Netzgemeinde, das war einmal.

By: hdzimmermannCC BY-NC-SA 2.0

Auf dieser re:publica 14 haben wir uns langsam aber sicher von der Netzgemeinde verabschiedet. Mehrheitlich zwar nicht explizit, aber viele Talks stellten Fragen, wie wir aus unserer gegenwärtigen Lethargie heraus kommen könnten. Eine kleine persönliche Nachlese.

Zensur, oder: Deine (Meinungs-)Freiheit ist meine Diskriminierung.

In einigen Talks sprachen u.a. Ferda Ataman, Kübra Gümüşay, Anne Wizorek, Sabine Mohamed  (“Bye Bye Gatekeeper“), Teresa Bücker (“Burnout & Broken Comment Culture“) und Yasmina Banaszczuk (“Get real, Netzgemeinde“) über Diskriminierung, Ausschlüsse und die Notwendigkeit von Solidarität, geschützten Räumen und Öffentlichkeit. Einen schönen Begriff in diesem Rahmen schlug Teresa mit “Malestream” vor. In diesen Talks wurde auch das einseitige Verständnis von “Freiheit” und “Selbstentfaltung” in unserer Gesellschaft und Bewegung angesprochen und kritisiert. Die Widersprüchlichkeit, auf Demonstrationen nach einem Internet ohne Zensur zu rufen, aber gleichzeitig zu wenig dagegen zu tun, dass Selbstzensur für Aktivist_innen eine reale Handlungsoption ist und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung durch Stalker, unwidersprochene Hasskommentare und Morddrohungen konterkariert wird, wurde deutlich. Unter dem Eindruck dieser Vorkommnisse fragte sich vergangenen September Michael Seemann nach der Freiheit statt Angst Demonstration für wessen Freiheit er dort eigentlich demonstriert habe. Die vielen krassen Trollkommentare, die #SchauHin#Aufschrei, #NudelnmitKetchup#IsjaIrre oder #AuchIchBinDeutschland tagtäglich zu sabotieren versuchen, sind eine allgegenwärtige Mahnung. Und nein, ein Menschenrecht darauf, dass menschenverachtende Online-Petitionen widerstands- und widerspruchslos im öffentlichen Raum stehen dürfen, das gibt es genauso wenig. Das haben Andrea Meyer und Nele Tabler (“#idpet – Wenn Partizipation und Grundrechte kollidieren“) noch einmal klar gemacht.

Als Gesellschaft haben wir keinen Konsens (mehr?) darüber, was Meinungsfreiheit, Diskriminierungsfreiheit und damit letzten Endes individuelle wie gesellschaftliche Freiheit überhaupt sein soll, und dieses Problem machen queer-feministische und antirassistische Ansätze überdeutlich. Diese Lücken schlachten Rechtspopulist_innen und reaktionäre Backlasher_innen gnadenlos aus und machen Hate Speech salonfähig. Unterstützt werden sie, wenn Antifaschist_innen wie Anne Helm das Recht auf informationelle Selbstbestimmung abgesprochen wird oder ein Brendan Eich, der es nicht hinbekommt sich von Homophobie zu distanzieren, von Teilen der “Netzgemeinde” in Schutz genommen wird (Achtung: fefe). Meinungsfreiheit und Freiheitlich-Demokratische Grundordnung und so!!1 

Wenn wir uns als politische Bewegung verstehen wollen, müssen wir ernsthaft über unsere Werte sprechen und für einen gesellschaftlichen Wandel streiten, die bestehenden (Nicht-)Vorstellungen kritisieren und verändern. Eine Netzbewegung, die keinen Widerspruch darin sieht, von Freiheit zu sprechen, aber bei heftigsten Hasskommentaren und Vergewaltigungsdrohungen mit “Meinungsfreiheit” kommt, hat in ihrer eigenen auferlegten Kernaufgaben versagt. Denn dann zeigt sie, dass ihr Grundrechte in Wahrheit nichts wert sind. 

Wovon sprechen wir eigentlich?

Auf der #rp14 war auch Zeit für Manöverkritik. Wir haben festgestellt, dass unsere Wortwahl in politischen Debatten verbesserungswürdig ist. Die vielen Superlative, und krassen Metaphern (“Kernschmelze des Rechtsstaats”, “Überwachung ist wie Radioaktivität”, Drittes Reich-Gleichsetzungen, …) mögen angesichts der Massivität der Grundrechtsverletzungen schon zutreffend sein, aber im öffentlichen Diskurs wirken sie überzogen und durch das ständige Ausrufen der größtmöglichen Katastrophe ist unser Mobilisierungspotenzial erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Erzählungen und Symbole, die dagegen von den Überwachungsbefürwörter_innen vorgetragen werden (Kinderpornographie, Terrorismus, organisiertes Verbrechen) kommen dort eher an.

