Wer Nerdpride sät, wird Technikunmündigkeit ernten.

By: John Connell – CC BY-NC-SA 2.0

“Moreover, thanks largely to the astonishing explosion of information theory and practice, new scientific advances were translated […] into a technology that requried no understanding whatever by the end-users. The ideal result was an entirely idiot-proof set of buttons or a keyboard which only required pressing in the right places to activate a self-acting, self-correcting and, so far as possible, decision-taking procedure which required no further inputs from the limited and unreliable skills and intelligence of the average human being. […] [The operators] did not have to understand anything about them to operate them. The sorcerer’s apprentice no longer had to worry about his or her lack of knowledge.”

Eric Hobsbawm, The Age of Extremes, Abacus Verlag, 1994, S. 527

(Danke an Charlottes lesenswerten Nerdpride-Rant für die Motivation, diesen Post zu beenden.)

Das Startmenü vom Shooter Bioshock Infinite ist mit After You’ve Gone, einem Jazzklassiker aus dem Jahr 1918 unterlegt. Die Version im Spiel wurde 2012 extra aufgenommen, machte mich aber darauf aufmerksam, dass alte Schallplattenaufnahmen – aufgrund der Beschaffenheit des Mediums, also des Vinyls – immer ein spezifisches Knacken und Knistern auf weisen. In anderen Worten: Wer diese Aufnahmen hört und vor allem gehört hat, wurde durch spezifische Eigenschaften des Mediums bewusst gemacht, dass es sich um eine Aufnahme handelt. Aufnahmen sind immer technische Artefakte. Musik die heute produziert wird, hält die Illusion, keine Aufnahme zu sein, länger aufrecht. Die Rolle, welche Technologie in ihrer Wiedergabe spielt, wird elegant umschifft. Es ist eine technologielose Technologie geworden.

Gewiss. Wäre dieses Phänomen auf die Musik- und Unterhaltungsindustrie begrenzt, wäre es nicht problematisch. Immerhin ist Immersion, oder das Spiel mit ihr, eine Säule von Kunst. Aber dem ist nicht so. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde komplexe Technologie ein Alltagsgegenstand. Spätestens seit dem Weltraumzeitalter sind der westlichen Gesellschaft die Fähigkeit und die Präsenz von Hochtechnologien bewusst. Und heute stehen wir hier, komplett durchtechnisiert, mit Smartphone und Cloud in der Hand, und der größte Überwachungsskandal aller Zeiten interessiert nur einen Bruchteil derer, die Hochtechnologien tagein tagaus zur Organisation ihres Lebens nutzen. Selbstverständlich ist das Paradox. Aber es erscheint nur so.

Schon 1994 hat der Ausnahme-Historiker Eric Hobsbawm  in seiner Analyse des 20. Jahrhunderts einen generellen Trend in der Entwicklung und Vermarktung von Technologie skizziert, der auf der zunehmenden Verschlossenheit und Benutzerfreundlichkeit von Technologie aufbaut. Das Problem war nicht, dass wissenschaftlich-technologische Disziplin sich immer mehr auffächerten oder alltäglich anwendbare Technologie immer komplexer und komplexer wurde. Das Problem war vielmehr, dass Technologie zunehmend so gestaltet wurde, dass es unnötig war ihre Funktionsweise zu verstehen. Kabel beispielsweise verschwinden nach und nach. Tasten auch.

“Fax machines are designed to be used by people who have no idea why the machine in London reproduces a text fed into it in Los Angeles. They do not function better when operated by professors of electronics.”

Die Geschichte des Internets und der Computer ist von ideologischen Grabenkämpfen in genau diesem Bereich geprägt. Die Diskussion um das Für und Wieder von Freier Software, also Programmen deren Quellcode offen zugänglich und damit von jeder Person die ihn versteht, gelesen verbessert und kritisiert werden kann, ist eine Auseinandersetzung mit diesem Problem. Aber der Kreis der Personen, die diese Diskussion führen können, hat sich in den letzten 30 Jahren nicht merklich vergrößert. Und das liegt unter anderem an dem falschen Stolz derer, die ganz genau wissen, wie moderne Kommunikationstechnologien bis ins Detail hinein funktionieren.  Nerdpride.

