Die Generation Y: Kein Bollwerk gegen den Rechtsruck.

Was für schöne Artikel über uns geschrieben wurden. Wir hätten keine Angst vor der großen weiten Welt und dem Terrorismus, schließlich seien wir in einer interkulturellen Einwanderungsgesellschaft aufgewachsen. Wir lieben die Freiheit und das Leben, haben emanzipatorische Vorstellungen von familiärer Arbeitsteilung, verändern die Arbeitswelt, wollen uns selbst verwirklichen und seien „linke, selbstgefällige und groß-bebrillte Gutmenschen“ (Danke an dieser Stelle für’s Kompliment). Kurz: Wir, die Generation Y, sind ziemlich großartig, tolerant, weltoffen und progressiv.

All das liest sich schön und gut. Und wer in Deutschland zwischen 1989 und 1999 geboren wurde, den eint tatsächlich so einiges: Wir sind die erste Generation die in einem vereinten Europa aufwachsen durfte. Regionale Währungen und Grenzkontrollen sind nur noch undeutliche Erinnerungen aus unserer frühen Kindheit und eine allgemeine Wehrpflicht haben auch nur noch ein paar von uns erlebt. Damit hört aber „unsere gemeinsame Erfahrungswelt“ auf. Für jeden von uns, der es in die großen Metropolen dieses Landes „geschafft“ hat, gibt es viele andere, die nie aus unseren Heimatstädten herausgekommen sind. Für jeden von uns, der in der Schule positiv aufgefallen ist und gefördert wurde, gibt es zu viele, deren Talente und Träume nie erkannt wurden. Für jeden von uns, der sich selbst verwirklicht, gibt es unzählige Menschen, die resigniert und frustriert auf ihr Leben blicken.

Wenn wir von „Generation Y“ sprechen, dann sprechen wir nicht von allen Menschen die zwischen 1989 und 1999 auf der Welt geboren sind. Sondern nur von einer gut situierten oberen Mittelschicht aus dem ehemaligen Westen. Sie ist eine konstruierte Identifikationsfläche, ein beliebtes Feindbild und vor allem eines: Eine angenehme Lüge. Die transformatorische Wirkung, die ihr gerne unterstellt wird, ist weitaus schwächer als manch eine es gerne hätte. Und es ist nicht verwunderlich, dass sich das gestern bei den Wahlen in Baden-Württeberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt niedergeschlagen hat:

(Alle Daten: Forschungsgruppe Wahlen / ZDF) Die Zahlen sind eindeutig. Der AfD ist es in diesen Landtagswahlen gelungen, die Wähler_innen innerhalb der Jahrgänge 1987-1998 überdurchschnittlich gut anzusprechen. Ihre rassistischen Lügen und ihre Hetze fielen hier auf fruchtbaren Boden. Und das auch nicht erst seit Gestern:

 Wenn wir uns alle größeren Wahlen anschauen, an denen die AfD bis jetzt teilgenommen hat, wird schnell deutlich: Die AfD mobilisiert einen nicht unerheblichen Teil meiner Generationsgenoss_innen. Und in allen Wahlen in den neuen Bundesländern haben U30-Jährige im Verhältnis häufiger AfD gewählt als die Gesamtbevölkerung. Auch wenn diese Gruppe in absoluten Zahlen und im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung die kleinste demographische Gruppe darstellt, kann sie damit als ein stabilisierender Faktor dienen. Und es ist noch schmerzhafter:

 Nicht nur machte eine von drei U30-Jährigen, die gestern in Sachsen-Anhalt zur Wahl gingen, ihre Kreuze bei der AfD, die AfD ist außerdem einsame Spitzenreiterin in dieser Altersgruppe. Keine andere Partei zog diese Gruppe in dieser Art und Weise an sich. Und damit wird eine weitere Parallele zu ihren großen Vorbildern in Europa deutlich. So gelang es der FPÖ bei der Nationalratswahl 2013, 22% der U30-Jährigen für sich zu gewinnen (Endergebnis: 20,6%). Für die PiS bei der polnischen Parlamentswahl 2015 stimmten „nur“ 23,9% (Endergebnis 37,6%). Und der Front National erhielt nicht nur bei der Europawahl 2014 30% der Stimmen der U35-Jährigen (Endergebnis: 25%), er konnte dieses Ergebnis sogar bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 (Endergebnis: 27,8%) mit 34% der U30-Jährigen (!) toppen.

Das sind keine normalen Parteien. Das sind Parteien, die offen völkisches Gedankengut, frauenverachtende Geschlechtervorstellungen und Umsturzphantasien propagandieren. Einzig und allein zum unpolitischen Protest wählt die kaum jemand. Nationalchauvinismus, Sexismus und Rassismus waren seit jeher, nicht nur in Deutschland, tief verankert und wurden von den Volksparteien wahlweise toleriert oder ignoriert. Der Erfolg der rechten Parteien liegt vielmehr darin, dieses stille Grundrauschen der Menschenfeindlichkeit an die Oberfläche zu holen und in Umfragewerte umzuformen. Die Politikwissenschaft sah schon seit Jahren ein Wähler_innenpotenzial für Parteien rechts von der CSU im zweistelligen Bereich. Nicht allein der Erfolg einer offen rassistischen Partei wie der AfD ist erschreckend, sondern auch dessen Vorhersehbarkeit.

Umrahmt wird diese Situation von den Parallelwelten des Kapitalismus, die all die Lobhubeleien auf die Generation Y ausblenden. Perspektiv- und Jugendarbeitslosigkeit, Chancenungleichheit und niemals eingehaltende Versprechen von Aufstieg und Wohlstand sind reale Faktoren, die sich auf das Vertrauen in die Lösungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie auswirken. Aber all die Sündenböcke der AfD würden keine politische Wirkung entfalten, wären meine Jahrgänge insgesamt so, wie es das Feuilleton gerne hätte: Tolerant, weltoffen und progressiv. Aus diesem Wahlsonntag folgt: Meine Jahrgänge sind ein Teil des Problems.

Und daraus folgt Verantwortung. In der Politik, in der politischen Jugendbildungsarbeit und in allen großen Parteijugendorganisationen. Die Zukunft darf nicht dem Hass gehören.

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