Der rosarote Dolchstoß. Die AfD, ihre LGBT* und der schwule Rechtspopulismus.

Für die Lektüre dieses Textes werdet Ihr voraussichtlich 13 Minuten brauchen. Solltet Ihr gerade nicht so viel Zeit haben, ist vielleicht das tl;dr (Kurzzusammenfassung) am Ende des Textes für Euch interessant.

“Die Schwulen, Lesben und Transsexuellen sind nicht nur bei der Kleidung bunt sondern auch im politischen Denken. Und es ist notwendig, dass wir Bürgerliche uns aus der Geiselhaft linksgrüner Berufsschwestern befreien. Auf deren Würgegriff haben wir keine Lust mehr..“ PM: “Hetze gegen David Berger ist beschämend”, 11. Dezember 2014

Über die “Homosexuellen in der AfD” wurden schon ein paar Texte geschrieben. Es gibt Interviews in der VICE und auf Spiegel Online und immer mal wieder finden sich Kommentare & Berichte in LGBT*-Medien wie Queer.de. Eine systematische Analyse gab es allerdings noch nicht. Aber die Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen LGBT* ist wichtig. Schon 2002 schuf der schwule Niederländer Pim Fortuyn und seine LPF den Boden, auf dem Geert Wilders und seine rechtspopulistische PVV erst richtig Erfolg haben konnten, schwule Persönlichkeiten wie Milo Yiannopoulos sind die Popstars von GamerGate sowie den amerikanischen Neokonservativen und erst vor einem Jahr gaben 26% der Pariser Homosexuellen an, den Front National wählen zu wollen. Was auf viele wie ein innerer, von Selbsthass und Inkonsequenz durchtränkter Widerspruch und wie eine skurrile Anekdote des gesellschaftlichen Fortschritts und der homosexuellen Emanzipation wirkt, ist ein handfestes Phänomen, welches wir ernst nehmen müssen.

Für eine Hausarbeit analysierte ich deshalb über die letzten Monate hinweg die Öffentlichkeitsarbeit, Positionen und die Ideologie der “Homosexuellen in der AfD”. Besonders interessierte mich dabei, wie sie sich selbst innerhalb der AfD sowie der LGBT*-Bewegungen sehen und ihre ihre Arbeit legitimieren. Dabei stoß ich auf viele altbekannte rechtspopulistische Erzählungen – im Regenbogengewand.

Die Alternative für Deutschland und Homosexualität

Spätestens seit ihren Erfolgen bei den Landtagswahlen im März 2016 ist für die AfD das hohe Wähler_innenpotenzial in Deutschland für rechtspopulistische Parteien zum Greifen nah. Was ihre Meinung zu Homosexualität angeht, hält sie sich zumindest auf dem Papier eher bedeckt: Im Entwurf zum Grundsatzprogramm taucht Homosexualität nur ein einziges Mal konkret auf. Sie wird allerdings mehrmal indirekt im Familienkapitel (Kapitel 6, S. 27-31) erwähnt – und herabgesetzt:

“Die einseitige Hervorhebung der Homo‐ und Transsexualität im Unterricht lehnen wir ebenso entschieden ab wie die ideologische Beeinflussung durch das „Gender Mainstreaming“. Das traditionelle Familienbild darf dadurch nicht zerstört werden. Unsere Kinder dürfen in der Schule nicht zum Spielball der sexuellen Neigungen einer lauten Minderheit werden.” (AfD Grundsatzprogrammentwurf, Kapitel 8, S. 39)

Konkreter wurde da der Landesverband Baden-Württemberg in seinem Wahlprogramm:

Nirgendwo gibt es heute noch nennenswerte Diskriminierung Homosexueller und anderer sexueller Minderheiten – und das ist auch gut so. Der grün-rote Kampf gegen die angeblich allgegenwärtige Diskriminierung, der unter der Fahne des „Gender Mainstreaming“ geführt wird, hat die Zerstörung der traditionellen Familie und die Auflösung der geschlechtlichen Identität von Mann und Frau zu seinem eigentlichen Ziel.” (Wahlprogramm der AfD BW, S. 6.)

