Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei.

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Gerade kommt die Meldung rein, der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich als homosexuell geoutet.

Chapeau, Thomas. Jeder Mann, der sich in Männerdomänen outet, ist nicht nur den Reiches, Blüms und Steinbachs dieser Welt ein Dorn im Auge. Klassische „Männerdomänen“ wie der Fußball skizzieren die Männlichkeit und tun dies auch über den Ausschluss von Homosexualität, auch wenn dies gar nicht der Lebensrealität der Beteiligten entspricht. Wir wissen nicht, wie viele Frauen, wie viele Männer im Profisport bisexuell oder homosexuell sind. Wir wissen aber, dass kaum jemand öffentlich darüber spricht, und wenn, dann meistens anonym, wie es ein Bundesligaspieler im September 2012 getan hat, oder nach dem Ende der aktiven Zeit, so wie der amerikanische Nationalspieler Robbie Rogers im Februar 2013. (Nachtrag: Robbie Rogers hat sich nach seinem Coming Out, mit dem er seine Karriere beenden wollte, doch noch überzeugen lassen weiter zu spielen.)

 Der unbekannte Bundesligaspieler sagte damals unter anderem:

Der Preis für meinen gelebten Traum von der Bundesliga ist hoch. Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen. Am Anfang war es ein großes Spiel und kein Problem, doch mit der Zeit zehrt es sehr an mir. Ich weiß nicht, ob ich den ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann.

Dies ist die hässliche Fratze der Heteronormativität. Sie zwingt Menschen, nicht nur in der Öffentlichkeit, ihre Identität und ihre Gefühle zu verleugnen. Dieses Versteckspiel ist nicht mit meiner Vorstellung von Menschenwürde vereinbar. Aber in einer Gesellschaft, in der weibliche wie männliche Homosexualität als Widerspruch zum eigenen Geschlecht, zum eigenen Körper, gilt, ist dieses Versteckspiel Realität. Aber mitunter ist es überlebensnotwendig, zweifelsohne.

Das Coming-Out an sich ist ein mutiger, bewundernswerter Akt. Aber es hat auch seine Schattenseiten. Denn wir bleiben trotz des Coming-Outs fremd. Wir müssen, wie auf sugarbox so schön beschrieben wurde,  unser Privatleben unverhältnismäßig in die Öffentlichkeit tragen. Wann hat sich zuletzt ein heterosexueller Mann geoutet? Wann hat er sich dazu „bekannt“, auf Frauen zu stehen? Weil Lesben, Schwule, Bi-, Trans wie Intersexuelle die erwähnungsbedürftige Abweichung sind. Und trotz des Coming-Out, des aus dem Geheimen „heraus kommens“ bleiben wir anders. Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei und selbstbestimmt. Aber, und dieser Widerspruch löst sich nur langsam auf, jedes Coming-Out hält der Gesellschaft den Spiegel vor, in dem es sie mit ihren eigenen Vorannahmen und Vorurteilen konfrontiert. Jedes Coming-Out fordert die Annahme, homosexuelle Menschen seien anders, heraus. Denn Sichtbarkeit, und eben auch nach außen getragenes Selbstbewusstsein gibt uns ein Stück Deutungshoheit über uns zurück.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Petition, die Aufklärungsarbeit an Schulen verhindern will und LGBT* als „Lebensstil“ bezeichnet, über 60.000 UnterstützerInnen sammelt, viele davon LehrerInnen und demzufolge Vertrauenspersonen für Menschen, die sich akut in der Selbstfindungsphase und im Outingprozess befinden. Wir leben in einer Welt, in der das Recht auf das Eingehen einer Verantwortungsgemeinschaft viel zu vielen Menschen vorenthalten wird, oder zu jeder Zeit wieder entzogen werden kann, wie es jüngst in Australien oderIndien passiert ist. Und wir leben in einer Welt, in der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften abgesprochen wird, ihre Kinder lieben zu können. Wann immer Menschen, vor allen Menschen der Öffentlichkeit wie PolitikerInnen oder Prominente, solche Dinge sagen, gefährden sie homosexuelle Jugendliche ganz massiv. Die Selbstmordrate unter LGBT*-Jugendlichen sollte uns alle beschämen. Stattdessen zu behaupten, es läge an der Sexualität selbst, denn sie einen selbstgefährdenden Lebensstil bedeuten, und das tut diese Petition, das tun diese 60.000 Menschen, das ist zynisch und menschenverachtend. Und für diese Menschen ist das Coming-Out eines beliebten Sportlers nichts anderes als ein Schlag ins Gesicht. Denn solange homosexuelle Menschen unsichtbar sind, haben Konservative die Deutungsmacht über sie.

