Ein Moment um innezuhalten und sich über die Wurst zu freuen.

Conchita - Problem

Eigentlich wollte ich zu Conchita Wurst nichts schreiben. Da sich meine linke Timeline aber für die Selbstzerfleischung entschieden hat, möchte ich meine Perspektive auf das Ergebnis des diesjährigen Eurovision Song Contests doch noch niederschreiben.

Für mich als homosexueller Mann hat der Sieg von Conchita Wurst ähnliche Gefühle ausgelöst wie das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger. Es sind diese Momente, die dir das Gefühl geben dass die Welt sich Schritt für Schritt hin zum Guten verändert, dass das “It get’s better” Mantra tatsächlich eine Bewandnis hat und dass der Hass überwindbar ist. Wir tragen diese Diskriminierungs- und Ohnmachtserfahrungen unser gesamtes Leben mit uns, und mit jedem Outing, mit jeder Öffnung der Ehe und mit jedem Sieg einer Conchita Wurst verheilen diese seelischen Wunden ein kleines Stück weit. Als sie während der Pressekonferenz nach dem ESC auf Putin angesprochen wurde, sagte sie, “wir sind unaufhaltsam” / “we are unstoppable”. Das hat mich zu Tränen gerührt. In dem Moment, in dem klar war, dass sie den Eurovision Song Contest gewinnen würde, hatte ich das Gefühl dass eine Welt ohne Hass keine unerreichbare Utopie, sondern in unserer Reichweite ist. Und ich glaube nicht, dass es nur mir so ging. Der Sieg der Conchita Wurst bedeutet Sichtbarkeit und Inanspruchnahme von Deutungshoheit.

Und das ist es auch besonders deshalb, weil Conchita Wurst monatelangen Widerstand ausgesetzt war. Eine 30.000 Personen große Widerstandsgruppe auf Facebook warf ordentlich Schlamm, die österreichischen Rechtsradikalen schämten sich öffentlich und in der Ukraine, Russland und Weißrussland gab es Bestrebungen, Conchita aus der Live-Übertragung heraus zu zensieren oder ihren Rückzug zu erzwingen. Um einen der Architekten des Homo-Propaganda-Gesetzes, Vitaly Milonov, zu zitieren:

“The participation of the obvious transvestite and hermaphrodite Conchita Wurst on the same stage as Russian singers on live television is blatant propaganda of homosexuality and spiritual decay”

Was ist das Ergebnis dieses Abends angesichts dieses Hasses, wenn nicht ein Triumph? Die Botschsaft ist: Natürlich stehen rechtsradikale Parteien in Europa immer noch davor 30% in den bevorstehenden Wahlen zu erreichen. Selbstredend hält der reaktionäre Mob weiterhin seine “Mahnwachen für die Familie” ab. Und weiterhin ist die Situation von Jugendlichen, die nicht heterosexuell sind, eine fürchterliche Katastrophe. Aber genauso wie jedes Outing, also jeder Thomas Hitzlsperger und jede Ellen Page an diesem Zustand Stück für Stück etwas zu ändern vermag, genauso läuft es auch im Falle Wurst. Die Ewiggestrigen ärgern sich jetzt fürchterlich. Und ist es wirklich naiv zu glauben, dass der Erfolg einer Sängerin, die vorher einer transphoben Hetzkampagne ausgesetzt war, nicht doch irgendeine Bedeutung (für uns) haben könnte? Schon alleine die Botschaft, dass egal womit sich dir die Gesellschaft entgegen stellt, du am Ende über diese Barrieren hinübertreten kannst, die ist viel wert.Gerade für jüngere LGBTIQ*.

So sehr es ein Tropfen auf einem heißen Stein ist, schafft es umso mehr Hoffnung und damit positive Emotionen. Und Emotionen sind ein mächtiger Katalysator politischen Handelns. Heute wurden wir Zeug_innen eines Schrittes. Nicht mehr, nicht weniger. Jeder dieser Schritte immens wichtig. Und diese Schritte sahen heute eben so aus: In Arkansas können erstmals homosexuelle Ehen geschlossen werden, die St. Louis Rams verpflichten Michael Sam und machen ihn somit zum ersten offen schwulen Spieler der NFL und eine Conchita Wurst gewinnt mit dem viertstärksten Ergebnis in seiner Geschichte den Eurovision Song Contest. Was daraus gesellschaftlich erwächst, liegt auch in unserer Hand. Conchita hat uns jedenfalls gezeigt, dass wir unaufhaltsam sein können. 

PS: Conchita Wurst ist kein “Marketing-Gag” und auch keine trans*-Person. Die Figur hat der schwule Thomas Neuwirth als Reaktion auf konkrete homophobe Diskriminierungserfahrungen geschaffen. Ich bin irrtiert darüber, in welchem anklagenden Maße die von ihm gewählte Form des Widerstandes und der Selbstentfaltung nun in meiner linken Timeline zerlegt wurde. Es gibt weiß Gott problematischere Arten und Weisen, als schwuler Mann Aktivismus zu betreiben.

