Pacific Rim: Fällt durch Bechdel-Test, ist aber aus feministischer Sicht erstaunlich unproblematisch

tl;dr Pacific Rim ist kein feministischer Film, verzichtet aber auf Objectifizierung, den Male Gaze und nimmt die Gefühlswelt seiner beiden Hauptcharaktere sehr ernst. Er bricht damit mit einigen diskriminierenden und entmündigenden Elementen des Genres. 

Pacific Rim ist absolut sehenswert. Eine unglaublich gute Hommage an das Giant Robot-Genre, an Mecha-Anime wie Neon Genesis Evangelion und an große krasse Monster. Wer sich auf das Setting “Riesige Roboter vs. Riesige Monster” einlässt, wird mit einer originalen Story und viel viel Seele belohnt.

Ein anderer Aspekt der mich positiv überrascht hat, vor allem da das Genre eher berüchtigt für Gegenteiliges ist: Pacific Rim scheint aus feministischer Sicht erstaunlich unproblematisch. Ich möchte daher auf einige Punkte eingehen, die in meinen Augen dafür sprechen. Ich bin auf eure Meinung dazu gespannt!

SPOILER-Warnung: Ich werde auf zwei Beobachtungen während des Finales eingehen. Die werden mit einem roten SPOILER angekündigt. Pacific Rim ist kein philosophischer Essay, aber trotzdem spoilerbar.

1) Mako ist eigenständig und nicht sexualisiert. Sie hat mehr Agency als alle Frauen in 2013er Science Fiction Filmen zusammen.

Im Science Fiction Genre sind Frauen oft Eye Candy, Love-Interest und für den Fortlauf der Handlung eher unwichtig, außer sie sind die Damsel in Distress. Jüngstes Beispiel: Star Trek 2: Into Darkness. Mako Mori, der weibliche Hauptcharakter von Pacific Rim, ist all das, zumindest vom Handlungsverlauf und der visuellen Darstellung her, nicht. Sie mag gängigen Schönheitsidealen entsprechen (und hat ziemlich coole blaue Strähnchen), aber Haut zeigt sie nicht wirklich, höchstens in einer einzigen Szene wo sie einen Martial Arts Schaukampf mit Raleigh hat. All die Gelegenheiten, in denen sie von der Kamera hätte bespannt werden können, wurden ausgelassen. Ansonsten kleidet sie sich nicht außergewöhnlich figurbetont und auch ihr Kampfanzug ist mehr auf praktische Kampfeinsätze ausgelegt als auf Playboy-Fotoshootings.

Ich würde sogar soweit gehen und sagen: Pacific Rim hat keinen Male Gaze. In einer vollkommen unerwarteten Wendung der Gepflogenheiten des Blockbusterkinos kriegt dafür ihr Partner Raleigh einen Female Gaze zu spüren und darf seinen muskulösen Oberkörper zweimal in die Kamera halten – einmal unter den musternden Augen von Mako. Diese Umkehrung bedeutet mehr als Fanservice für Menschen die auf Männer stehen: Mako wird hier als Charakter und Frau eine aktive, selbstbestimmte Sexualität zugesprochen. Wirklich störend ist unter diesen Vorzeichen nur eine Sache am Ende des Films: SPOILER ANFANG Wieso musste Mako nach dem finalen Kampf aus Sauerstoffmangel bewusstlos und per Escape Pod in Sicherheit gebracht werden? Die Handlung hat davon nicht profitiert und am Ende sorgte es nur dafür, dass Raleigh alleine den Riss schließen konnte. In einer Geschichte, die auf so vielen Ebenen davon erzählt dass wir unsere Probleme nur gemeinsam lösen können, ist das inkonsequent und schlicht schade!   SPOILER ENDE

2) Zwischen ihr und Raleigh entwickelt sich eine sehr subtile, nachvollziehbare Beziehung ohne übertriebener sexueller Spannung

