Rezension: Entspannt in die Barbarei – Esoterik, (Öko)Faschismus und Biozentrismus – Jutta Ditfurth

51NZ3VP51AL._kleinJutta Ditfurth, mir als Grüner eher bekannt als polternde Talkshow-Nomadin, hat 1996 ihre Recherchen zur Verknüpfung esoterischer und rechter Ideologien mit den ökologisch orientierten (Alternativ)-Bewegungen niedergeschrieben. Da ich zu diesem Thema auch gerne poltere, hatte ich mir von diesem Buch einige weiterführende Erkenntnisse erhofft, zumal ihre theoretische Arbeit im Gegensatz zu ihren verbitterten Abrechnungen mit ihrer ehemaligen Partei in meinem Bekanntenkreis durchaus gewürdigt wird.

tl;dr: Fehlanzeige.

Der Einfluss von Esoterik und in merkwürdigen Biologismen oder Verschwörungstheorien verpackte “Wissenschaftskritik” auf die Alternativkultur wird oft unterschätzt. Ditfurth hat sich in der Auseinandersetzung und Herausarbeitung dieser Verstrickungen durchaus viel vorgenommen, und in der Tat packt sie auf 200 Seiten eine ganze Menge Recherchearbeit. Ich kann ihr nicht den Vorwurf machen, zu wenig Zeit in die Recherche investiert zu haben.

Dabei verbringt sie weniger Zeit mit anthroposophischen, dem Rassenwahn verfallenen Waldorfschulen oder anderen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen, was das Buch theoretisch für weiterführende Arbeiten in diesem Bereich geeignet macht. Dem ist in der Praxis jedoch nicht so. Zwar sind die von ihr gewählten Beispiele, unter anderem germanisch-neuheidnische Märchenschulen, frauenverachtende Sex-Sekten oder Denker*innen wie David Ehrenfeld, welcher den Pockenvirus als “bedrohte Art” sieht, sehr eindeutig und vor allem authentische Auswüchse, aber es bleibt oft bei Beispielen die plakativ sind und somit keiner weiteren Erklärung bedürfen. Uneindeutigkeit oder Vielschichtigkeit scheint es für Ditfurth nicht zu geben. Vielleicht auch, weil dann das Polemisieren schwieriger wird.

Dabei ist der theoretische Teil, welchen sie vor allem im ersten Drittel ausbreitet, recht erhellend. In Esoterik 1)Esoterik bezeichnet von der Wortherkunft her Geheimwissen, welches nur einer bestimmten Personengruppe zugänglich ist. sieht sie in erster Linie eine Geisteshaltung, die anti-aufklärerisch agiert und sich rationaler Auseinandersetzung darüber entzieht, dass sie “erfahren” werden müsse um erst verstanden zu werden. Rückbezüge auf die Natur werden vermischt mit mystischer und spiritueller “Ursprünglichkeit” und darüber wird letzten Endes die Authentizität der getätigten Aussagen verhandelt. Hier liefert sie auch eines der wirklich guten Beispiele, nämlich die in den Ökobewegungen der 80er Jahre vielzitierte “Prophezeihung der Cree” 2)Only after the last tree has been cut down / Only after the last river has been poisoned / Only after the last fish has been caught / Then will you find that money cannot be eaten.. Was der vermeintliche Urheber, der Häuptling der Duwamish mit Namen Seattle, 1855 wirklich sagte, ist nicht überliefert. Das obige Zitat existiert erst, seit es ohne Urheber im 1969er Film “Home” verwendet wurde und erhielt durch den Verweis, es stamme aus der ursprünglichen ökologischen Weisheit der amerikanischen Ureinwohner*innen, seine Authentizität, und genau diese Prozesse sind es, die Exotisierung und  Mystifizierung den Weg hinein in die bürgerliche Gesellschaft bereitet haben.

Der Biozentrismus auf der anderen Seite findet in der “Erfahrungslehre” der Esoterik seine Anknüpfungspunkte. Er ist idealer Nährboden für die Legitimation der herrschenden Verhältnisse, die in der Natur “entdeckt” (und nicht etwa hineininterpretiert) werden und anschließend “völlig wertfrei” auf menschliche Gesellschaften übertragen werden. Hier illustriert Ditfurth ziemlich gut, dass alles was unter  “Natur” fällt nicht von bestehenden Normen und Werten abgetrennt werden kann. Ob es dann eine mystische “Mutter Gaia” oder eine idealisierte Vorstellung von Ökosystemen als harmonische Gleichgewichte gibt, ist zweitrangig. Einig seien sich die Ausprägungen des Biozentrismus dabei, dass der Mensch als Anomalie identifiziert wird, welche entweder ausgerottet werden müsse oder umerzogen gehört, da er sich nicht seiner Natur gemäß  verhalten würde. Ditfurth beharrt darauf, dass nicht “der Mensch” per se, sondern allein die kapitalistischen Produktionsverhältnisse Naturzerstörung auslösen. Das Hinzuziehen dieser Faktoren wird in der biozentristischen Sicht ausgeklammert und stattdessen suggeriert, “Naturgesetze” seien der einzige Richtwert menschlicher Gemeinschaften. Oder um sie zu zitieren:

