Mögen die Partei-Jugendorganisations-Schwanzvergleiche beginnen!

tl;dr: schaut euch einfach die hübschen Bildchen zu den Parteien und ihrer (nicht so jungen) Alters- und Mitgliederstruktur an.

Man kennt das. Nichtsahnend schaust du in die Twitter-Timeline und wirst von mysteriösen Ereignissen überrascht die dir von jenseits deiner Filterbubble hineingezwitschert werden. So geschehen heute mit folgendem Tweet:

Was war passiert? Die Junge Union und die Jusos, die zwei Partei-Jugendorganisationen der deutschen Volksparteien haben sich über Stellvertreter*innen einen kleinen Schlagabtausch bezüglich der Größe ihrer Organisationen geliefert. Serious Business halt. Ergebnis: Die Junge Union hat knapp 130.000 Mitglieder, die SPD 70.000. Der stellvertretende Landesvorsitzende der JU-NRW, Florian Braun, interpretierte diese Zahlen dann auch gleich mal gesellschaftspolitisch:

Lässt sich das aufgrund der Zahlen wirklich sagen? Nach dem anfänglichen “hihi JU Strandparty-Orgien* Gekicher habe ich mir mal die Statistiken genauer angeguckt. Wikipedia half mir dabei übrigens nur bedingt. Es fehlen einige belastbare Zahlen und Quellen (lol Bildzeitung als Quelle), unter anderem zum Frauenanteil, dem Durchschnittsalter, aber vor allem fehlen aktuelle Daten zu den aktuellen Mitgliederzahlen der Parteijugendorganisationen. Hier musste ich mich auf die Angaben bei Wikipedia verlassen, behaltet aber bitte im Hinterkopf, dass sie teilweise schon zwei Jahre alt sind 1)Zahlen und Alter der Angaben bei den Parteijugendorganisationen: JU 1. Dezember 2010 (!!!), Jusos 1. November 2011 (!), Grüne Jugend 1. Oktober 2011 (!), JuLis 1. August 2012, Linksjugend ‘solid unbekannt, Junge Piraten 1. Dezember 2012.. Auf der Ebene geben sich Jungsozialist*innen und Junge Union nichts.

Schauen wir doch mal wie es mit diesen Angaben aussieht 2)Wer einen genaueren Blick auf die Nicht-Volksparteiorganisationen haben will, klicke hier:

Mitglieder dt ParteijugendorgasDie Junge Union ist de facto die größte Parteijugendorganisation Deutschlands und sogar größer als alle anderen Organisationen zusammen. Konkret bedeutet das: Sehr viel Geld durch Mitgliedsbeiträge, hohes Mobilisierungspotenzial durch schiere Größe und öffentliche Präsenz.

Um diese Daten mehr zu kontextualisieren, habe ich die aktuellen Mitgliedszahlen der Elternparteien miteinander verglichen:

Mindestalter dt Parteien

Hier tut sich die erste interessante Entwicklung. Zusammengerechnet kommen alle anderen Parteien außer den Unionsparteien auf 690.011 Mitglieder, insgesamt haben CDU/CSU 622.985 Mitglieder. Der Unionsblock ist im Gegensatz zur JU kein gigantischer Wolkenkratzer im Niemandsland 3)Die Jusos kommen auf 56% der Mitglieder der JU, die SPD kommt auf 76% von CDU/CSU, oder anders gesagt: Die Mitgliedszahlen der Elternparteien und die der Parteijugendorganisationen stehen nicht exakt im gleichen Verhältnis zueinander.

Als ich diese Zahlen sah, fragte ich mich: In welchem Verhältnis stehen die Mitgliederzahlen der jeweiligen Partner*innenorganisationen zusammen? Voilâ:

Mitgliedschaften CDUCSU plus Alter

Mitgliedschaften SPD plus Alter

Sieht schon verdammt ähnlich aus, oder?

Würde in diesem Moment  jedes einzelne Mitglied der Jungen Union gleichzeitig Mitglied in der CDU/CSU sein, läge der Anteil der Jugendorganisation bei 20% aller Mitglieder. Bei SPD/Jusos beträge dieser Wert nur 14,7%. Da diese Zahlen jedoch wenig aussagekräftig sind (eben weil sie nur das Verhältnis anzeigen und, um anwendbar zu sein, 100% Doppelmitgliedschaft voraussetzen), habe ich daneben noch eine Aufschlüsselung der Mitgliederalter gemacht. Und hier wird es interessant: Die JU deckt die Zahl der Unionsmitglieder im zulässigen Mitgliedsalter nur zu 50% (-11.1%) ab, bei den Jusos sind es hingegen 75% (-3,4%). Gleichzeitig ist der Anteil an Parteimitgliedern im Alter von 16 4)Mindestalter der Parteien auf Bundesebene: CDU/CSU 16, SPD 14, Grüne 0, FDP 16, LINKE 14, Piraten 16. Die Jugendorganisationen liegen entweder bei 14 (JU/Jusos/JuLis/’solid) oder bei 0 (GJ/JuPis) recht ähnlich und unterscheidet sich nur um 1,4%. CDU/CSU haben anscheinend größere Probleme, ihren Nachwuchs zur Parteimitgliedschaft zu bewegen. Zwar ist jedes SPD-Mitglied unter 35 automatisch ein Juso, aber wie wir bei den anderen Parteien sehen werden, muss das nicht unbedingt ein Vorteil sein. Anbei zum Vergleich die Werte von FDP, Grünen und Linken:

