Timeline – Wie sich die Umfragen der GRÜNEN 2013 entwickelt haben

 

Stimmenverlauf GRÜNE 2013 + Pädophilie-Debatte klein

Betrachtet diese Beitrag als Ergänzung zu meiner etwas umfangreicheren Wahlkampfanalyse. 😉

Natürlich beantworten Statistiken alleine keine Frage. Aber gerade jetzt, wo die Auseinandersetzung um die Bedeutung unseres Steuerprogrammes tobt und die einen vor einem Linksruck, die anderen vor einem Rechtsruck warnen, ist es wichtig zu betrachten, wie sich die GRÜNEN Umfragen dieses Jahr, je nach politischem Ereignis, entwickelt haben. Dazu habe ich mir den gemittelten Bundestagswahltrend von pollytix noch einmal genauer angeschaut und bestimmte Zeiträume markiert, in denen in meinen Augen wichtige Ereignisse aus GRÜNER Sicht stattgefunden haben. Das Ergebnis liest sich folgendermaßen:

Das letzte Mal kamen die Grünen über 15% am 26. März 2013. Zu diesem Zeitpunkt tobte die Debatte um die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften und die Grünen schafften es sich gemeinsam mit SPD und Linken in der Debatte klar von der CDU zu positionieren. Nach dieser Debatte war die Programm-BDK, wo im Vorfeld zumindest verbal vor den Steuerplänen, unter anderem von Winfried Kretschmann, gewarnt wurde. Hier waren wir im Laufe der letzten Monate auf 14,2% herunter gekommen. Zeitgleich mit der BDK begann Erika Steinbach die ersten von dutzenden Rücktrittsforderungen Volker Beck und Daniel Cohn-Bendit gegenüber auszuspucken und Dobrindt bezeichnete Beck als Vorsitzenden der “Pädo-AG”, was ihm einen Maulkorb in Form einer Unterlassungsklage einbrachte. Nachdem die Grünen die Pädophilie-Studie in Auftrag gaben, kamen sie zeitweise auf 13,7%.

Dann kam plötzlich der Telekom in den Sinn, Netzneutralität zu begraben und die Snowden-Leaks begannen den NSA-Skandal. In diesem Zeitraum verbesserten wir uns auf 14,2%, hatten einen Mitgliederentscheid zu den Wahlkampfschwerpunkten und forderten “Asyl für Snowden“, nahmen im Laufe der Zeit jedoch, wohl auch weil sich in die Überwachungsdebatte nun Vorwürfe wegen der rot-grünen Regierungszeit mischten, weiter ab. Als dann Anfang August die BILD begann, den Veggie-Day zu skandalisieren, waren wir ein letztes Mal auf 13,7%, zum TV-Dreikampf auf 12,2% und nach der Landtagswahl in Bayern und der V.i.S.d.P.-Affäre mit Jürgen Trittin auf 10,3% bundesweit. Der Rest ist seit Sonntag Geschichte.

Die erste Jahreshälfte verlief sehr gut. Wir konnten auf dem guten Start in Niedersachsen aufbauend Sympathien durch den Pferdefleisch-Skandal und die Debatte um die Öffnung der Ehe sammeln. Hier spielte uns die CDU/CSU mit ihrer offen zur Schau gestellten Homophobie und Untätigkeit in die Hände. Die Programm-BDK und damit die Verabschiedung unseres ambitionierten Steuerkonzeptes wirkte sich nicht sofort auf unsere Umfragen aus, aber sie liegt zeitgleich mit dem Beginn der Pädophilie-Debatte, was die Analyse schwieriger macht. Wir konnten zwischenzeitlich in dem Zeitraum, in dem wir die Studie in Auftrag gaben, etwas Raum gewinnen, und in der Zeit in der die ersten Faktenchecks unseren Steuerplänen recht gaben, verloren wir nicht wesentlich. Dazu kommt, dass die NSA-Affäre für einen kurzen Zeitraum die Pädophilie-Affäre überlagert zu haben scheint. Da sie neben der Netzneutralität und dem Adoptionsrecht für LGBT* ein Bürger*innenrechtsthema ist, taucht hier auch das Narrativ der Grünen als Bürgerrechtspartei auf. Im Endeffekt lief es relativ gut, der Einbruch war geringfügig und wir waren konstant im Bereich um die 14%.

