Idee, eine Medienkampagne würde gegen euch laufen, ist lächerlich und im Kern die Sorte Verschwörungstheorie, die einer vermeintlich aufgeklärten Partei wie den Piraten nicht steht. Ihr brüstet euch mit der größten Medienkompetenz. Das schließt ein, auch die Funktionsweisen und die soziale Aneignung von Medien zu verstehen. Dass Journalist*innen euch angeblich ungerecht behandeln würden, erschließt sich zu großen Teilen aus den individuellen Begrenzungen von Berichterstattungsformaten und der Tatsache, dass die Schonzeit für euch vorbei ist. Kein*e Journalist*in sieht in euch primär etwas neues, einzigartiges, spannendes. An euch wird mittlerweile der gleiche kritische Maßstab angelegt wie an andere Parteien. Eigentlich etwas, worauf ihr stolz sein könntet. Denn das heißt, dass ihr endlich Ernst genommen werdet.  Hört bitte auf, hinter jeder kritischen Nachfrage und Beschreibung gleich einen bösen Willen zu vermuten. Seriöser Journalismus hängt nicht an den Marionettenfäden irgendwelcher Masterminds im Bundestag. Solche Aussagen, gerade von Mandatsträger*innen, tragen nicht zum Vertrauen in Politik und Demokratie bei. Gerade das sollte euch am Herzen liegen. Denn ihr wart mal für kurze Zeit die Alternative für diejenigen, die das Vertrauen in unsere Demokratie verloren haben. Die Betonung liegt auf: “ihr wart”.

Die Schönheit des Internets und eurem Politikverständnis liegt in der Transparenz. Transparenz bedeutet auch, mit dem eigenen Fehlern und direkten Reaktionen darauf konfrontiert zu werden. Wenn ausgerechnet die “Transparenz!!11” Partei die Selbstkritik ablehnt, dann setzt ihr eure eigene Ideologie nicht konsequent um. Ich möchte wieder eine Partei haben, die diesem digitalen Wandel politische und gesellschaftliche Handlungskonzepte entnimmt. Die zeigt, dass Politik in einer vernetzten Gesellschaft auch anders geht, und für die das Internet nicht nur aus Shitstorms, lolcats und Verschwörungstheorien aus der ominösen Offline-Welt besteht. Die Piraten haben vergessen, mit welchen Ideen sie angetreten sind. Sie standen vermeintlich an der Schwelle des Establishments und zogen die Selbstdemontage den Inhalten vor. Das macht über kurz oder lang aus dem Projekt “Piratenpartei” eine Sandburg vor der Flut. Es mag genug Piraten geben, die interne Gründe für die Probleme der Partei isoliert haben und zur Sprache bringen wollen – aber solange ihre Argumente und Bedenken nicht wahrgenommen werden und weiterhin Arroganz und Selbstherrlichkeit den Ton angeben, ist das sinnlos.

Politik ist ein ernstes Geschäft. Ihr habt Verantwortung übernommen und Menschen vertrauen euch. Diesem Vertrauen müsst ihr lernen, auch zu entsprechen. Das tut ihr nicht wenn ihr ständig trollt, euch total geil findet wie ihr es mal wieder “den etablierten internetzausdruckern” gezeigt habt oder gegen böse femnazis wettert. Denn solange die demokratieverdrossene, verschwörungstheoriegeile und dem kritischen Denken ablehnend gegenüberstehende Haudrauferia bei euch das Sagen behält, dann wird am Ende auch niemand mehr ernsthaft den Verlust beweinen. Was derzeit passiert, ist in großen Teilen reinste Wähler*innenverarsche. Ihr seid auf gutem Wege, zu einem abschreckenden Beispiel zu werden. Das hat das Projekt Piratenpartei nicht verdient.

5 Gedanken zu “Warum: Piraten?

  1. Warum: Parteien?
    Zeigt die Geschichte “Piratenpartei” nicht die Untauglichkeit unseres politischen Systems? Ist die Piratenpartei nicht eine Ikone für projektbezogene, erstmalige und kurzzeitige, richtungslose Organisationsformate von Menschen? Lasst uns über “nach der Gesellschaft” und in der “infogenen digitalisierten Zeit” reden…. m.e.

  2. Ich bin genauso enttäuscht von der Partei. Erst die letzten Tage musste ich bei den teilweise liebgewordenen Mitgiedern den ich folge erkennen, dass ihre Tweets genauso nichtssagend und parteigefärbte Selbstbejubelung sind. Leider ohne anhängenden Inhalt.

    Ich finde es schade, aber hoffe auf Besserung. Ich gucke es mir gerne an und werde den Fragen ob ich denn Pirat sei nicht mit Empörung begegnen.

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