Eines vorweg: Nerds haben selbstverständlich Ideale. Techniknerds sind vielleicht die idealistischsten Menschen die ich bisher kennen lernen dürfte. Nur umfasst dieser Idealismus auch viel zu oft eine gravierende Überhöhung des Individuums und ein Ausblenden gesellschaftlicher Faktoren. Es wird gewiss damit zusammen hängen, dass in der Szene vorrangig aus der Position von ökonomisch und gesellschaftlich privilegierten Menschen gesprochen wird (sprich: männlich, weiß, muss nicht jeden Cent umdrehen, gut vernetzt, gebildet). Diese Gruppe von Menschen hätte, da Adel ja bekanntlich verpflichtet, die Aufgabe gehabt, ihr Wissen mit denen zu teilen, die nicht zu ihnen gehören. Das ist nicht passiert. Der Neoliberalismus, der aus der “Wer nicht verschlüsselt / Freie Software benutzt ist selber Schuld” Argumentation heraus spricht, ließ die weniger privilegierten Menschen willentlich in Unkenntnis, es wurde sogar zum identitätsstiftenden Abgrenzungsmerkmal. Waren ja nur alles Internetzausdrucker. Gratulation. Anstelle das Problem von Unkenntnis über das Internet und seine Funktionsweise in Politik, Verwaltung und Gesellschaft zu thematisieren, wurde Arroganz kultiviert. Das breite Unwissen über die Technologien des Alltags, der gewollte Nebeneffekt von benutzer*innenfreundlichen Interfaces und geschlossenen Systemen, wurde damit nur verstärkt. Und heute stehen wir da und wundern uns, dass ein emanzipatorischer, selbstbestimmter Umgang mit Technologie keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg von wenigen ist.

Es ist nicht schlimm, wenn Kabel verschwinden, Tonaufnahmen aufhören zu knistern und Benutzer*innenoberflächen keinen Kampfmittelräumdienst benötigen. Aber der Umgang damit und mit der wachsenden Unkenntnis von Technologien ist, was zählt. Wir wollen keine technologielosen Technologien. Aber wer Internetzausdrucker ruft, verursacht keine Veränderung. Wer Nerdpride sät, erntet Technikunmündigkeit. Ein Paradigmenwechsel in der Entwicklung von Technologie hätte schon längst eingeläutet werden müssen. Und wer dazu in der Lage ist, liegt auf der Hand. Leider liegt auch auf der Hand, wessen eigene Verbohrtheit alles hat schlimmer werden lassen.

Seufz.

10 Gedanken zu “Wer Nerdpride sät, wird Technikunmündigkeit ernten.

  1. Ich muss zugeben: Auch ich kenne mich mit Nerpride etc nicht aus. Hier liegen aber m.E. einige grundlegende Missverständnisse vor, auf denen die Argumentation aufbaut:

    1.Was ist ein Medium? Sicherlich wird leichtfertig (gerade in den Kulturwissenschaften) behauptet, dass man nicht wissen könne was ein Medium sei (ähnlich mit dem Kulturbegriff). Der Begriff Medium wurde erstmals von McLuhan auf Technologie angewandt und wurde aus der Tradition der Kybernetik geboren: Ein Medium ist ein Ding der Interaktion. Insofern ist eine Vinyl-scheibe per se kein Medium, sondern erst in der Nutzung. Diese Definition hat allerdings ein Dilemma: Sie ist dialektisch, da sie davon ausgeht, dass Technologie erst dann medial ist, wenn sie genutzt wird. Hierin liegt die Farce: Solange noch ein Großteil der Menschen davon spricht, dass Medien “dumm machen” oder manchmal auch klug, können wir nicht darüber diskutieren, inwiefern sich die menschliche Medialität verändert hat.

    2.Sofern du Medium und technisches Artefakt als Begriffe nutzt, solltest du beide voneinander unterscheidend definieren: Eine Artefakt steht in der Tradition der Archeologie/Archiv (Foucault) und ist genau das Gegenteil eines (post-kybernetischen) interaktiven Mediums.

