Schwul. Städtisch. Selbstzerstörerisch. Erzählungen des Hasses.

Nachdem die BILD-Zeitung in den letzten Tagen an vorderster Front um den Löwenanteil an der Ausschlachtung er Causa Volker Beck gekämpft hat, fängt sie jetzt an, in eine ganz andere Trickkiste zu greifen. Für den Kampf gegen Homohass ist das kein gutes Signal. In diesem Text möchte ich darstellen, warum.

Der Hass auf Homosexuelle wurde durch die Geschichte hinweg immer auf bestimmten Erzählungen begründet und weiterverbreitet. Einige dieser Erzählungen (“Homosexuelles Begehren ist wider der Natur”) sind hinreichend geläufig. Andere sind subtiler, werden aber gerade seit den Bildungsplan-Demos wieder bedient. Sie alle dienen einem Zweck: Der gesellschaftlichen und moralischen Isolation von allen Menschen, die nicht heterosexuell sind. Dass die BILD-Zeitung nun auf diesen Zug aufspringt, überrascht mich nicht so sehr wie es mich besorgt. Ich möchte deshalb zwei Erzählmuster skizzieren, deren Versatzstücke nicht nur für die Causa Beck wieder aufgebrochen sind.

Die erste Erzählung: Homosexuelle sind selbstzerstörerisch.

Aus der ursprünglichen Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan:

In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.

Diese Erzählung arbeitet mit einer simplen Annahme: “Der Homosexuelle” sei “dem Heterosexuellen” körperlich und geistig unterlegen und neige zur Selbstzerstörug. Er sei anfälliger für Drogenabhängigkeit, Depression, bringt sich häufig um und infiziert sich viel häufiger mit sexuell übertragbaren Krankheiten, vor allem HIV. Gerade letzteres wurde durch die Aids-Krise erheblich aktualisiert, in der alle Aspekte dieser Erzählung zusammen kamen: Mangelnde Hygiene, sexuelles Risikoverhalten, Konsum illegalisierter Drogen inklusive schmutzigem Besteck, et cetera. Dass Geschlechtskrankheiten heute für heterosexuelle Männer eine vollkommen andere Rolle als für homosexuelle Männer spielen, hat nicht nur in der HIV-Prävention (Heterosexuelle haben ein weitaus größeres Risiko für HIV-Spätdiagnosen) dramatische Folgen.

Selbstverständlich stellen Männer die Sex mit Männern haben eine Hochrisikogruppe für HIV dar. Aber die Aidshilfen zeigen seit 30 Jahren, wie dieses Thema besprochen werden kann ohne Homosexuelle kollektiv als selbstzerstörerisch, degeneriert und krank darzustellen. Und selbst beim Thema Chemsex geht das, wie die gleichnamige Dokumentation von Vice zeigt. Diese Erzählung dient im Gegenteil dazu, eine Umkehr von Ursache und Wirkung zu postulieren. Sie verneint die krassen Folgen sozialer Ausgrenzungserfahrungen, gerade unter LGBT-Jugendlichen, komplett und stellt Selbstzerstörung als im tiefsten Inneren mit Homosexualtät an sich verbunden dar. Wenn die BILD genau jetzt über Chemsex-Parties sinniert, muss sie auf genau diese entwürdigende und stereotype Erzählung zurückgreifen. Ansonsten würde diese dramatische Herleitung gar nicht funktionieren..

Die zweite Erzählung: Homosexuelle sind hedonistische, dekadente und amoralische Großstadtbewohner.

Gerade Berlin spielt eine besondere Rolle in dieser Erzählung. Während der Weimarer Republik galt diese Stadt für viele Homo- Bi- und Transsexuelle in ganz Europa als Sehnsuchtsort der Freiheit. Für die Nazis waren die Großstädte der Weimarer Republik aber etwas gänzlich anderes: Nämlich ein Sündenpfuhl. Das lag unter anderem daran, dass der ländliche Raum ein wichtiges Element der völkischen Ideologie war. Dementsprechend musste der städtische Raum zu seinem Gegensatz erklärt werden – geographisch wie moralisch. Während in kleinen Städten und Dörfern “die Welt noch in Ordnung ist” und “jeder jeden kennt”, galten Großstädte als anonyme, verführerische und identitätslose Lebensräume. Dass LGBT gerade aus Gründen von Diskriminierung und Selbstentfaltung in die großen Städte gingen und dort Communities aufbauten, wurde zu einem Beweis für die Widernatürlichkeit und Amoralität der Großstädte verdreht. Und weil diese Community in die oberen gesellschaftlichen Schichten hineinragte, wurde sie ebenfalls mit der ökonomischen, künstlerischen und politischen Elite verknüpft; ihr “hedonistischer” Lebensstil wurde zum Ausdruck weltlicher Dekadenz (Konsumorientierheit, Sex allein zur Befriedigung, …) erklärt.

Viele Debatten, vor allem von konservativen und traditionalistischen Kreisen ausgehend, bedienen sich Versatzstücke dieser Erzählung. In Aussagen wie “Haben wir denn keine anderen Probleme?” (Einführung der Ehe für alle) schwingt diese Erzählung genauso mit wie im Vorwurf des “übertriebenen Dranges nach Selbstverwirklichung” (Adoption für alle) und im Kampfbegriff der “Homo-Dekadenz“. Ziel dieser Erzählung ist die Abwertung von LGBT und ihrer individuellen Entfaltung als komplett vom “normalen Leben” abgekoppeltes Zerfallssignal zivilisatorischer Übersättigung und die Entsolidarisierung der Mehrheitsgesellschaft mit ihnen.

Erzählungen zu Feindbildern

Diese Erzählungen dienen der Konstruktion von im Kern rechten Feindbildern (welche darüber hinaus Schnittmengen zu anti-linken Ressentiments aufweisen). Verantwortungsvoller Journalismus muss in der Lage sein, über LGBT auf eine Art zu berichten, die diese Feindbilder eben nicht bedient. Eigentlich hatte ich das Gefühl, dass wir da recht weit gekommen sind. Die offensichtliche Kampagnenplanung seitens der BILD spricht aber dafür, dass diese Werkzeuge der Diffamierung immer noch als adäquat wahrgenommen werden.

Rosa von Praunheim bleibt leider aktuell: Nicht LGBT sind pervers, sondern die Situation, in der sie leben.

Bildnachweis: Renata Nascimento (CC BY 2.0)

3 Gedanken zu “Schwul. Städtisch. Selbstzerstörerisch. Erzählungen des Hasses.

  1. Danke für diese kluge Analyse.

    Das Seltsame ist ja, dass wir uns so gern einreden, in der tolerantesten aller Zeiten und Gesellschaften zu leben, während gleichzeitig uralte Abwertungs-Mythen so hartnäckig weiterleben – und von interessierten Seiten immer wieder aktiv belebt werden.

    Noch vor wenigen Jahren hätte ich es für undenkbar gehalten, dass in Deutschland dermaßen viele gesellschaftliche Gruppen gleichzeitig zu Sündenböcken gemacht werden würden, denen man die Schuld an allem Übel anhängen würde. Was am Meisten beunruhigt: Es geschieht oft mit großer Unterstützung aus Politik und Medien.

  2. “Während in kleinen Städten und Dörfern „die Welt noch in Ordnung ist“ und „jeder jeden kennt“, galten Großstädte als anonyme, verführerische und identitätslose Lebensräume.”

    Aber ist das nicht wahr? Das ‘wir’, kristallisiert sich nur im näheren Umgang mit Menschen heraus, die man auch kennt. In der Großstadt ist das oft eben nicht der Fall.

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