Wenn ich mal Kinder haben sollte, und diese Kinder wären nicht heterosexuell, dann hoffe ich, dass sie in einer Gesellschaft groß werden, in der sie sich nicht mehr outen müssen. Die gegenwärtige Notwendigkeit des Coming-Outs, zweifelsohne, ist ein Problem. Aber je mehr Frauen und Männer offen zu ihrer Identität stehen, desto mehr allein werden Homophobe und oder Konservative sein. Und desto offensichtlicher wird der wahre, menschenverachtende Charakter ihres Weltbildes. 

[Edit: Ich habe in der ersten Version des Textes das Wort „Outing“ für „Coming-Out“ verwendet, obwohl ersteres in erster Linie das Fremd-Outing bezeichnet. Das habe ich nun korrigiert.]

23 Gedanken zu “Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei.

  1. Danke dafür! Nur kurz eine Information: Robbie Rogers hat mit seinem Outing zwar sein Karriereende angekündigt – sich dann aber davon überzeugen lassen, nochmal bei L.A. Galaxy zu spielen, in der höchsten amerikanischen Spielklasse. Rogers ist also noch aktiver Profisportler.

  2. Gerade die Fankultur macht es nicht gerade einfach, sich zu outen. Selbst wenn Mitspieler und Vereine sich hinter die Spieler stellen würden (und das ist gar nicht selbstverständlich), dann gibt es halt immer noch viele UItras, die tendentiell, sagen wir man, betont heteronomativ und maskulin sind…
    Aber hey – vielleicht traut sich bald der nächste. Schön wäre es.

    1. Verzeihe mir bitte Skalg, aber das stimmt nicht so ganz. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie die organisierte Fanszene eines Vereins gestrickt ist. Ultras also allesamt über einen Kamm zu scheren, ist ein wenig vorurteilsbehaftet. Jetzt das positive: Danke für diesen Text.

  3. Abgesehen von dem Kompliment an Thomas Hitzlsperger kann ich Deine Meinung nicht recht teilen.

    Zumindest war es wohl der falsche Aufhänger. Thomas Hitzlsperger hat sich gerade nicht „geoutet“, in dem Sinne, dass er gesagt hätte: „Hier bin ich, ich bin schwul.“ Aus dem Interview: „DIE ZEIT: Herr Hitzlsperger, Sie haben um ein Gespräch gebeten, warum? – TH: Ich äußere mich zu meiner Homosexualität. Ich möchte gern eine öffentliche Diskussion voranbringen […]“.
    Dieses „äußern zu“ drückt gerade die Normalität aus, nach der Du verlangst. Am besten erkannt und zum Ausdruck gebracht hat das Arnd Zeigler in seinem offenen Brief bei Facebook (Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs): „Und mir hat besonders genau diese Formulierung gefallen. ‚Lieber mit Männern leben‘ ist schließlich nichts weiter als der Ausdruck des eigentlich ja selbstverständlichen Grundrechts, selbstbestimmt leben zu wollen. [… Diese Worte] klingen nach einer von Dir angestrebten und gelebten, aber noch nicht bis in die (wunderbare) Welt des Fußballs vorgedrungenen Normalität.“