    3.Sofern eben diese Missverständnisse nicht ausgeräumt werden, kann man zu solch einer These gelangen, wie der technologielosen Technologie. Das basiert allerdings lediglich auf mangelnder Recherche zur Medien-/Technikwissenschaft der letzten 100 Jahre. Diese These steht im Einklang mit dem “Körperlosen Menschen”, der “Loslösung von Raum und Zeit”, der “Zerstörung von Privatheit”: Mir ist nicht ein einziges dieser Dilemmata bekannt, das gelöst werden konnte (Arendt, Miller, Gumprecht, Sennett etc).
    Zur Benutzerfreundlichkeit von Medien spielt die veränderte Logik der Technologie eine entscheidende Rolle, die nicht einfach mit einem soziologischen Blick verblendet werden kann: Bertrand Russel als Vagheits-Logiker hat mit seiner Fuzzy-Logik erst die Grundlage dafür geschaffen, dass Technik vage, und damit benutzerfreundlich sein kann (nachzulesen bei: Kosko: Die Zukunft ist fuzzy). Daher handelt es sich nicht nur um ein soziologischen Problem!

    4.Es sollte erst einmal zur Diskussion gestellt werden, inwiefern sich “technologische Selbstbestimmtheit” im Jahre 2013 ausformulieren lässt, anstelle zu behaupten, es gäbe eine Klasse, die technologisch selbstbestimmt sei, und die andere in Dummheit lasse. Woher kommt die absolute Idee, dass technologische Selbstbestimmtheit bedeuten muss, sich mit Programmieren auszukennen? Das ist weit entfernt einer empirischen Realität und schürt nur weitere Grabenkämpfe. Und damit:

    5.Das Konzept “technologielose Technologie” bietet keine Alternativen an. Das Konzept neigt eher dazu die bestehenden Diskrepanzen zu verstärken. Ich halte das für nicht-viabel und auch empirisch für nicht aufrecht zu erhalten. Das scheint mir eine insuffiziente Theorie zu sein.

  2. 1. Was hat denn Benutzerfreundlichkeit mit geschlossenen Systemen zu tun?

    2. Ich will ja gar nicht bestreiten, daß manche Hacker und Nerds eine gewisse Arroganz an den Tag legen können, oder zumindest so wirken, und daß es teilweise schwierig ist, in die leicht esoterische “Szene” reinzukommen (wobei dieses In-Group-Verhalten ja ähnlich auch in den Wissenschaften existiert). Aber es ist nun schon auch so, daß die meisten Leute sich nicht nur aktiv nicht für Technik interessieren, sondern sich auch noch gegen eine Auseinandersetzung damit wehren, selbst wenn man die Angebote schafft: “Ach, mit sowas kann ich ja gar nichts anfangen”. Jeder, der Zeit und genügend Internetkompetenz hat, auf Youtube nach Videos von Beyoncé oder Casper zu suchen, könnte selbstverständlich auch mal bei Google “Programmieren lernen” eingeben. Da gibt es mittlerweile fast endlos viele, auch richtig gute, frei verfügbare Materialien.

    3. Wieso man dieses technologische Unvermögen nun den Nerds in die Schuhe schieben will, die sich seit jeher für gleiche Rechte, Freiheit, gleichmäßige Partizipation, Bildung, etc. einsetzen, erschließt sich mir echt nicht. Das einzige, was man festhalten kann: es ist eine sehr meritokratische Kultur. Sie geht davon aus, daß Leute aktives Interesse und Lernbereitschaft mitbringen. Wenn das nicht gegeben ist, ist es aber auch schwer, die Leute zu erreichen.

    4. Stattdessen suche man lieber Ursachen bei Großunternehmen, die die Unwissenheit der Konsumenten kultivieren und daraus Profit schlagen. Das gilt für Software- (und Hardware-)firmen genau so sehr wie für die ganzen Anbieter von “Computerkursen” (die i.d.R. nichts mehr als “wie öffne ich MS Word”-Kurse sind und einem nichts vermitteln, was einen zu einem mündigen Umgang mit so einem Gerät vermitteln).

    5. Von Statistik oder Wirtschaft haben die meisten Leute heute auch kaum Ahnung. Es ist die Tragik unserer Zeit, daß die Welt zu komplex geworden ist, als daß ein einzelner Mensch mehr als einen Bruchteil davon verstehen könnte.