Mitgliedschaften FDP plus AlterMitgliedschaften GRÜN plus AlterMitgliedschaften LINKE plus Alter

Die eben angesprochenen Werte, um wie viel sich Parteimitglieder im Jugendorga-Alter und die tatsächliche Mitgliedszahl der Jugendorganisationen überschneiden, fallen bei den 3 kleineren Parteien wie folgt aus:

Es gibt mehr FDP-Mitglieder unter 35 als es JuLis gibt (die Differenz liegt bei +1% der Gesamtmitgliederzahl). Damit hat die FDP hat damit den besten Wert aller Parteien, dicht gefolgt von den Grünen 5)bei den Grünen muss beachtet werden, dass die Grüne Jugend ein Mitgliedsalter von maximal 28 vor sieht. Dieses Alter wird in den Statistiken leider nicht erhoben, sondern nur im Bereich von 26-30 angegeben. Die Daten der Grünen sind also mit Vorsicht zu genießen mit +0,5%. LINKE ähneln hingegen von der Altersstruktur her auffällig der CDU/CSU (-10,5%). Würden die Grüne Jugend übrigens ihr Maximalalter auf 35 anheben, hätte sie den größten Anteil an Grünen im mitgliedsfähigen Alter mit 29,4%. Das heißt: Selbst mit dem Handicap, 5 Jahre früher Mitglieder rauszuschmeißen als der Rest, steht die Grüne Jugend besser da als die riesige JU.

Grüne sind zudem die einzige Partei, in denen Menschen zwischen 0 und 50 die Mehrheit (59,6%) bilden, In allen anderen Parteien mit Ausnahme der Piraten bildet die Fraktion 51+ die Mehrheit. In der CDU/CSU sind es 68%, der SPD 72,9%, FDP 54,7% und bei der LINKEN schlussendlich eindrucksvolle 86,5%. Der Altersdurchschnitt: CDU 59, CSU 59, SPD 59, FDP 53, GRÜNE 48, LINKE 60.

Es bleibt festzuhalten, dass die vermeintliche Jugendlichkeit der Unionsparteien im Gegensatz zur SPD auch nur relativ ist.  Wirklich hervorheben tut sich die JU nur in der absoluten Mitgliederzahl. In der Altersstruktur der Parteien jedoch findet sich dieses Umstand nicht wieder.

Abschließend möchte ich noch auf die Eintritte im vergangenen Jahr hinweisen, da diese ebenfalls ein sehr guter Indikator für die Wahrnehmung und Attraktivität von Parteien für die verschiedenen Altersgruppen sein kann:

Eintritte CDU 2012 Eintritte SPD 2012

Während diese Diagramme keine Rückschlüsse auf die absoluten Eintrittszahlen zurück lassen, ist doch interessant zu sehen dass letztes Jahr 47,2% aller Neumitglieder der SPD unter 35 und damit Mitglieder bei den Jusos geworden sind. Bei der CDU lag der Wert bei 41,5% 6)Die Eintrittsdiagramme von CDU und CSU unterscheiden sich nur geringfügig. Die CSU ist – Überraschung! – immer ein, zwei Prozentpunkte älter.

Eintritte FDP 2012 Eintritte GRÜNE 2012 Eintritte LINKE 2012

Bei den anderen Parteien gleicht sich das Bild. In die FDP sind letztes Jahr 43,7% der Neumitglieder unter 35, bei der Linken sind es 42,8% und bei den Grünen 42,9% (GJ-Alter: 31,8%). Letztes Jahr hat die SPD also von allen Parteien im Verhältnis die meisten jungen Menschen angesprochen, die CDU war dagegen in diesem Altersbereich die unbeliebteste Partei.