Diese Haltung ist darüber hinaus nicht das Ergebnis des jüngsten Flügelstreites. Schon 2013 beklagte sich Bernd Lucke, dass Thomas Hitzlsperger sein Coming-Out nicht mit einem „Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind“, abgab. Überhaupt befand Lucke damals, dass er “keinen besonderen Mut mehr darin, sich zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen” sehen würde. Diese Äußerungen stehen nicht nur in einem Widerspruch zu Forschungen wie der Studie „Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen von homosexuellen Jugendlichen in Deutschland“ von 2013 (oder allem, was wir über die Situation von LGBT*-Profifußballer_innen in Deutschland wissen): Sie sehen bereits dann die Gesellschaft, bestehende (cis-)heterosexuelle Familien und die Identitätsentwicklung von Kindern bedroht, wenn sich LGBT* selbstständig outen.

Diese Einigkeit zwischen Lucke und dem radikalen Landesverband Baden-Württemberg zeigt auch deutlich, dass Homosexualität bzw. Familienpolitik schon von Anfang an ein verbindendes Element zwischen den verschiedenen Flügeln innerhalb der AfD war. Jasmin Siri arbeitete u.a. hier überzeugend heraus, dass die Betonung der traditionellen Familie als “Keimzelle der Gesellschaft” und das Feindbild des Gender Mainstreams schon seit Beginn die Familienpolitik der AfD begründet hat. Deshalb kann die AfD auch eine in der Parteienlandschaft bislang unerreichte Netzwerkfunktion innerhalb christlich-evangelikaler Gruppierungen einnehmen und ist daher auch so tief mit den Bildungsplan-Demonstrationen verschränkt. Und das sind eben nicht nur Demonstrationen über Details in der Bildungspolitik: Das sind Demonstrationen, auf denen Homoheiler hofiert, körperliche Selbstbestimmung und Gleichberechtigung regelrecht als Teufelswerk verurteilt und Sprecher von der “Bruderschaft des Weges”, die ihre Homosexualität “aus Gründen der Einsicht oder ihrer christlichen Glaubensüberzeugungen” nicht ausleben, frenetisch beklatscht werden. Um die “Homosexuellen in der AfD” richtig einordnen zu können, müssen wir uns bewusst machen, dass sie in diesem Umfeld ihre politische Arbeit verrichten.

Die “Homosexuellen in der AfD”

“Die Homosexuellen in der AfD sehen sich als Sprachrohr der Bürgerlichen Homosexuellen in Deutschland fernab der linksgrünen und schrillen Töne. Sie wollen durch ruhigere Töne und ohne überzogene Forderungen erreichen, dass aus “falscher Toleranz” auf Dauer eine echte Akzeptanz in Deutschland entsteht.” PM: “Homosexuelle in der AfD stellen sich neu auf” vom 8. Oktober 2014

Die “Homosexuellen in der AfD” existieren seit Mai 2014. Ihre politische Außenkommunikation findet fast ausschließlich über drei Facebook-Seiten statt: Ihre offizielle Facebook-Seite und die beruflichen Seiten ihrer beiden Sprecher Mirko Welsch und Alexander Tassis. Außerdem gibt es noch drei Landesgruppierungen in Thüringen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In ihrer Öffentlichkeitsarbeit bearbeiten die “Homosexuellen in der AfD” vor allem Tagespolitik und Debatten innerhalb der LGBT*-Szene in Deutschland – auch und besonders Debatten um sich selber.

