Sonnenfinsternis trifft Risikogesellschaft

Foto: markito / Pixabay

1999 durfte ich in der Grundschule eine fast komplette Sonnenfinsternis beobachten. Wir sprachen Wochen vorher im Sachkundeunterricht darüber – wie sich der Mond vor die Sonne schiebt, warum das nicht so häufig passiert und warum gerade dann nicht mit bloßem Auge in die Sonne geschaut werden sollte. Viele Museen, öffentliche Stellen und Sternwarten fingen schon Anfang des Jahres damit an, Aufmerksamkeit für das letzte große astronomische Ereignis im 20. Jahrhundert zu sammeln. So zum Beispiel auch das Deutsche Museum in Berlin. Ich erinnere mich noch gut, wie ich all die Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge verschlungen hatte und auf diesen 11. August 1999 hinfieberte. Da haben dann auch die paar Wolken am Himmel nicht gestört. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass sich hinter Naturwissenschaft tatsächlich nicht nur Spekulation, sondern klare und zutreffende Mathematik verbirgt. Dass wir Menschen die Natur nicht kontrollieren, aber doch in einem bestimmten Maße berechnen können. Zumindest, was den Tanz der Gestirne angeht.

Flashforward ins Jahr 2015. Inzwischen gibt es Smartphones, die Sonnenverfinsterung hat mit #sofi2015 sogar einen eigenen Hashtag und Deutschland betrachtet die Sonne, der Energiewende sei Dank, als wichtige Energiequelle. Aber die Faszination war getrübt.

Angefangen hat das im Februar. Zu diesem Zeitpunkt kamen einige Medienartikel heraus, die das Horrorszenario eines zusammenbrechenden Stromnetzes durch erhebliche Leistungsschwankungen skizziert hatten. Schließlich ist Deutschland mit Solaranlagen an jeder Ecke vollgepflastert und hat auch gar keine anderen Energiequellen. Und Wolken gibt es genauso wenig wie das mysteriöse Naturphänomen der “Nacht”.

Fakt ist, dass Wissenschaftler_innen und Energiebetreiber die Sonnenfinsternis als planbaren Test für die Energiewende ansehen – denn wenn wir in 10, 20 Jahren noch mehr Solaranlagen haben, ist jedes Wissen um den Umgang mit Leistungsschwankungen wertvoll. Ein Schelm wer dabei denkt, dass die Angstmache vor dem totalen Blackout (die wir dann ja der bösen Energiewende zu verdanken hätten) nur eine rein unpolitische Sorgenfalte ist. Im Gegenteil: Heute ist ein verdammt spannender und lehrreicher Tag für die Energiewende.

Und so sah der übrigens aus. Die Stromnetze haben heute hervorragend gearbeitet.

Der zweite Punkt der mich stark irritiert hat, war die öffentliche Wahrnehmung der Sonnenfinsternis. Von der Euphorie und der Allgegenwärtigkeit des Jahres 1999 ist wenig übrig geblieben. Natürlich mag das auch daran liegen, dass es sich hier nicht um eine totale Sonnenfinsternis direkt über Deutschland gehandelt hat (wenn das Licht fast komplett ausgeht ist es immer spannender als wenn die Sonne sich kurzerhand in das Apple-Logo verwandelt). Aber alleine das Chaos mit den Schutzbrillen (da hat die unsichtbare Hand wohl geschlafen) und die pädagogisch komplett abgefuckte Reaktion mancher Schulen, die Kinder in die Klassenräume einzusperren und ja kein Licht (!?!?!) reinzulassen erübrigt sich jedes Kommentares. Juna im Netz ist berechtigt wütend und ihren Worten habe ich nichts hinzuzufügen:

Es ist vollkommen unverständlich, wie man im Jahr 2015 den Kindern Panik vor einem unbeschreiblichen und großartigen Naturereignis machen kann.

In einem weiteren guten Beitrag auf Facebook hat Ranga Yogeshwar die mediale Panikmache anlässlich des heutigen Tages auseinander genommen – und dabei Teile des Konzeptes der Risikogesellschaft von Ulrich Beck angewandt.

Ganz kurz und unscharf paraphrasiert argumentierte Ulrich Beck 1986, dass moderne Gesellschaften reflexiver werden, das heißt dass sie die Folgen und damit Risiken ihres eigenen Handelns stärker berücksichtigen. Ziel sei nicht mehr die Verhinderung von Katastrophen und negativen Ereignissen, sondern nur noch die Reduzierung ihrer Folgen. Das zu erwartende und eintretende Risiko wird dabei zum Leitbild der Krisenbewältigung. Massenmedien und Institutionen, die die Deutungshoheit darüber haben was ein Risiko ist erlangen darüber mehr gesellschaftlichen Einfluss. Dies erfolgt im Positiven (wie es eindrucksvoll durch die globalen Umweltbewegungen unter Beweis gestellt wurde) wie im Negativen (am Beispiel von Desinformation und Unwissenschaftlichkeit).

Schon beim Thema Klimaerwärmung wird deutlich, dass wissenschaftliche Empirie in der Politik nur dann eine Rolle spielt, wenn sie ideologisch passt. Stattdessen können diffuse Angstszenarien wirken und Gegenstimmen werden in die zweite Reihe delegiert. Im Kleinen hat sich das heute darin geäußert, dass allen Einschätzungen von Wissenschaftler_innen zum Trotz die Gefahr eines Blackouts an die Wand gemalt wurde – und über ein Pausenhof- und Lichtverbot an manchen Schulen den Kindern schon früh vermittelt wurde, dass sie vor der Natur Angst haben sollten. Dieser Umgang mit Naturereignissen ist nicht nur fahrlässig, sondern vor allem eines: Ziemlich traurig.

3 Gedanken zu “Sonnenfinsternis trifft Risikogesellschaft

  1. Randnotiz: War verwirrt dass Du Schule hattest. Ich kann mich nämlich erinnern dass an dem Tag keine Schule war. Auf’s Datum geguckt: Alles klar, im August hatten wir in BaWü Sommerferien 🙂

    Wir sind sogar extra Richtung Stuttgart gefahren weil es hier in Oberschwaben keine totale SoFi war. Leider war das Wetter dann da nicht so gut, es war zumindest zum Teil bewölkt. Aber das Gefühl dass es mitten am Tag für wenige Minuten stockdunkel ist war unbeschreiblich.

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