  3. Uiui, gleich zwei umfrangreiche Kommentare. Schön!

    Zuerst Dennis:

    1. Das Medium
    Ich sehe Medium unauftrennbar mit Kommunikation verknüpft. Müsste ich Medium definieren, dann würde es in folgende Richtung gehen:
    Ein Medium ist etwas, welches extern zugeführte Informationen organisiert und diese, im Rahmen seiner spezifischen Eigenschaften, (nicht) weiter geben kann.
    Medien können in meinen Augen nicht ohne Nutzung gedacht werden, da erst durch die Nutzung die spezifischen Eigenschaften eines Mediums, und damit seine Identität, zu Tage treten.

    2. Medium & technische Artefakte
    Ich bin mir nicht sicher worauf du hinaus willst. Mir war es in dem Abschnitt wichtig, deutlich zu machen, dass Musik auf Vinylplatten als Aufnahme, also als Ergebnis eines technischen Prozesses, identifizierbar sind. Ich denke, eine weitreichende Definition davon, was jetzt als technisches Artefakt verstanden werden kann, hätte den Punkt nur verkompliziert.

    3. Technologielose Technologie
    Der Begriff wurde von mir gewählt um auszudrücken, dass das Bewusstsein darüber, mit einer Technologie konfrontiert zu sein, nach und nach in den Hintergrund tritt. Frei nach Arthur C. Clarke: Any sufficiently masked technology is indistinguishable from magic. Es mag sich nicht nur um ein soziologisches Problem handeln, aber mein Blogpost bezieht sich eben auf die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung.

    4. Technologische Selbstbestimmtheit
    Hier war ich in der Tat nicht präzise genug. Vielleicht wäre der Begriff “selbstbewusster” besser geeignet. Nichtsdestotrotz leben wir in Zeiten, in denen Lawrence Lessigs Ausspruch “code is law”, also das Programmcode ebenso regulierend auf Gesellschaften einwirken kann wie Gesetze, nichts an seiner Aktualität verloren hat. Ein Grundverständnis dafür, wie ein Computer funktioniert, ist für einen selbstbewussten Umgang mit diesen Technologien unabdinglich. Programmieren zu können ist eine von mehreren Möglichkeiten, sich dem zu nähern. Da dieses Wissen stark mit Klassenzugehörigkeit und Geschlecht zu tun hat, hat es Einflüsse auf Machtverhältnisse, die wir problematisch sehen sollten. Und was genau Selbstbestimmung 2013 heißen kann im Lichte von NSA und GCHQ, das ist eine spannende Frage. Die Totalität der Technologie ist uns jedenfalls noch nicht so sehr bewusst wie sie uns bewusst sein könnte.

    5. Siehe 3. Ich habe diesen Blogbeitrag auch nicht als hyperreflektierten, argumentativ komplett in sich geschlossenen akademischen Aufsatz gedacht. 😉

    PF:

    1. Benutzerfreundlichkeit x Geschlossene Systeme
    Es gibt keinen Kausalzusammenhang zwischen den beiden, aber offene Systeme haben immer noch größere Probleme mit einem Interface, welches nicht die Kenntnis des Systems benötigt um bedient zu werden. Ich wäre überrascht wenn sich das empirisch nicht nachweisen ließe. Wieso das so ist mag verschiedene Gründe haben, einer davon liegt aber auch an der prinzipiell basisdemokratischen Ideologie die du später ansprichst. Die Frage ist nur, wer partizipieren kann. Und hier bieten geschlossene Systeme den Benutzer*innen oft die besseren Konditionen. Leider.

    2. Mündigkeit
    Ich stimme dir zu. Es gibt wahnsinnig viele tolle Tutorials und Guides im Internet, grade zum Programmieren. Die Frage ist dann aber: Woher kommt die Haltung “ach, damit kann ich ja gar nichts anfangen…”? Das Auftreten von technikaffinen Menschen einen enormen Einfluss darauf haben kann, wie du Technologie in deinem Alltag wahrnimmst, und vor allem, ob aus der grundsätzlichen Medienkompetenz, Internettechnologien verwenden zu können, dann auch der Schritt gemacht wird, Internettechnologien verstehen zu wollen. Das liegt natürlich nicht rein an Nerds, aber der Unterschied zwischen ermutigenden und entmutigenden Lehrer*innen ist immens.