Der tatsächliche inhaltliche Einfluss der “Homosexuellen in der AfD” auf die Partei ist von außen nicht klar einzuschätzen. Der ehemalige Ko-Sprecher Torsten Ilg, der im Zuge des Flügelstreits vor einem Jahr zu den Freien Wählern gewechselt ist, schrieb im Oktober 2015, dass die Arbeitsgruppe keine Bedeutung innerhalb der Partei habe und sie sich lediglich dem rechtskonservativen Flügel um Beatrix von Storch anbiedern würde. Doch selbst wenn dies zutreffen sollte, erfüllen die “Homosexuellen in der AfD” mindestens einen strategischen Zweck: So gab der sachsen-anhaltische AfD-Spitzenkandidat Andreas Poggenburg in einem WDR-Interview an, dass die AfD nichts gegen Homosexuelle habe, sondern im Gegenteil offen für diese sei. Dies begründete er mit der Existenz der “Homosexuellen in der AfD”. 

Aber die “Homosexuellen in der AfD” sind mehr als ein Feigenblatt. Und ein Blick auf ihre Feindbilder schafft dabei Klarheit.

Die LGBT*-Community und ihr Verrat an den bürgerlichen Schwulen

Dieses Bild teilten sie drei Tage nach den Landtagswahlen im März 2016. Zu sehen ist ein Besen, der die Antifa, AfD-Watchblogs, die Grünen und die Arbeitsgruppe DIE LINKE.queer, den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland und die Medien queer.de und Männer nach links wegfegt, während als einzige die “Homosexuellen in der AfD” übrig bleiben. Es steht symbolisch für ihr Verhältnis zu den übrigen LGBT*-politischen Akteur_innen und ihre Sicht auf die politische Landschaft in Deutschland.

Die “Homosexuellen in der AfD” sehen sich als Vertreter_innen einer bürgerlich-konservativ denkenden, schweigenden Mehrheit in der LGBT*-Community. Dabei zweifeln sie offen an der Legitimation von Verbänden wie den CSD e.V.s und dem LSVD und stellen grundsätzlich in Frage, dass deren Arbeit zu einem Mehr an gesellschaftlicher Toleranz führt (“Wer Toleranz und echte Akzeptanz erwartet, weil er mit dem nackten Hintern vom Truck wackelt, hat mit Verlaub einen Sprung in der Schüssel.“). Dabei gehen sie so weit, Verbänden und (linken) Parteien zu unterstellen, dass es ihnen in Wahrheit gar nicht um die Interessen der in Deutschland lebenden LGBT* gehe:

“Diesen linksgrünen Funktionären geht es nicht um die dauerhafte Etablierung Homosexueller in die Gesellschaft. Es geht ihnen nur um die verkrampfte Etablierung ihrer verqueeren Ideologie.” PM: “Hetze gegen David Berger ist beschämend”, 11. Dezember 2014

Auf den ersten Blick wirkt dies, als würden hier wieder Strategie- und Anpassungsdebatten aus der Geschichte der deutschen Homosexuellenbewegungen aufflammen. Magnus Hirschfeld wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Vorwurf konfrontiert, der Bewegung mit seiner expliziten Veröffentlichung “Berlins Drittes Geschlecht” geschadet zu haben, da dort zu viele explizite Schilderungen unter anderem von Straßenprostitution und genderfluiden Personen zu lesen waren. Und als im Juni 1973 bei einer Demonstration der Homosexuellen Aktion Westberlin einige Demonstrant_innen geschminkt und im Fummel teilnahmen, waren bürgerlichere Teilnehmer_innen so entsetzt, dass es zum Tuntenstreit kam: Einer großen Debatte über Normalität, Anpassung und politische Strategie, die die Arbeit der deutschen Schwulenbewegung nachhaltig geprägt hat.

Die “Homosexuellen in der AfD” sind ein Beispiel dafür, dass es eine Gruppe von LGBT* in Deutschland gibt, die sich von der gegenwärtigen Parteienlandschaft nicht vertreten fühlen. Allerdings würden Mitglieder der Lesben- und Schwulenunion dem LSVD oder Grünen wie Linkspartei nicht prinzipiell absprechen, sich ebenfalls um die Belange von LGBT* zu scheren. Im Gegenteil herrscht, unabhängig von politischen Differenzen, nicht selten sogar eine parteiübergreifende, solidarische Grundhaltung. Diesen Konsens lehnen die “Homosexuellen in der AfD” ab. Stattdessen sei die LGBT*-“Community” von Linksradikalen unterwandert, welche den Kampf um Gleichberechtigung nur vorgeben würden um stattdessen niedere Ziele zu verfolgen.