Diese Daten machen ersichtlich: Im Großen und Ganzen ergrauen unsere Parteien. Das ist per se nichts Schlechtes, und vor allem mit Blick auf den demographischen Wandel eine recht konsequente Entwicklung. Denken wir an die Shell-Studie, die meiner Generation Desintresse der institutionalisierten Politik gegenüber ausgestellt hat, dann zeigt sich, dass die Einflussnahme dieser Generation auf Parteipolitik insgesamt weg fällt. Da machen die paar Prozente Unterschied zwischen Jusos und JU sehr wenig aus. Jugendliche anzusprechen und einzubinden ist ein strukturelles Problem der Altparteien jeder Coleur. Gleichzeitig bedeutet der demographische Wandel von Morgen ein Wegfallen der älteren Generation von Heute. Wenn Parteien wie SPD, Linkspartei und CDU eine Zukunft haben wollen, kommen sie um eine stärkere Förderung ihres Parteinachwuchses nicht herum. Auf der anderen Seite sollten gerade Grüne nicht vergessen, dass sie zwar jung sind, aber nicht mehr zu jung. Für die Jugendorganisationen stellt sich dagegen die Frage: Wie können wir dauerhaft engagierte Mitglieder in einem größeren Stil als aktuell gewinnen? Mit welchem Anspruch wollen wir die Mitgliedschaften bei uns verknüpfen? Ehrenamtliches Engagement in solchen Strukturen frisst oft viel zu viel Zeit, was klare Grenzen dahingehend aufzeigt, wer sich überhaupt in diesen Kontexten engagieren kann.

Kurzum: Wir haben alle die Hände voll. Auch und besonders Junge Union + ‘solid.

Für alle Kuchendiagramme gilt diese Quelle: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/140360/parteimitglieder-bis-30-jahre bzw. Niedermayer, Oskar, 2012: »Parteimitglieder seit 1990. Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 19, Berlin«.

Warum blogge ich das? Weil ich meine rudimentären Statistikskills zum Prokastrinieren meiner Seminararbeit über die Wahrnehmung und Nutzbarmachung von Wissenschaft zu den Zeiten der amerikanischen Raumfahrt missbraucht habe. 

PS:
Die Erklärung für den Mitgliederüberhang der Jungen Union liegt wahrscheinlich hier:

PPS:

Die Parteijugendorganisationen sollten mal alle ihren Wikipedia-Auftritt verbessern. Und aktuelle Zahlen liefern. :/

 

References   [ + ]

1. Zahlen und Alter der Angaben bei den Parteijugendorganisationen: JU 1. Dezember 2010 (!!!), Jusos 1. November 2011 (!), Grüne Jugend 1. Oktober 2011 (!), JuLis 1. August 2012, Linksjugend ‘solid unbekannt, Junge Piraten 1. Dezember 2012.
2. Wer einen genaueren Blick auf die Nicht-Volksparteiorganisationen haben will, klicke hier
3. Die Jusos kommen auf 56% der Mitglieder der JU, die SPD kommt auf 76% von CDU/CSU
4. Mindestalter der Parteien auf Bundesebene: CDU/CSU 16, SPD 14, Grüne 0, FDP 16, LINKE 14, Piraten 16. Die Jugendorganisationen liegen entweder bei 14 (JU/Jusos/JuLis/’solid) oder bei 0 (GJ/JuPis)
5. bei den Grünen muss beachtet werden, dass die Grüne Jugend ein Mitgliedsalter von maximal 28 vor sieht. Dieses Alter wird in den Statistiken leider nicht erhoben, sondern nur im Bereich von 26-30 angegeben. Die Daten der Grünen sind also mit Vorsicht zu genießen
6. Die Eintrittsdiagramme von CDU und CSU unterscheiden sich nur geringfügig. Die CSU ist – Überraschung! – immer ein, zwei Prozentpunkte älter.

3 Gedanken zu “Mögen die Partei-Jugendorganisations-Schwanzvergleiche beginnen!

  1. Danke für die Zusammenstellung! “Die CDU war dagegen in diesem Altersbereich die unbeliebteste Partei” ist allerdings eine sehr gewagte (um nicht zu sagen: unhaltbare ;-)) Interpretation angesichts der Tatsache, dass hier nur relative Zahlen zu sehen sind… Sie war eben nur bei den höheren Altersgruppen *noch* beliebter.

    Disclosure: Ich arbeite für den Verein.

  2. Wirklich mal eine gelungene und schön aufbereitete Übersicht, besten Dank Jan.
    Apropos Schwanzvergleich der politischen Jugendorganisationen, bei Pluragraph.de gibts tagesaktuelle Social-Media-Rankigs auch von JU, Jusos, Julis, Grüne Jugend, ´solid und den Jupis:

    Voila: https://pluragraph.de/categories/jugendorganisationen/combined_with/deutschland

    Selektiert anch Facebook: https://pluragraph.de/categories/jugendorganisationen/combined_with/deutschland?only=facebook
    Selektiert nach Twitter: https://pluragraph.de/categories/jugendorganisationen/combined_with/deutschland?only=twitter

    Könnte man den Mitgliederzahlen ja auch mal gegenüberstellen? 😉

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