Felix Schwenzel (Wie ich lernte, die Überwachung zu lieben“) war dahingehend sehr interessant, ebenso Friedemann Karig („Überwachung macht impotent!“ – Neue Narrative gegen Überwachung“). Genauso sind Perspektiven auf Überwachung deutlich geworden, die über “da liest wer deine E-Mails!” hinaus gehen: Hakan Tanriverdi hat bei kleinerdrei und bei KlubKonkret dazu einige wichtige Punkte beigesteuert. 

Am Rande der #rp14 erzählte mir ein langjähriges Grünen-Mitglied, dass wir heute die gleichen Debatten über Überwachung führen würden wie die damaligen sozialen Bewegungen. Wir sagen nur häufiger “NSA” als “Verfassungsschutz”, häufiger “Asyl für Snowden” als “Weg mit Paragraph § 129a StGB“. Ich weiß nicht, was ich aus dieser Parallele ziehen soll, aber sie zeigt, dass bestimmte Debatten nicht weiter gekommen sind.

Netzpolitik ist aber auch mehr als Überwachung.  Was ist eigentlich mit Themen wie der Digitalen Spaltung? Was ist mit denen, die das Internet bewusst wenig bis gar nicht nutzen? Alles Internetzausdrucker um die es nicht schade ist? Hmm? Lasst uns mehr darüber reden!

Wir sind nicht Grumpy Cat.

Auf der #rp14 gab es auch mehrere Talks, die sich mit Zukunftsvisionen und deren Wirkung beschäftigt haben. fALk Gärtner, Mey Lean Kronemann (“Escaping Dystopia“) und Shari Langemak (Health 2020 – How Science Fiction turns into Reality“) stellten konkrete Technologien und Architekturkonzepte vor, anhand denen die Zukunft greifbar und vor allem nahbar gemacht werden kann. Technologie bedeutet immer Veränderung. Was gerade in unserer Medienlandschaft passiert, ist längst allgegenwärtig. Das unsägliche “Look Up” Video ist nur das jüngste Beispiel dafür, dass wir als Gesellschaft nicht angemessen über unterschiedliche Arten, Technologien im Alltag zu nutzen, diskutieren. Gerade bezüglich Smartphones im Alltag hat Kate Miltner einen hilfreichen Talk gehalten (Put Down That Phone And Talk To Me: Mixing Mobile Phones and Relationships“). Und wo wir beim Thema sind: Kathrin Passig und Sascha Lobo haben vor einem Jahr in “Internet – Segen oder Fluch” all diese Dystopieängste dekonstruiert und als zeitlos und reaktionsgretrieben herausgearbeitet.

Nun plädierten zum Beispiel Rin Räuber (“Let’s go to Mars“), fALk Gärtner, Mey Lean Kronemann (“Escaping Dystopia”) oder indirekter Dorothea Martin (Zurück in die Zukunft“) dafür, dass wir positive Zukunftsvisionen entwickeln sollten, die wir am Besten noch anhand fassbarer Projekte in der Öffentlichkeit zur Debatte stellen sollten. In einer Welt, die vor allem von Risikofolgenverminderung, unklarer Zukunft und “egal was passiert, es wird nur schlimmer” geprägt ist, können positive, einladende Vorstellungen von unserer Welt in 10, 20, 50 Jahren eine gesellschaftliche und politische Strahlkraft entwickeln. Um diesen Visionen näher zu kommen, müssen wir uns wieder mehr damit beschäftigen, warum wir diesen Internet-Kram überhaupt machen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, sich wieder darüber bewusst zu werden, woher unser politischer und gestalterischer Antrieb überhaupt kommt. Wären wir Grumpy Cat, wären wir keine Aktivist_innen. 

Es wird Zeit für einen Rant Generationswechsel. 

Ich habe im Laufe dieses Jahres immer mehr den Eindruck gewonnen, dass gerade der ersten Generation der Netzaktivist_innen einige maßgebliche Phänomene des Internets in den letzten Jahren entgangen sind. Ihnen ist eine Sensibilität verloren gegangen, die sie trotzdem immer wieder gerne gegenüber sich selbst und ihrer Lebensentwürfe einfordern. Und überhaupt, die Schuld daran dass es politisch nicht so läuft wie man(n) es gerne hätte, liegt ja an der Youtube-Generation, der Netzneutralität ja egal sei oder an den Selfie-Post-Privacy-Kids, die der digitalcourage nix spenden. Immer wieder wird “die Jugend”, wenn auch häufiger subtil statt explizit, als unerfahren, fahrlässig und naiv dargestellt. Was eigentlich die Aufgabe eines Manfred Spitzers ist, wird auch gerne mal gerne mal aus dem Umfeld des CCC oder anderer Vereine von sich gegeben. 