Dass zwischen Raleigh und Mako irgendetwas läuft, ist klar. Beide sind emotional tief vernarbt und benötigen sich beide gegenseitig, um aus ihren Traumata auszubrechen. Ihre Annäherung als Menschen und Individuen ist Dreh- und Angelpunkt der Charakterentwicklung Beider. Diese Annäherungen sind jedoch kaum körperlich. Sie küssen sich im Film nicht einmal und es bleibt unklar, ob es sich bei ihnen um Best Friends Forever handelt oder sie Päarchen-Material wären. Das beste daran ist: Der Film schafft es ohne Sex und Knutscherei das Entwickeln von Vertrauen und Gefühlen zweier Menschen zueinander darzustellen. Das macht ihn, obwohl er sich überhaupt nicht Ernst nimmt (und Spaß dabei hat) zu einem menschlich sehr geerdeten Film. Die traumatischen Erlebnisse beider Charaktere (beide haben Familie durch die Kaijus verloren) legen den Fokus der Handlung auf ihre Gefühlswelt, und auf dieser Ebene spielt sich dann auch unweigerlich ihre gemeinsame Entwicklung ab. Ihren Persönlichkeiten und ihrem Heilungsprozessen wird sehr viel Platz eingeräumt und äußern tut sich diese Entwicklung nicht in physischen Handlungen, sondern zwischenmenschlichen Dingen wie Blicken oder Worten. SPOILER ANFANG Und wenn Mako und Raleigh in der finalen Szene die Stirn aneinander legen, erleichtert und glücklich sind und sich dabei umarmen dann reicht das vollkommen. Starke Szene, starke Gesten. Ganz ohne die gängigen visuellen Stichworte wie ein Kuss unter blauem Himmel in Nahaufnahme.  SPOILER ENDE

3) Mehr Frauen als sonst in Sci-Fi, aber immer noch nicht genug.

Aber Hand aufs Herz: Die Riege der Protagonisten ist männlich. Weibliche Schauspieler außer Rinko Kinkuchi und Heather Doerksen sucht mensch mit der Lupe, und eigentlich ist Heathers Sasha Kaidanovsky auch kein wirklicher Nebencharakter. Die einzige Frau mit charakterlicher Tiefe und nennenswerter Rolle in der Handlung ist Mako (und sie hat mehr Charakterentwicklung als viele Frauen in anderen aktuellen SF-Filmen zusammen). Deshalb schafft der Film, obwohl er es tadelos hinbekommen hätte, nicht den Bechdel-Test. Wenn wir aber dann genauer mit der Lupe hinschauen, sind viele Hintergrundcharaktere weiblich, oft wirkte es beinahe paritätisch aufgeteilt. Egal ob in den Straßen von Hong Kong oder in den Gängen des Militärkomplexes The Shatterdome, überall waren Frauen. Das tröstet nicht darüber hinweg, dass Frauen im Main-Cast deutlich unterrepräsentiert sind (und damit auch weniger Handlungsmacht haben als Männer), es ist aber nach allem was wir von diesem stark militarisierten Genre kennen ein Schritt in die richtige Richtung. Aber trotzdem: Da viele Rollen bewusst Stereotyp gehalten waren, sind die Castings zu Ungunsten von Frauen noch ein Stück ärgerlicher. Warum die Piloten von Striker Eureka unbedingt eines der hunderten Vater-Sohn-Gespannen hätten sein müssen wo ein Mutter-Sohn-Gespann einige unglaublich spannende Spins hätte bedeuten können ist leider unklar. Genauso hätten die beiden Comic-Relief Wissenschaftler Newt und Hermann problemlos von Frauen oder zumindest quotiert gespielt werden können.

Pacific Rim ist zweifelsohne kein feministischer Film. Es ist klar, dass Mako durch die Konventionen des Genres immer noch eingeschränkt wird. Vergleichen wir Pacific Rim aber mit anderen aktuellen SF-Filmen, beispielsweise Transformers, Star Trek oder Superman, wird deutlich, mit welchen fragwürdigen Traditionen des Genres in diesem Film tatsächlich gebrochen wird. Er zeigt auf, dass Popcornkino auch ohne total ironischem Sexismus, Objektifizierung und Damsels funktionieren kann. Es ist schön zu sehen, dass Blockbuster dazu fähig sind. Und gleichzeitig traurig, was für ein Sprung dieser selbst auch nicht unproblematischer Film darstellt. Das zeigt eindrucksvoll, wie desaströs antiemanzipatorisch der Normalzustand des Science Fiction Kinos ist.

Unterm Strich bleibt aber das Fazit: Mehr von solchen Filmen wie Pacific Rim. Bitte.

Seht ihr den Film problematischer als ich? Wie habt ihr ihn aus feministischer Sicht wahrgenommen? Lasst uns in den Kommentaren weiter diskutieren. 🙂

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