Westerwelle: Wenn die Ehe in Nachrufen längst geöffnet scheint.

Einer der zentralen Streitpunkte im Verfahren, dass in Amerika schlussendlich zur Öffnung der Ehe geführt hat, war die Frage, ob der Staat Ohio James Obergefell auf der Sterbeurkunde seines todkranken Partners John Arthur als Witwer eintragen solle. Mit dem Gesetz zur Überarbeitung des Lebenspartnerschaftsrechts wurden 2005 unter anderem auch der Zugang zur Hinterbliebendenversorgung gestärkt. So wichtig auch alle steuer- und sorgerechtlichen Fragen sind: Der Umgang mit Krankheit und Tod und die Rechte und Anerkennung der Hinterbliebenden in Verantwortungsgemeinschaften war und ist ein genauso großes Anliegen der Gleichberechtigung. Wir leben immer noch in einer Welt, in der Homo- und Bisexuellen von den Familien ihrer Partner*innen verboten wird, an das Sterbebett zu treten oder an der Beerdigung teilnehmen zu dürfen. Der rechtliche Kampf ist einer. Der Kampf um die Anerkennung der Partner*innenschaft im Angesicht von Tod und Verlust ein anderer.

Der Tod von Guido Westerwelles nahm viele Menschen mit. Auch für mich – trotz aller inhaltlicher Differenz – war er als offen schwuler Politiker während meines Outingprozesses eine wichtige Identifikationsfigur. Seit 12 Jahren war er mit dem Sportmanager Michael Mronz zusammen, seit 5 1/2 Jahren in einer Lebenspartnerschaft. Mich überraschte, wie offen dieser kondoliert oder in Nachrufen erwähnt wurde:

Angela Merkel, Bundeskanzlerin: Sein Tod erschüttert mich tief, und meine Gedanken gehen in diesen Stunden zu Guido Westerwelles Familie. Insbesondere gilt meine Anteilnahme natürlich seinem Mann, Michael Mronz.

Joachim Gauck, Bundespräsident: “Bundespräsident Joachim Gauck hat Herrn Michael Mronz zum Tode seines Mannes, Guido Westerwelle, kondoliert.”

Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln: “Köln trauert um einen aufrechten Demokraten und hochgeschätzten Mitbürger, unser ganzes Mitgefühl gilt seinem Ehemann und seiner Familie.”

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP: “Unsere Gedanken sind bei seinem Ehemann, seiner Familie und seinen Freunden.”

Traueranzeige des Auswärtigen Amtes: “Unsere Gedanken sind bei seinem Mann Michael Mronz und seiner Familie.”

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: “Unser Mitgefühl gehört seinem Ehemann Michael Mronz, seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.”

Wenn man sich die Kondolenzen durchliest, kommt es einem so vor, als sei Guido Westerwelle verheiratet gewesen, als sei die Ehe in Deutschland längst geöffnet. Nach deutschem Recht war er das aber nicht. Zu seinen Lebzeiten war er rein rechtlich gesehen nie “sein (Ehe-)Mann” und die Verantwortung, die beide füreinander übernahmen, steht nicht unter dem Schutz der staatlichen Ordnung. Trotzdem spricht Angela Merkel nicht von seinem “Lebenspartner”. Trotzdem kondoliert der Bundespräsident seinen “Mann”. Trotz des erbitterten Widerstandes im Bundestag wie Bundesrat, trotz Angela Merkels Bauchgefühl: Fast allen Beteiligten scheint klar, worum es hier eigentlich geht: Liebe, Verantwortung und Anerkennung. In diesen Nachrufen scheint die Politik weiter zu sein als in ihrer Regierungsarbeit. Die Zeit, die die Gesellschaft angeblich noch brauche, scheint längst um zu sein. Und es hinterlässt eine offene Frage: Wieso dürfen wir Homo- und Bisexuelle in den Nachrufen auf uns wie selbstverständlich Ehemänner und Ehefrauen sein, aber nicht aber während wir und unsere Partner*innen leben?

Ein Gedanke zu “Westerwelle: Wenn die Ehe in Nachrufen längst geöffnet scheint.

  1. Da hat sich unsere Kanzlerin sich nicht auf ihr Bauchgefühl verlassen sondern nachgedacht. Trotzdem, der Kampf muss weitergehn, die Homophobie wartet an jeder Ecke auf Opfer…….

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