Das ist ein Problem. Denn wer über Selfies, Youtuber_innen und Tumblr-Blogs müde lächelt, diese Phänomene (und Märkte) nicht ernst nimmt, sie sogar negativ bewertet, der ignoriert einen wesentlichen Teil der Welt, in der sich gerade die jüngere Generation sozialisiert. Wen ein Herr wie wie Sascha Lobo der Jugend in Nebensätzen attestiert, sie benutze sein Internet nicht richtig oder mache es gar kaputt, ist das traurig. Für ihn. Ich sehe beim besten Willen nicht, wie daraus noch die Legitimität entstehen soll, in der Öffentlichkeit den großen Internet-Versteher geben zu können. 

Die Lobo-Generation spricht nicht mehr von meinem Internet. Das Internet ist nicht kaputt, nur weil sie das in irgendwelchem Kolumnen in den Hauszeitungen der akademischen Schichten wehleidig beweint. Das Internet was angeblich kaputt sei, ist eben auch das Internet des #Aufschrei, des #SchauHin, des #AuchIchBinDeutschland und ein Internet der Fankulturen und ein Internet der Let’s Plays, ein Internet des hochdotierten E-Sports und der niedrigschwelligen und gleichzeitig hochpolitischen Tumblrs, wie Autofocus es so schön illustriert hat. (Und das gilt nicht nur für Netzaktivismus. Schon gesehen wie einfach coldmirror Sexismus erklärt?) Wenn wir diese Perspektiven, Erfahrungen und Realitäten der Internetnutzung nicht mit einbeziehen, dann müssen wir uns nicht wundern wenn wir die Welt irgendwann nicht mehr verstehen, niemanden mehr mobilisieren und stattdessen über Selfies motzen. “Warum ACTA die Jugendlichen bewegt hat und PRISM kaum ist eine der zentralen Fragen die sich der Netzaktivismus schon seit zwei Jahren stellen sollte. In unserer gegenwärtigen Fassung retten wir weder Politik, Internet noch die Welt. Und wenn sich der Netzaktivismus nicht öffnet, inhaltlich wie personell, dann ändert sich daran wenig. Und einen maßgeblich Anteil an der gegenwärtigen Lage haben die Platzhirsche der Netzgemeinde.

tl;dr

Die #rp14 hat einige wichtige Fragen gestellt und Aktivist_innen, die nicht dem Bild des erfolgreichen weißen männlichen heterosexuellen Supernerds entsprachen, zu mehr Sichtbarkeit verholfen. Die Themensetzung der Vorträge war breiter und rückten Entwicklungen, Phänomene und Befindlichkeiten der gegenwärtigen digitalen Gesellschaft ins Bewusstsein, die der Netzaktivismus verschlafen hatte. Dass Netzpolitik mehr ist als Urheber_innenrecht, Überwachung und Datenschutz und Netzneutralität, mehr als ein verklärtes “offenes und freies Internet” und vor allem mehr als die Filterblase ihrer gegenwärtigen Platzhirsche ist, das kam dieses Jahr viel stärker zu tragen als ich es erwartet hätte.  Die Frage ist, was wir daraus machen, welche Lehren wir ziehen, wovon wir uns inspirieren lassen und womit wir die #rp15 beglücken wollen. Und mit “wir” meine ich nicht die Netzgemeinde.

2 Gedanken zu “Netzgemeinde, das war einmal.

  1. Du stellst, zurecht, klar, dass Hatespeech, Stalker etc. die freie Meinungsäußerung blockieren wie eine Art Zensur. Gleichzeitig sprichst du den homophoben Vollidiot_innen von der #idpet -vermutlich auch berechtigt- das Recht auf ihre freie Meinungsäußerung ab. Verstehe mich nicht falsch, ich will mich auf keinen Fall auf deren Seite stellen – aber ist das nicht einfach nur eine Frage der Perspektive? Jede_r von uns und “denen” sieht sich in seiner/ihrer Meinugnsäußerung durch die jeweils andere Seite behindert. Überspitzt forderst du für uns recht die du ihnen nicht zugestehst, weil du ihre Meinung für grundfalsch hältst.

    1. Es ist keine Frage der Perspektive. Es geht mir konkret um den menschenverachtenden Teil innerhalb des Petitionstext und indirekt um das (Kommentar-Umfeld) in dem zu Mord an Homosexuellen, Kastration oder zum Entzug von leiblichen und adoptierten Kindern aus Regenbogenfamilien aufgerufen wird. Das ist in meinen Augen nicht durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, was ja ohnehin nur bedeutet dass der Staat mich für meine Meinung nicht einsperren darf, abgedeckt.

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