“Biozentristinnen dürften überaus froh sein, dass ihr verkitschtes steinzeitliches Gesellschafts- und Naturbild an der Wand hängt und nicht ihr Leben bestimmt.” (S. 129)

Bei dieser systematischen Kritik der Romantisierung und Verklärung des vermeintlich “Ursprünglichen” bleibt es aber leider nicht. Denn spätestens wenn es um Tierrechte geht, schreibt sie sich ins Abseits. Das liegt zum einen daran, dass sie ein eher ungewöhnliches Verhältnis zur Aufklärung hat (vielleicht erläutert sie das in einem ihrer anderen Texte?) und diese als großes, linkes emanzipatorisches Menschheitsprojekt hochstilisiert (was nicht nur anachronistisch, sondern einfach verkürzt ist). Zum anderen erwächst daraus eine Auffassung des Menschen, die ironischerweise in sich wieder biologistisch ist. Das zeigt nicht nur auf einer Meta-Ebene, wie anschlussfähig Humanismus und Rationalismus für biologistische Positionen sind, sondern auch dass Ditfurth ihren eigenen Biologismus nicht reflektiert und ihm einen Objektivitätsanspruch verleiht. Das ist insofern schade, als dass sie berechtigterweise die Misanthropie der Tierrechtszene thematisiert.

So schreibt sie unter anderem, dass nur Lebewesen die über immanente Rechte reflektieren können auch solche Rechte beanspruchen können. Das ist an sich ein legitimes Argument. Einen faden Beigeschmack erhält es aber wenn sie gleichzeitig den Präferenzutilitarismus von Peter Singer dafür kritisiert, dass er Bewusstsein zur einzigen Kategorie erhebt über die der Wert eines Lebens verhandelt werden kann. Das ist inkonsequent. Weiterhin bezeichnet sie, vielleicht im Versuch die Argumentation der BiozentristInnen zu trollen, die “Kultur” als “zweite Natur des Menschen” und fordert indirekt, dass der Mensch sich seiner “zweiten Natur” gemäß zu verhalten habe. Ich persönlich habe mit einer solchen Position kein Problem und sehe Technik und Kultur auch nicht als unnatürliche Phänomene an, Ditfurths lückenhafte, selektive Argumentation erweckt aber leider an vielen Stellen den Eindruck, dass sie sich nicht differenziert mit den philosophischen Argumentationen hinter den Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen auseinander gesetzt hat und stattdessen mit einem recht starren, älteren Verständnis (linker) Gesellschaftskritik arbeitet.

So erscheint es unnötig, in einem Halbsatz ableism und ageism als “hirnlosen Kladderadatsch” und “Ansammlung von unspezifischen Grausamkeiten und Betroffenensituationen” (S. 172) zu delegitimieren, nur weil ihr das Konzept der “unity of oppression3)Unity of Opression bezeichnet die Öffnung des klassisch-intersektionalen Ansatzes der Mehrfachdiskriminierung aufgrund von Klasse, Geschlecht und “Rasse”. Dieses als triple oppression bezeichnete Konzept wurde durch Antispeziesist*innen unter anderem deshalb erweitert, um Speziesismus als einen relevanten Unterdrückungsmechanismus zu betrachten. nicht kapitalismuskritisch genug sei. Das ist nicht nur mangelndes Fingerspitzengefühl, das ist ignorant und nimmt der notwendigen Problematisierung der Tierrechtsbewegungen einiges an Möglichkeiten. 4)Zumal Ditfurth selber schreibt, dass die Ausbeutung von Tieren zum zentralen Ausbeutungsverhältnis Kapitalismus gehören würde. Der Sprung von dieser Feststellung zu einer antispeziesistischen Haltung ist nicht gerade groß, für sie beinhaltet Antispeziesismus aber anscheinend zwingenderweise Menschenverachtung.

