Welche Gesellschaft willst du uns vermachen, liebes Feuilleton?

Sybille Berg hat es schon treffend ausgedrückt: “Aus welchen Gründen drehen eigentlich alle gerade durch?“. Das Durchdrehen scheint dieses Jahr Hochkonjunktur zu haben. Dabei fing es gesellschaftlich so schön an. Mit Thomas Hitzlsperger hatte der erste deutsche Profifußballer ein Coming-Out und die Reaktionen waren im Durchschnitt sogar positiv. So positiv, dass die als Besorgnis verpackte Menschenverachtung der Anti-Bildungsplan-Unterzeichnenden in Baden-Württemberg für kurze Zeit ihren Schrecken verlor. Pustekuchen.

Augenscheinlich befindet sich aktuell die vermeintliche ‘kulturelle Elite’ dieses Landes in einem ständigen Wettstreit darüber, wer die krassere, herabwürdigendere und menschenfeindlichere Weltanschauung in Worte fassen kann. Und immer dabei das Mantra: “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!!11”. Weil von Talkshow zu Talkshow wandern und in Zeitung für Zeitung publizieren zu dürfen, das dürfen in Deutschland ja nur die Aussätzigen und Underdogs.

Meinungsfreiheit, immer muss die arme Meinungsfreiheit herhalten wenn Menschen nicht auf berechtigte Kritik klar kommen. Menschen ihre Grundrechte zu verweigern, sie zu erniedrigen und Lügen zu verbreiten, und das auch noch unter Zuhilfenahme der eigenen Reichweite als Person des öffentlichen Lebens , das ist moralisch höchst fragwürdig und angesichts dessen, dass aus Worten Taten werden, mindestens fahrlässig. Und erst recht nicht bedeutet Meinungsfreiheit, dass jedem Bullshit unwidersprochen und ungebrochen Aufmerksamkeit zuteil werden muss. Im Gegenteil: Meinungsfreiheit bedeutet auch, dass ich als Privatperson entscheiden darf, ob und wie ich mich mit den Meinungen anderer Menschen konfrontieren möchte. Meinungsfreiheit ist keine inhaltliche Legitimationsgrundlage. Das haben sich die homophoben Sprücheklopfer an meiner Schule sicherlich auch gedacht als sie sich mutig der Übermacht der Homolobby in Gestalt meiner Wenigkeit entgegengestellt haben. Wer sich mit diesen Worten als mutiger Tabubrecher genieren will, ist nur eines alleine: Feige.

Feige, weil kein Mut dazu gehört Homosexuellen elementare Menschenrechte abzusprechen oder Menschen die nicht “natürlich” gezeugt wurden zu “Halbwesen” zu degradieren. Es ist auch nicht mutig “schwule Sau” zu rufen oder für die “Freiheit” einzutreten, “Homosexualität negativ bewerten zu dürfen“. Und was hat es mit Mut zu tun, den eigenen Kindern, von denen man ja noch nicht weiß ob sie nicht selber homo-, bi-, trans- oder intersexuell sein könnten, ein Weltbild zu hinterlassen, in dem der Selbsthass zur Tugend erklärt wird? Mutig ist man nicht, wenn man die Stammtische hinter sich wähnen kann. Der Mainstream ist bei weitem nicht so links und so progressiv, wie es die Hetzer_innen für ihr Weltbild gerne hätten. Überraschend, aber wahr!

Wärt ihr, liebe preis- und aufmerksamkeitsbesoffenen “Denker_innen”, wahrlich mutig und Tabubrüchen gegenüber offen, würdet ihr die Regenbogenflaggen auf CSDs hissen, Seite an Seite mit Feminist_innen am heutigen Weltfrauentag für Emanzipation und Freiheit vor Gewalt streiten und euch vor Geflüchtetenunterkünfte klar gegen den rassistischen Mob stellen. Und ihr würdet euch zu Herzen nehmen was auch ihr damals in den 80ern durch die Straßen gebrüllt habt: “Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geborgt

Denn genau das macht ihr gerade nicht. Welche Gesellschaft wollt ihr meiner Generation vermachen? Gar keine? So wirkt es nämlich. Wie trotzige Kinder, die ihre Spielzeuge lieber zerstören als andere Kinder mit ihnen spielen zu sehen. Eine Gesellschaft gewinnt dann, wenn alte Menschen Bäume pflanzen, wohlwissend dass sie niemals in ihrem Schatten sitzen werden, heißt es in einem griechischen Sprichwort. Ihr selbsternannten Denker_innen jedoch zieht es vor, diese Bäume in Brand zu stecken und heftig lachend barfuß durch den Ascheregen eures Vermächtnisses zu tanzen. Als Teil einer Generation, die sich mit den Konsequenzen dieses Handelns das ganze Leben lang herumschlagen muss, wird mir angesichts dieser egozentrischen und destruktiven Verbalonanie nur eines: So richtig speiübel.

Ich weiß jedenfalls, wie bemitleidensweit ich nicht enden will. Dafür alleine gebührt berufshassenden alten Menschen mein ganzer Dank.

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