    3. Ideale der Nerds
    Gerade auf diesen Punkt bin ich in meinem Post eingegangen. Die Meritokratie ist mit der Bestandteil der Hackerkultur, die für ihre Exklusivität verantwortlich ist. Arrogante Nerds sind nicht der Ursprung von technologischem Unvermögen, sie sind aber in einer Machtposition, darauf als gesellschaftlicher Akteur nicht wenig Einfluss zu nehmen, gerade mit Blick auf den Rest ihres ideologischen Navigationssystems. Meine These ist schlicht: Dass Lernbereitschaft und Interesse an Internettechnologien nicht vorhanden ist, ist auch, nicht alleinig, Schuld der Nerdpride.

    4. Großunternehmen, Kapitalismus
    d’accord. Hier haben wir einen der anderen maßgeblichen Faktoren der Technikunmündigkeit.

    5. Komplexität
    Auch hier Zustimmung. Verantwortung trägt hier auch unser Bildungssystem.

    1. 1. Ich wäre überrascht, WENN sich das empirisch nachweisen ließe. Open Source heißt, daß jeder seine Verbesserungen beitragen kann. Vendor Lock-In führt doch eher zu suboptimalen Systemen, die mangels Alternativen toleriert werden müssen. Mac OS X, was ja gerne als so benutzerfreundlich bezeichnet wird, baut zu einem großen Teil auf dem freien BSD-Kernel und den GNU-Tools auf (trotz aller zusätzlichen proprietären Komponenten). Android ist (wenn auch nicht ganz strikt Open Source) ein noch besseres Beispiel, und sicherlich nicht schwer zu bedienen. Überhaupt steuert Google unglaublich viele Open-Source-Projekte bei. Und mit Firefox, Thunderbird, LibreOffice, etc. gibt es doch ganz viele berühmte, verbreitete und leicht zu bedienende Software. Und eine moderne Linux-Variante wie Ubuntu ist IMO mittlerweile leichter zu bedienen als die meisten Windows-Versionen, obwohl sie von Haus aus nur aus freier Software besteht. Überhaupt sind die meisten Windows-Programme für mich die Antithese von Benutzerfreundlichkeit.

      2. Diesen Gedanken kann man immer ewig weiter spinnen. Wieso interessieren sich die Leute nicht für Mathe oder Statistik? Ich vermute die Ursachen in unserem Bildungssystem und in unserem Zeitgeist. Zumindest ersteres könnte man stark reformieren. Das ist aber weder für den einzelnen Benutzer eine Ausrede, sich nicht damit auseinanderzusetzen, noch sehe ich darin einen Grund, wieso man die Hackerkultur angreifen sollte. Es verlangt ja auch niemand von Biologen, daß sie überall herumrennen und allen die Evolutionstheorie und Genetik erklären. Schlechte Lehrer gibt es weiterhin überall und man kann nicht von jedem verlangen, ein guter Vermittler zu sein. Es ist ja auch nicht so als wäre der (durchaus elitäre) CCC die einzige Anlaufstelle. Da gibt es schon Angebote, die deutlich an Anfänger gerichtet sind (oder explizit an Anfängerinnen, wie zB die Railsgirls: http://railsgirls.com/). (Ich finde übrigens Didaktik in der IT generell ein recht spannendes Thema und da ließe sich sicher viel verbessern, da geb ich dir Recht).

      3. Da hast du eine sehr negative Perspektive auf ein meritokratisches System, die ich nicht teile, denn ein solches System spornt immer auch zu hohen Leistungen an – sonst gäbe es sowas wie PGP gar nicht erst. Aber ich glaube deinem Argument dennoch nicht – der Zeitpunkt, wo die Leute entscheiden, sich nicht mit Technik beschäftigen zu wollen, ist m.E. viel früher erreicht, nämlich durch schulische und elterliche Vorprägung, sowie IMO auch durch einen Mangel an Geduld. IT und gerade Krypto zu verstehen, erfordert eben auch eine sehr aktive Investition. Daß vielen Leuten diese Art von Geduld fehlt, muß freilich nicht verwundern, wenn selbst die Elterngeneration schon sich offenbar reihenweise Doktortitel erschummelt hat. Leider gilt “ach, das versteh ich eh nie” heutzutage zu vielen Menschen als valide Ausrede (zur Klarstellung: “das interessiert mich nicht” ist ein valides Argument, aber zu behaupten, man werde etwas eh nicht verstehen können, ist eine zutiefst fatalistische intellektuelle Bankrotterklärung, die ich mir nicht erklären kann). Ich bin ferner zutiefst Geisteswissenschaftler, aber es ist schon so, daß man sich in solchen Fächern leichter etwas zusammenschummeln kann. Vermutlich haben deswegen so viele Leute Angst vor “harten” Fächern wie Mathe und Informatik.