Jutta Ditfurth liefert mit “Entspannt in die Barbarei” einen der wenigen Texte zur Verstrickung von Ökologie, faschistoidem Gedankengut, Esoterik und der Tierrechtsbewegungen. Während ihre theoretische Vorgehensweise gerade in der Thematisierung von Esoterik und Biologismus einige wichtige Punkte aufgreift, verbringt sie leider einen größeren Teil des Buches mit in sich nicht geschlossenen Argumentationsketten, persönlichen Abrechnungen und Beispielen, die nur der Konstruktion eines eindeutigen Schwarz-Weiß Schemas dienen. Differenzierungen, Grauzonen und Widersprüchlichkeiten gibt es für sie nicht. Hier nimmt sie ihren eigenen kritischen Anspruch nicht ernst genug und zeigt gerade in ihrer undurchdachten Polemik gegen antispeziesistische Bewegungen, dass sie neueren Diskursen der politischen Linken nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat wie es einer halbwegs fundierten Auseinandersetzung förderlich gewesen wäre. 5)Das erklärt auch wieso sie anscheinend keine Probleme darin sieht, das Wort “Barbarei” im Titel zu verwenden. Leider gibt sie auch keine Ideen weiter, wie ein konstruktives Verhältnis zwischen Wissenschaft und Alternativbewegung wiederhergestellt werden könnte und welche Interventionsstrategien gegen rechtes Gedankengut in ökologischen Kontexten helfen könnten. Zumindest würde das darüber hinaus gehen, bei Sätzen wie “Die Alternativbewegung ist inzwischen mehrheitlich esoterisch verblödet, und auch Teile der Linken hat die kollektive Regression erfasst.” (S. 124) stehen zu bleiben.

Schade drum. Aber hey, endlich benutzt jemand den Kampfbegriff “Ökofaschismus” richtig.

Warum schreibe ich das?

Fiona veröffentlicht ganz gerne mal ihre Lektürenotizen. Ich finde diese Praxis nachahmenswert. Und da ich sicher nicht der einzige Mensch bin der sich für das Thema interessiert  und sich dieses Buch in meinen Augen eher nicht für eine Auseinandersetzung mit diesem Thema eignet, kann ich zumindest versuchen aus meiner Lektüre das Produktivste herauszuholen: Nämlich andere von Fehlkäufen abhalten und die wenigen generischen nutzbaren Informationen herausziehen. 

Meine Lektürenotizen findet ihr hier. Wenn ihr das Buch selber lesen wollt, ihr findet es bei den üblichen Verdächtigen im Internetz oder könnt es von mir bekommen. 

Lektüregrundlage: Jutta Ditfurth. Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus, Konkret Literatur Verlag, 1996 (4. Auflage 2011)

References   [ + ]

1. Esoterik bezeichnet von der Wortherkunft her Geheimwissen, welches nur einer bestimmten Personengruppe zugänglich ist.
2. Only after the last tree has been cut down / Only after the last river has been poisoned / Only after the last fish has been caught / Then will you find that money cannot be eaten.
3. Unity of Opression bezeichnet die Öffnung des klassisch-intersektionalen Ansatzes der Mehrfachdiskriminierung aufgrund von Klasse, Geschlecht und “Rasse”. Dieses als triple oppression bezeichnete Konzept wurde durch Antispeziesist*innen unter anderem deshalb erweitert, um Speziesismus als einen relevanten Unterdrückungsmechanismus zu betrachten.
4. Zumal Ditfurth selber schreibt, dass die Ausbeutung von Tieren zum zentralen Ausbeutungsverhältnis Kapitalismus gehören würde. Der Sprung von dieser Feststellung zu einer antispeziesistischen Haltung ist nicht gerade groß, für sie beinhaltet Antispeziesismus aber anscheinend zwingenderweise Menschenverachtung.
5. Das erklärt auch wieso sie anscheinend keine Probleme darin sieht, das Wort “Barbarei” im Titel zu verwenden.

2 Gedanken zu “Rezension: Entspannt in die Barbarei – Esoterik, (Öko)Faschismus und Biozentrismus – Jutta Ditfurth

  1. Eine wirklich gelungene Rezension. Wirklich schade dass viele Autoren ihre eigenen Ismen überhaupt nicht reflektieren. Außerdem würde ich mir wünschen, dass über antiwissenschaftliche und antiaufklärerische Strömungen mehr gesprochen wird. Ich bin selbst so drauf und weiß dass diese Position öfter polemisiert wird. Zu Unrecht. Diese Einstellung zur Aufklärung, insbesondere des extremen Rationalismus dieser Zeit ist durchaus berechtigt.

    Man sollte sich lieber mal anschauen WARUM wir so denken und nicht gleich drauflos kritisieren mit verständnislosen Vorwürfen.

    Ich glaube am Ende geht es dann doch um Authorität. Wer hat Recht? Wer macht die richtigen Aussagen? Jahrtausendealte Weisheiten Vs Neue Wissenschaftliche Methoden. Wenn man sich in seiner Authorität als Arzt vielleicht bedroht fühlt, wird man vielleicht leicht mal polemisch.

    First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win. – M. Gandhi

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