Dann kam der Veggie-Day. Ich bin kein Politikexperte, aber ich habe den leisen Verdacht, dass unsere Achillesferse in diesem Wahlkampf, mit Blick auf die Umfragenentwicklung, eher nicht das Steuerprogramm gewesen sein kann. Dafür ging es uns von den Prozenten her zu lange zu gut.

11 Gedanken zu “Timeline – Wie sich die Umfragen der GRÜNEN 2013 entwickelt haben

  1. Danke für die Analyse!
    Die Vermutung, dass die Umfrageergebnisse erst lange nach Bekanntwerden der Steuerpläne drastisch fielen, hatte ich auch schon. Aber hier sieht man es noch mal deutlich.
    Entscheidend war möglicherweise nicht nur der TV-Dreikampf, den kaum einer gesehen hat, sondern auch das Duell am Tag zuvor. Damit begann eine Fokussierung auf die Spitzenkandidaten und die heiße Phase des Wahlkampfs.
    Was du nicht aufgeführt hast, weil es nicht als Ereignis taugt, ist, dass die fehlende Regierungspersektive immer deutlicher wurde. Sollte man als Faktor auch nicht vernachlässigen.

  2. Diese Grafik unterschlägt die Tatsache, dass politische Trends eben prozesshaft und nicht punktförmig sind. So geht die Tatsache, dass die zahlreichen Fundi-Positionen im Wahlprogramm die Hauptursache für die Niederlage darstellen, hier nicht nur unter, sondern wird ins Gegenteil verkehrt.

    Wer mit solchen Methoden arbeitet tut der unvoreingenommenen, nüchternen Aufarbeitung keinen Gefallen.

    1. Wer “zahlreiche Fundi Positionen” als tatsächliche Hauptursache für die Niederlage postuliert und einen Satz später “unvoreingenommene, nüchterne Aufklärung” fordert macht sich auf ulkigste Art und Weise selber lächerlich.

  3. hey coole analyse!
    hab darüber auch schon bisschen nachgedacht…vielen dank für die aufstellung =)

    einerseits find ich, dass deine analyse durchaus überzeugt,
    andererseits liegt dem die annahme zu grunde, dass die wahlentscheidung unmittelbar an aktuelle ereignisse rückgekoppelt ist.
    denkbar wäre aber auch ein kumulativer effekt bzw. interaktionseffekt- will heißen mehrere themen zusammen geben den ausschlag für die wahl bzw. nichtwahl
    zweitens zeigt sich oft in umfragen, dass sich viele wählerInnen nach umfragen vorstellen können grün zu wählen und sich dann bei oder kurz vor der wahl doch anders entscheiden – war meines wissens bei der letzten bawü-wahl auch so…dieses muster könnte vl dadurch begründet sein, dass sich die wählerInnen teils erst in den letzten tagen vor der wahl endgültig entscheiden

    aber wo wir grad bei umfragen sind…die zeit hat sich da auch mal paar gedanken gemacht…http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-09/wahlumfragen-parteilichkeit-bundestagswahl

  4. vielen Dank für die Analyse, und die Grafik. wirklich sehr anschaulich. aber das die Umfragewerte erst so lange nach der Steuerdebatte gesunken sind, mag auch daran liegen, dass viele Menschen sich erst kurz vor der Wahl mit den Themen beschäftigt haben, und dann gemerkt haben dass sie vielleicht belastet werden. zumindest sind bei uns im Kreisbüro auch noch in der letzten Wochen viele Anrufe und Besuche genau zu diesem Thema erfolgt, kaum zu den anderen. Trotzdem finde ich, dass es auf jeden Fall eine Mischung aus den genannten Punkten ist, und nicht das Steuerthema alleine. Das Wahlprogramm war vielleicht insgesamt zu technokratisch und zu wenig begeisternd, mitreissend, zukunftsweisend.

    den Punkt mit der fehlenden Regierungsperspektive find ich auch sehr wichtig. Viele Grün-affinen Wähler haben mit gesagt, dass sie lieber SPD wählen um diese in der ohnehin feststehenden Großen Koalition zu stärken.