      Kann sein, daß ich mich argumentativ grad ein bißchen verrannt habe, aber ich muß jetzt trotzdem mal abschicken, sonst komm ich heut zu nix mehr.

    2. Nur einige Nachfragen:
      Zu 1. Was ist dann Information? Was ist Informationsorganisation?

      Zu 4. Was ist die Aussage “Code is law”? Dein Statement mit Anspruch auf Universalität? Erstens: wenn du sagst, dass sich daran Macht und welcher anderer soziologischer Kram anbindet, dann: ist dass nicht auch eine spezifische westliche, weiße, schwule, männliche, nerdische Perspektive? (->Provokation) zweitens: diese aussage hat für mich keinen Inhalt: da steht Aussage gegen Aussage. Dazu gibt es keine empirische Unterfütterung, und ebenfalls keine theoretische. Darauf wollte ich ja hinaus: Dieser (merkwürdige) Emanzipationsbegriff muss erst mal neu definiert werden, bevor wir beginnen den alten einfach an unsere Zeit anzuwenden!

      Zu 2 und 1: Ich wollte da eigentlich auf Medialität raus!

  4. Als ich, seit ewig in und am Rand der Nerdkultur, den Begriff Nerdpride das letzte Mal gehört habe, war das höchstens eine kleine Emanzipation gegen über Erfahrungen von (meist pubertärer) Ausgrenzung, Diskriminierung und Mobbing von Nicht-Nerds für des Nerds Anderssein, Nicht-Belonging, dessen andere Interessen. Eine Erfahrung übrigens die anekdotisch jeder Nerd gemacht hat, die/den ich kenne.

    So wie Du und Charlotte den Begriff verwenden, wirkt das so, als verständet Ihr etwas sehr elitäres darunter Allein der Sprachgebrauch wirkt wie ein schubladisierendes Schlagwort, dessen negative Konnotationen Lesern automatisch klar sein sollte. Soll heißen diese Außensicht weicht extrem von der Innensicht ab, so wie ich sie kenne. Magst Deinen Begriff mal zum besseren Verständnis erklären?

      1. Ja, das hatte ich vor dem Nachfragen auch nachgegoogelt. Aber auch Tantes darauf folgenden Präzisierungen finde ich nicht überzeugend. Im Gegenteil, auf mich wirkt das ganze wie ein Strawman, der seine Gültigkeit vielleicht in kleinen Blasen besitzen kann, gesamtgesellschaftlich betrachtet eher absurd wirkt. Es reiht sich dabei ein in weitere Nerdbetrachtungen, die diese othern (á la Othering), anstatt dessen Erfahrungen gleichberechtig zu betrachten. Nicht, dass absurde Hochloberei zum Techno-Schamanen, wie Frank Schirrmacher das seit einigen Jahren betreibt, besser wäre. Aber ich weiß nicht, ob das eine Diskussion ist, die Du hier haben möchtest.

        Um noch etwas zum Kernthema beizutragen: Ich habe Nerd-Wissensaneignung immer als sehr insular wahrgenommen, wohl auch, weil vieles autodidaktisch passiert. Mechanismen, die in anderen Lernmechanismen wie Schule/AG/Bla existieren und dort wegen Arroganz oder anderer ausschließender sozialer Mechanismen existierten, waren deswegen irrelevant, das der Lernprozess zwischen eigenem Hirn und Bildschirm oder eigenem Hirn und Buch passierten und ausser der intrinsischen Neugierde niemand anderes daran beteiligt war. Auch deswegen tue ich mich schwer mit der Verteufelung der Meritokratie. Aber ich sehe, ich schreibe hier wohl PF in anderen Worten nach.

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