    Wenn Du fragst: „Wann hat sich zuletzt ein heterosexueller Mann geoutet? Wann hat er sich dazu ‚bekannt‘, auf Frauen zu stehen?“, dann ist die Antwort, dass sich heterosexuelle Männer täglich „outen“, indem sie sich mit ihren Freundinnen/Frauen in der Öffentlichkeit zeigen, ihre Liebe für Frauen bekunden oder über Frauen als Gegenstand ihres (sexuellen) Interesses reden. Der Unterschied zu Thomas Hitzlsperger ist der Nachrichtenwert, den „die Öffentlichkeit“ diesen Verhaltensweisen zuschreibt. Ein Hetero-Outing („Ich, Angela Merkel, möchte Ihnen heute offenbaren, dass ich heterosexuell bin.“) wäre absurd und würde nicht oder als Kuriosität wahrgenommen. Indem Äußerungen zur eigenen Homo- oder Bisexualität – hier übrigens durchaus mit Blick auf die Olympischen Winterspiele im Kampf für Menschenrechte instrumentalisiert – aber fast zwangsläufig als „Outing“ thematisiert werden, wird dem eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Wir müssen nicht unser Privatleben unverhältnismäßig in die Öffentlichkeit tragen – wenn wir unser Privatleben in die Öffentlichkeit tragen, wird darauf unverhältnismäßig stark reagiert.

    Die Thematisierung beruht jedoch nicht oder jedenfalls nicht wesentlich darauf, dass „die Öffentlichkeit“ Homosexuelle ausgrenzt. Sie ist nicht notwendig Zeichen von Vorurteilen. Ich nehme für mich in Anspruch, von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen weitgehend frei zu sein. Eine Annahme, homosexuelle Menschen seien anders, treffe ich nicht; sie kann daher durch ein als Outing gedeutetes Verhalten auch nicht herausgefordert werden. Trotzdem nehme ich das Interview von Thomas Hitzlsperger als Nachricht zur Kenntnis. Das ist in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht anders, und wie Dein Kommentar zeigt bei Dir auch nicht. Diese besondere Wahrnehmung zeugt von einem gewissen Lagerdenken („Das ist einer von uns.“). Das ist jedoch nicht schlimm, solange damit keine Abwertung der Angehörigen der anderen Gruppe als Menschen verbunden ist. In gleicher Weise kann man es bemerken und sich darüber freuen, wenn man erfährt, dass ein Arbeitskollege der gleichen Fußballmannschaft anhängt („Das ist einer von uns.“).

    Wir bleiben nicht _trotz des Outings_ anders. Wir bleiben anders. Und das ist gut so – wer will schon gleich sein? Das Problem ist nicht die Andersartigkeit, sondern was einige Menschen (nicht „die Öffentlichkeit“) mit dieser verbinden und wie sie darauf reagieren. Nicht die Andersartigkeit schränkt die Freiheit ein, sondern die negative Reaktion auf die wahrgenommene Andersartigkeit.

    Ein Outing, verstanden als direkte oder indirekte Offenbarung der sexuellen Orientierung, wird es immer geben. Sexualität gehört zum Mensch-Sein dazu, und es ist natürlich, diese „in der Öffentlichkeit“ bzw. in Gemeinschaft auf die eine oder andere Art zu thematisieren, wie jede andere menschliche Eigenschaft auch. Wer die sexuelle Orientierung mit dem Etikett der Privatheit versieht und bewusst über sie schweigt, verkennt die alltäglichen Offenbarungen, die für Heterosexuelle ganz normal sind (s.o.). Damit betont er nicht nur seine Andersartigkeit („Natürlich bin ich hetero.“ / „Das ist privat.“), sondern er wertet sich ab. Denn wir schweigen über Dinge, die uns beschämen.

    Das alles ändert nichts daran, dass das Nicht-Outing von Thomas Hitzlsperger ein mutiger, bewundernswerter Akt ist. Aber er ist es aus anderen Gründen.

  4. „Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei.“
    „Wenn ich mal Kinder haben sollte, und diese Kinder wären nicht heterosexuell, dann hoffe ich, dass sie in einer Gesellschaft groß werden, in der sie sich nicht mehr outen müssen.“
    Woanders habe Ich gelesen „Gut, dass er es macht. Schade, dass er es machen muss.“

    „Müssen“. Klar. Männer werden gnadenlos abgeknallt, wenn der Öffentlichkeit nicht mitteilen, wo Sie Ihr Ding am liebsten reinstecken.
    Deswegen gibt es auf Sat.1 jetzt „Ran Sex“, damit Bundesligaspieler Ihrer Pflicht nachkommen und über Ihre Vorlieben berichten können.

    Mal im Ernst, wo seht Ihr da Alle einen Zwang?

