Landräte und öffentliche Sexualmoral

By: Tom MaglieryCC BY-NC-SA 2.0

Heute titelte die Springer-Presse “Wie war das mit dem Sex im Amt, Herr Landrat?” und versuchte, einen Skandal daraus zu zimmern, dass SPD-Landrat Michael Adam Sex mit anderen Menschen als seinem Lebenspartner hat. Im Amtszimmer. Und auch noch mit Poppers. Ohje.

Als gäbe es zu ihm auch nichts anderes zu berichten. Ist ja nicht so dass er bei der letzten Landtagswahl CSU gewählt hat oder seine Parteigenoss_innen gerne öffentlich mit vielen blumigen Beleidigungen schmückt. Er ist eine streitbare Person, die der Presse viele Vorlagen liefert. Umso interessanter, dass nun sein Privatleben in bundesweiten Medien bewertet wird.

Die Sache ist: Who cares? Wo liegt  das anrüchige bei “Sexdates”, wo bei “Poppers”, wo bei “Landratsamt”? Wie Herr Adam seine Beziehung gestaltet, kann uns allen ziemlich egal sein, anders als gewisse US-Republikaner hat er auch nie gegen Homosexuelle gehetzt und gleichzeitig Datingseiten-Profile gepflegt. Erst sobald akute Fälle von Machtmissbrauch vorliegen würden, wäre erhöhtes Interesse gerechtfertigt. Das ist bei Sexualkontakt, der im beidseitigen Einverständnis erfolgt, in der Regel nicht so. Was hier skandalös ist, ist die Scheinheiligkeit der Anprangernden.

Wenn solche Berichterstattungen auf Nährboden stoßen, ist das ein Beleg dafür, dass wir als Gesellschaft immer noch keinen entspannten Umgang mit Sexualität haben. Sie schlägt in eine ähnliche Kerbe wie die Aufregung um Birgit Rydlewskis Tweets über geplatzte Kondome oder Jasmin Maurers Bondage-Fotos. Merke: Es ist die gleiche Gesellschaft, die sich scharenweise darüber empört hatte wie Angelina Jolie es wagen konnte sich die Brüste zu amputieren (denn die sind ja schließlich Gemeineigentum). Und es ist die gleiche Zeitung, die Angelina Jolies ‘neuen Brüsten’ ganze Seiten gewidmet hat.

Diese Dissonanz hat natürlich auch einen geschlechtlichen Aspekt. Frauen müssen sich immer noch mehr für ihre eigene Sexualität rechtfertigen als es ein Mann in der gleichen Position tun müsste. Dementsprechend ist die aktuelle Situation bemerkenswert, da für nicht-heterosexuelle Menschen lange Zeit ein anderer Maßstab galt.  Wer von der Gesellschaft von vornherein als ‘pervers’ abgestempelt wurde, der war keine attraktive Zielscheibe für Slut-Shaming. Das scheint sich langsam zu drehen. Ganz davon abgesehen, dass homophobe Stereotype weiterhin salonfähig sind.

Die logische Konsequenz aus der Aufregung wäre, dass Menschen, die in einem öffentlichen und medialen Interesse stehen, ohne Ausnahme zur Selbstzensur greifen müssten. Das eigene Datingprofil wird dann anonymisiert, sexuelle Selbstbestimmung und Fetische im Geheimen ausgelebt und den Sexualpartner_innen die Diskretion auferlegt.  Strukturen, die solch ein Verhalten nötig machen, sind nichts anderes als das Antlitz einer entmündigenden Sexualmoral. Und gerade für marginalisierte sexuelle Minderheiten, deren Geschichte fundamental mit dem Brechen des eigenen Schweigens verknüpft ist, hat diese Entscheidung auch etwas mit der eigenen Würde zu tun. Es ist beschämend, dass wir im 21. Jahrhundert noch darüber reden müssen, dass der Mensch kein durch Sittenregeln zu bändigender und zu sanktionierender Perverser ist. Das Problem ist einzig und allein die öffentliche Sexualmoral, die nichts besseres zu tun hat, als uns dazu zu bringen, uns für alltägliches zu schämen. 

Das ist auch im Fall Michael Adam so. Knapp 10% aller Arbeitnehmer_innen in Deutschland hatten schon einmal Sex am Arbeitsplatz und er gehört dann wohl unter diese 10%. Immer heißt es, Politiker_innen sollten Volksvertreter_innen sein. Aalglatte, angepasste Anzugträger_innen in öffentlichen Ämtern sind ein Feindbild. Aber genau diese Strukturen des Entsetzens und des scheinheiligen Aufregens sind es, die  dieser Art des zwischenmenschlichen Umganges die Legitimation geben. Schäbig.

4 Gedanken zu “Landräte und öffentliche Sexualmoral

  1. “Immer heißt es, Politiker_innen sollten Volksvertreter_innen sein. Aalglatte, angepasste Anzugträger_innen in öffentlichen Ämtern sind ein Feindbild.”

    Ist zwar off-topic: Bei der letzten Oberbürgermeisterwahl in unserer schwäbischen Stadt sah sich der Amtsinhaber 4 politisch unerfahrenen Kandidaten gegenüber – einer gerade 25 Jahre alt. Was war das schlagende Argument? Der bisherige OB brächte die notwendige Verwaltungserfahrung mit. Frischer Wind, neue Ideen, Visionen und die Unzufriedenheit mit dem OB spielten keine Rolle. Und das, wo Bürokraten keiner leiden kann.

  2. Na ja. Zweischneidig. Ich finde, um Sexualität geht es hier gar nicht so sehr.

    Erstens: Springer und Konsorten wollen einen unkonventionellen jungen Politiker kompromottieren und aus dem Amt mobben. Das ist schäbig. (Statt Sex hätten Sie ebensogut mit Steuersünden oder Alkoholproblemen oder … kommen können.)

    Zweitens: Wer in Politik oder auch Wirtschaft eine verantwortungsvolle Position hat, in der er/sie etwas gestalteten will, und dazu noch ein wenig prominent ist – mit allen Vor- und Nachteilen – wird eben besonders kritisch beobachtet, und das ist grundsätzlich auch richtig so! Zu so einem Amt gehört auch, private Dinge (oder was man früher privat nannte) mit aller Macht von Amt oder Geschäft zu trennen. Wer das nicht kann, der “hat sich nicht unter Kontrolle”. Das mag zwar menschlich sein; aber zur Grundqualifikation als z.B. Präsident von Bayern München oder der Bundesrepublik gehört genau diese Art der Selbstkontrolle. Sollte auch ein Landrat haben, auch ein Bürgermeister, auch ein Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens.

    Man kann ein gutes Vorbild sein, ohne ein allglatter Anzugträger zu sein. Und übrigens genau das war Michael Adam ja auch! Er war doch auch ohne Sex am Arbeitsplatz schon ein bodenständiger, pragmatischer, unkonventioneller Mensch “wie Du und ich”.

    Ich hoffe, er bleibt im Amt und ich hoffe, dass andere “gute” Politiker es besser schaffen, ihr Privates und ihr Öffentliches zu trennen.

    1. Nein, ganz und gar am entscheidenden Punkt bist du vorbeigeschrammt: Wer Millionen an Steuern hinterzieht wie Hoeness, ist ein Krimineller; wenn man mit einer anderen Person einvernehmlichen Sex hat, ist es Privatsache die keinem anderen etwas angeht.

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