  5. Da können natürlich Effekte wie der Bandwagon-Effekt nicht integriert werden. Und das Steuerthema war insoweit von Bedeutung, da es gerne mal daran hinderte, andere, eigene Themen in den Vordergrund zu rücken. Das ist aber kein inhaltliches Problem, sondern eines der Kampagnenführung. Genauso wie beim Veggie-Day, wo das Problem in erster Linie die Reaktion darauf war, aus der wenig Überzeugungskraft sprach, statt Gegenvorschläge zu einer vielfältigeren Ernährung mit weniger Fleisch einzufordern.
    Das ändert nichts daran, dass diese Zusammenstellung sehr nützlich ist.
    Wenn man das Ganze jetzt aufdröselt, so entfallen nach dieser Darstellung von insgesamt 6 PP Einbußen seit Kampagnenbeginn ca. 1,5 PP auf Veggieday und Verbotsdebatte, weniger als 1 PP auf das Steuerthema, aber ca. 2,5 PP auf die Pädodebatte. Das spräche für die emotionale Sprengkraft dieser Thematik. Der Rest wäre dann Bandwagon und die Eigendynamik des Wahlkampfs.
    Zusammen mit den übrigen Beobachtungen in Deinem Beitrag ergibt sich das Bild, nach dem das ansonsten sehr positiv wirkende Thema der modernen und offenen Gesellschaft dank Veggieday und Pädodebatte keine Wirkung erzielen konnte. Insweit waren die entsprechenden antigrünen Kampagnen da clever, weil sie erkannt haben, dass die Gesellschaftspolitik als verbindendes Element im grün-affinen Milieu das wichtigere Angriffsziel ist als Steuern oder Energie. Wenigstens Teile der Einbußen wären durch eine bessere Gegenstrategie aber vermeidbar gewesen.
    Für die Zukunft muss es damit auch heißen: Mit denen, die mit Angriffen auf die offene gesellschaft Stimmung gemacht haben, kann es auf absehbare Zeit keine Annäherung geben.

  6. Vielleicht solltest Du über die Ereignisse die Umfrageergebnisse von Forsa legen. Forsa macht nach eigener Auskunft keine/weniger Anpassungen an “langfrtistige” Effekte und gibt mehr das tatsächliche und aktuelle Empfinden wider. Wenn sich auch dort diese Korrelation ergibt, gibt das einen besseren Hinweis, woran es gelegen hat, als in einer geglätteten Umfrage.

  7. Ich glaube nicht, dass monokausale Erklärungsmuster ziehen. Sie lassen sich so auch auf der empirischen Ebene nicht belegen.

    Ich versuche mal eine Erklärung:
    1. Die starke Zuspitzung im Wahlkampf auf Steinbrück vs. Merkel hat uns als kleiner Partei geschadet.
    2. Die Steuerdebatte hat uns insofern geschadet, als sie uns in die Defensive gebracht hat. Wahlkämpfe, in denen mit Zahlen und nicht mit Botschaften argumentiert werden muss, sind selten erfolgreich.
    3. Wir konnten nicht hinreichend deutlich machen, warum der Staat ein Einnahmeproblem hat. Insofern wurde unser Steuerkonzept als reine Abkassiererei wahrgenommen.
    4. Unser Steuerkonzept hat eine Gesellschaftsschicht getroffen, die in höchstem Maße artikulationsfähig ist. Viele Journalisten waren schon deswegen gegen unser Konzept, weil es sie selbst getroffen hat.
    5. Steuererhöhungen, Veggie-Day und weitere mehr oder weniger sinnvolle Verbotsforderungen waren für sich genommen nicht unbedingt problematisch oder gar neu. Sie haben aber in der Summe den Eindruck gestützt, wir wollten den Leuten etwas wegnehmen oder ihnen ein Lebensmodell vorschreiben. Für diesen Eindruck sind wir in hohem Maße selbst verantwortlich. Wir nehmen uns selbst häufig als Avantgarde wahr. Dabei ist uns aber die Demut, die Selbstironie und die Selbstreflexion abhanden gekommen.

  8. Ich denke, es hat viel mit den TV-Duellen zu tun. Deine Kurve hat mich darauf gebracht. Ich hatte mir Steinbrück gegen Merkel angeschaut und war ziemlich davon angetan, daß Merkel mit Kompetenz und Klaren Aussagen zu schlagen ist. Die Runde mit Trittin und Gysi und Brüderle wirkte dagegen (wegen Brüderle und wegen dem Moderator vom BR) unklar und laut und klamaukig wie leider so viele Politik-Talkshows im TV. Hätte ich nicht schon vorgehabt, SPD zu wählen, hätte ich es nach diesen beiden Duellen für den sichersten Weg gehalten, Merkel abzuwählen

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