5 Gedanken zu “Ein Moment um innezuhalten und sich über die Wurst zu freuen.

  1. Als Dana International 1998 den ESC gewann, war ich so gefangen im Selbsthass für mein “anderssein”, daß ich diesen Sieg nicht stolz und fröhlich feiern konnte. Ich lasse mir meine zweite Chance nicht kaputt machen. Ich habe zu lange darauf gewartet.

    Gesellschaftliche Veränderung geht nur in kleinen Schritten. Und Conchita Wurst hat in Kopenhagen den größtmöglichen dieser kleinen Schritte für die queere Community getan. Feiern wir sie (und auch ein wenig uns selbst) dafür. Die Denkarbeit haben jetzt die Heteronormativen zu leisten. Und mit etwas Glück kommt sogar etwas brauchbares dabei heraus.

  2. Aus meiner Sicht ist der Triumph der Conchita Wurst nur mittelbar ein Triumph für die Schwulenbewegung, deswegen verstehe ich die Kritik auch nicht. Wurst ist eine Kunstfigur und steht deshalb ersteinmal für sich und nicht für den Menschen dahinter. Da ist eine (auch im normativen Sinne) sehr weibliche Person mit einen (auch im normativen Sinne) sehr männlichen Bart. Für mich konterkarriert das beide Klischees und feiert in erster Linie die Individualität und ebenso die Frei- und Frechheit, sich aus dem Bauchladen der Gender-Indikatoren nach Herzenslust zu bedienen und dadurch zu zeigen, das diese Indikatoren Karnevalsmasken sind und keine Schicksale. Das ist großartig, denn das bestärkt alle, die die ihnen zugedachte Geschlechterrolle nicht spielen können oder wollen. Denn am Ende siegte ja wohl auch Conchitas Stimme, die schwer einem Geschlecht zugeordnet werden kann, aber unbestreitbar schön ist.

  3. Ich bin zwar nur wirklich ein kleines bisschen bi, aber auch mir bedeutet Conchitas Sieg die Welt – und ihr Statement darauf. Zum Einen habe ich viele sehr gute Freunde, die homosexuell sind, zum Anderen bringt sie/er durch die Vermischung von faszinierender Weiblichkeit gepaart mit typisch schwulen Charme und auch optisch durch den Bart, frischen Wind in die veralteten, verstaubten, und vor allem in vielen Dingen schlicht und einfach falschen und unglücklich machenden Rollenbildern von Mann und Frau. Naja, und das *anders sein* kann ich als überdurchschnittlich intelligente Linkshänderin, mit bipolarer Störung, Borderline-Background, und ein bissl ADHS mehr als nur gut nachvollziehen. Obwohl immer mehr Leute aus dem standardisierten Schema F heraus fallen, bemühen sich diejenigen, welche sich anscheinend selbst für ach so normal und konform halten, ganz besonders darum, vekrustete Denkweisen, Normen und Verhalten aufrecht zu halten, die schlicht und einfach den größten Teil der Menschheit wirklich unglücklich macht. Intoleranz und das typische *das seh ich nicht ein*, sind total *IN* – und das neben Namaste-Begrüßungen im Yoga-Kurs, Links/Rechts-scheißegal-Kurs, und System-*Kritik* (Hetze ja eigentlich). Wir, aus der Ecke psychisch- na sagen wir mal, aus der Norm fallenden, werden nämlich laut jüngsten Statistiken (in Österreich – Magazin Innen Welt)auch nicht mehr, sondern ebenfalls immer weniger akzeptiert. Ob dies auf Frühpension und Arbeitsunfähigkeit zurück zu führen ist, ist fraglich. Und obwohl der Wunsch Kinderschänder und Gewalttäter härter zu bestrafen um Gerechtigkeit walten zu lassen und um Kinder besser zu schützen, groß ist, so wird nur allzu gern vergessen, dieses Mitgefühl auch für den oft aus solchen Umständen heraus kommenden erwachsenen psychischen Norm-Sonderling anzuwenden – Trauma ist nun mal Verursacher Nummero Uno für bleibende psychische/s Abweichen/Störung. Und neben diesen Forderungen nach Änderungen – nämlich immer eine Änderung die alles nur nicht einen selbst betrifft und Arbeit und Einsatz fordert, wird verzweifelt fest gehalten, was längst losgelassen werden sollte – an viel zu eng gestrickten Rollenbildern für Mann/Frau/Mutter/Vater/Kind&Schüler/Angestellter&Arbeiter und an Moralvorstellungen, die mit einer gesunden ethischen Grundeinstellung nicht mehr vereinbar sind. Egal ob homosexuell, psychisch angeschlagen, Freigeist, Spinner – ich liebe alle Menschen, die sich selbst gefunden haben und sich selbst leben – so wie sind, so gut und sooft es möglich ist, den das ist die Basis für Zufriedenheit und gemeinschaftliches Glück.

    “All that you have, is your soul” (Tracy Chapman)

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