Alas, my old friend.

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Im November 2010 kaufte ich mir mein erstes richtiges Smartphone. Ein HTC Desire HD. Nun wird es eingemottet. Und es ist an der Zeit, denke ich, mich gebührend zu verabschieden.

Du hast mich dreieinhalb Jahre lang tagein tagaus begleitet. Gemeinsam checkten wir überall ein, wo uns Foursquare finden konnte. Immer wenn sich ein frivoler food porn auf meinem Teller abspielte, waren du und Instagram zur Stelle. Und ohne deine Ortserkennung würde ich mich heute nicht so selbstbewusst in der Stadt zurecht finden können, die ich heute mein Zuhause nenne. Ich lernte unterwegs E-Mails zu beantworten, wurde immer fitter und fitter mit Twitter. Außerdem erfuhr ich welche Vorzüge ortsbasierte Datingapps haben. Irgendwann druckte ich dann auch nicht mehr meine Bahntickets aus, sondern hielt den Kontrolleur_innen den QR-Code auf deinem Display unter die Nase – genauso wie ich ohne deine umfassende Kenntnisse des öffentlichen Personennah- und -fernverkehrs wahrscheinlich nie von A nach B gekommen wäre. Ich teilte mit dir meine ersten Eiskugeln des Jahres, den sommerlich-makellosen Himmel wie die ersten Schneemenschen im Winter. Du warst ein bisschen wie der Doctor. Ein Alleskönner, ein Begleiter, ein Freund. Nur weniger verrückt. Und obwohl du viel viel mehr Rechenleistung hattest als Apollo 11, sind wir nicht ein Mal zum Mond geflogen.

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Irgendwann merkte ich, dass Googles Entscheidung, keine Updates mehr für dein Modell bereit zu stellen, nicht mehr mit den Anforderungen überein stimmte, die ich an dich stellte. Und so spielte ich den Cyanogenmod auf. Leider bekam es dir nicht sonderlich gut. Obwohl du dreieinhalb Jahre reparaturlos bliebst, was sicherlich auch daran lag dass ich dich erst mit nach draußen nahm als du mit Folie und Hülle von Kopf bis Fuß eingetütet warst, sah man dir die vergangene Zeit an. 

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Du begannst, dich regelmäßig aufzuhängen oder dich neu zu starten. Nicht selten half nur noch ein Hard Reset – oder gleich die Wiederherstellung der Fabrikeinstellungen. Und dann wurde auch noch dein Lautstärkeregler locker. Und dann wurde auch noch das Tippen schwieriger, weil du nicht mehr meinen Fingern nach gekommen bist. Dass sich unsere Wege trennen würden, wurde mit Reset zu Reset klarer. Aber trotz allem:

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Mein Smartphone war nicht nur ein hilfsbereiter Alleskönner. Mit ihm begann gewissermaßen eine neue Phase meiner digitalen Adoleszenz. Ich bin zwar mit dem Internet aufgewachsen, aber eben nur damit. Vom iPhone las ich noch skeptisch in der Zeitung. Das mobile Internet, der Vorläufer des uns bevor stehenden Internet der Dinge, das kam gerade erst auf. Die ganzen Applications, die Kulturen die sich bei Instagram, tumblr und Twitter herausgebildet hatten, wären mir niemals offen gestanden, hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, unterwegs einfach und unkompliziert Verbindung zum Internet her zustellen. Oh, und ich lernte offene W-LANs zu schätzen. Wie die Luft zum Atmen. All die kulturellen Phänomene, die in den letzten Jahren im Zuge der Digitalisierung aufgetaucht sind, lernte ich durch diesen viel zu komplexen Taschencomputer am eigenen Leib kennen. 

Die Hochtechnologie die wir in unseren Hosentaschen tragen wird oft als etwas unpersönliches und austauschbares gesehen. Das Stichwort lautet: Geplante Obsoleszenz. Jedes Jahr kommen neue Modelle auf den Markt, und dieser Markt gibt sich alle Mühe dieser Welt, uns den Neukauf schmackhaft zu machen. Der Besitz eines Gerätes ist schon seit Ewigkeiten keine langfristige Angelegenheit. Und trotzdem sind sie so sehr an uns angepasst. Unsere individuellen Nutzer_innenprofile schreiben sich in unsere Smartphones ein, und das oft ohne dass wir große Mühen dafür aufwenden müssen. Jedes Smartphone ist ein ausgeklügeltes und individualisiertes Tracking Device, mit all den Nachteilen, die das Bewusstsein ständig möglicher Vollüberwachung mit sich bringt. Aber das bedeutet auch, dass unsere Smartphones mehr sind, als nur Computer. Sie sind unsere individualisierten Schnittstellen, über die wir mit unserer Umwelt kommunizieren, über die wir unsere Persönlichkeit ausdrücken und über die wir letzten Endes unser Leben digitalisieren.

Und das bringt mich zu einer Frage. Was tausche ich eigentlich aus, wenn ich mein Smartphone wechsel? Ein großes Maß meiner Benutzerdaten liegt in einer Cloud. Nahezu alle Daten, die ich auf die herausnehmbare SD-Karte hätte ziehen können, sind auch dort zu finden. Die Hardware ist lediglich Ausführer_in und Verarbeiter_in meiner Daten, aber nicht unumkehrbar mit ihnen verbunden. Die Summe der Schaltkreise ist nicht “mein” Smartphone. Das spezifische Muster, in denen quantifizierte Informationen über und durch mich angeordnet worden sind, das konstituiert den Charakter des Gerätes, welches ich benutze. Und da ist es egal, welche Modellnummer der Prozessor hat.  Und je nachdem wie lange sich diese Technologien halten werden, wird dieses spezifische Informationsmuster mein Leben lang modifiziert und erweitert werden. Oder anders gesagt: Es wird mich mein gesamtes Leben lang begleiten.

Deshalb ist der Titel dieses Blogposts nicht ganz korrekt. Es heißt nicht, Abschied zu nehmen. Ein anderer Körper, aber das gleiche Herz. Different Casing, same Software. In gewisser Weise: Regeneration.

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Herzlich Willkommen, liebes Nexus 5.

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Warum schreibe ich das? Weil ich doch etwas sentimentaler auf die Trennung von meinem alten Smartphone reagiert habe, als ich es erwartet hatte.

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