    Was der Hitzlsperger gemacht hat, finde ich gut.
    Wie das ganze überdramatisiert wird, (ironischerweise vor Allem von Autoren, die sich Toleranz auf die Fahne schreiben) finde Ich unangebracht.
    Verdammt nochmal, der Junge hat nur gesagt, dass er auf Männer steht.

    Jetzt macht einfach mal den Schritt in dieses Jahrtausend.

  5. Mir persönlich ist die sexuelle Orientierung der meisten Menschen gänzlich egal, und es stört mich, wenn sie auch noch meinen, mit dem einen oder anderen Statement an die Öffentlichkeit gehen zu müssen.Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand heterosexuell, schwul, oder sonst was ist. Die Personen, deren Sexualität mich interessiert, spreche ich nach Möglichkeit persönlich an, um in den Genuss derselben zu kommen…;-)

    Diese grauenvolle Überhöhung der eigenen sexuellen Aktivitäten ist hochgradig abstoßend, und wird nicht dadurch besser, das jemand meint, damit eine vermeintlich gute Sache voranzubringen.

    Es gibt nervige Heteros (egal ob Mann oder Frau), die besser ihre Klappe halten sollten, anstatt Ihre Promiskuität zur Schau zu stellen. Gleiches gilt auch für sexuell anders orientierte.Menschen.

    Jeder wie er mag, so er denn geeignete adäquate Partner für seine Gelüste findet. Die Annahme jedoch, durch ein „Coming Out“ die Gesellschaft ändern zu können, ist schon vermessen. Nur wenige Dinge können Gesellschaften ändern, Atombomben zum Beispiel. Schwule Ex-Fußballer gehören jedoch nicht dazu.

    1. Das Coming-Out ist keine Überhöhung, sondern eine der wenigen Möglichkeiten, ein Leben in Respekt zu sich selbst zu führen. Es ist nichts abstoßendes dabei, auf ein Doppelleben zu verzichten.

      Und allen Anschein nach ist dieses Coming-Out ja auch so bedeutend, dass es dich zu diesem Kommentar verleitet hat.

  6. Jeder hat seine Meinung, so wie jeder seine sexuelle Ausrichtung hat.

    Meinen Text hast du aber scheinbar nicht verstanden. Abstoßend ist es nicht, auf ein Doppelleben zu verzichten, im Gegenteil. Es wirkt jedoch abstoßend auf mich, seine eigene sexuelle Ausrichtung so wichtig zu nehmen, und diese in die ganze Welt hinaus zu posaunen.

    Im Übrigen hat der Herr Hitzlsperger ja wohl die Zeit seiner aktiven Laufbahn sehr wohl als Doppelleben geführt.

    Wenn jemand meint, seine Umwelt über seine sexuellen Aktivitäten zu unterrichten, soll er das halt tun. Es ist aber sehr blauäugig, zu glauben, damit Akzeptanz zu generieren.

    Die ist entweder ohnehin schon da, oder aber so auch nicht erreichbar.

    Eine Nullnummer. Komisch nur, dass gerade kein Buch von ihm erscheint…;-)

  7. @Asu Bakar: ich schätze deine Kommentare, auch wenn ich sie mitnichten teile. Ich bin ein Freund der offen zur Schau gestellten Sexualität, weil ich glaube, das befreit uns Menschen. Aber das ist eine andere Diskussion. Was ich aber anmerken muss: In ihren letzten Zeilen Hitz Profit- und Aufmerksamkeitsgier zu unterstellen, zeugt davon, dass du den Öffentlichen Menschen Thomas Hitzlperger falsch einschätzt: Die durch seine Prominenz erzeugte Aufmerksamkeit hat er schon immer etwas anders eingesetzt: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/, ein Antinaziblog, z.B. wurde AFAIR von ihm mitinitiiert.

  8. Sehr guter Kommentar, danke!

    Ich fände es schön, wenn das Ziel nicht lauten würde, Homosexualität als „normal“ zu deklarieren, sondern Andersartigkeit einfach zu akzeptieren. Von dieser Akzeptanz hätten dann nicht nur Homosexuelle etwas, sondern alle, die von irgendeiner Norm abweichen.

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