“Die linksgrünen Bildungspläne – wie in Baden-Württemberg – sind kein Hilfsmittel für mehr Toleranz gegenüber Homo- oder Transsexuellen in Deutschland. Sie helfen nur einer Gruppe: Den Pädophilen. Und für Kinderficker möchte ich als Schwuler Mann weder Kopf noch Arsch hinhalten. Genau deshalb bin ich in der AfD und teile nicht mit Volker Beck oder Sebastian Edathy das Parteibuch.” Statement von Mirko Welsch auf der Seite der Homosexuellen in der AfD, 25. November 2015

Hier ist auffallend, dass die “Homosexuellen in der AfD” kurz nach ihrer Gründung noch ganz anders über die Bildungspläne sprachen. Im Oktober 2014 schrieben sie noch, dass sie dazu bekennen, dass das Leitprinzip der Vielfalt behandelt werden sollte und es ihnen lediglich um die Ausgestaltung ginge. Ein Indiz dafür, dass die “Homosexuellen in der AfD” in Folge des Flügelstreites selbst nach Rechts gerutscht sind. Grundsätzlich sind ihre aktuellen Argumente gegen den Bildungsplan nicht nur anschlussfähig an die Diskurse zum Bildungsplan in Baden-Württemberg, sondern auch klassisch rechtspopulistisch. Genauso wie rechtspopulistische Parteien eine Differenz zwischen “Volk” und “Elite” herbeikonstruieren, ziehen die “Homosexuellen in der AfD” eine Linie zwischen “bürgerlichen LGBT*” und einem “korrupten LGBT*-Establishment”, welches die Solidarität aller LGBT* einfordere, diese aber bei der nächsten Gelegenheit verraten würde – eine klassische Dolchstoßerzählung.

Queerfeminismus, Gender Mainstream und Männerfeindlichkeit

Im fließenden Übergang zum Feindbild der LGBT*-Community lehnen die “Homosexuellen in der AfD” klar Queerfeminismus und Gleichberechtigungspolitik ab. Mit folgender Pressemitteilung fassten die “Homosexuellen in der AfD” nicht nur ihre ihre Position dazu zusammen, sondern holten auch damit nach, was ihr ehemaliger Parteichef Lucke bei Hitzlsperger vermisst hatte.

Die vielleicht größte Differenz zur AfD liegt darin, dass die “Homosexuellen in der AfD” grundsätzlich die Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe, auch im Adoptionsrecht, befürworten. Aber sie machen gleichzeitig keinen Hehl daraus, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften immer noch der traditionellen Ehe untergeordnet seien; andere Familienmodelle können höchstens eine “konservative Verstärkung der traditionellen Familie” sein. Darüber hinaus sind sie der Meinung, dass sich LGBT* in Deutschland offen dazu zu bekennen hätten. Weiterhin machen sie nicht wirklich mit konkreten Forderungen zur Verbesserung der rechtlichen Situation von Regenbogenfamilien oder einen vereinfachten Zugang zur Reproduktionsmedizin auf sich aufmerksam.

Im Bezug auf Gleichstellungsmaßnahmen sind sie ziemlich unmissverständlich: Gender Mainstream (ein Schirmbegriff, mit dem Rechtspopulisten alles von einfachen Gleichstellungsmaßnahmen bis hin zu radikal-dekonstruktivistischen Ansätzen der Gendertheorie in einen Topf werfen) wird als “Vergewaltigung der natürlichen Toleranz” bezeichnet, unter deren Flagge “frustrierte Emanzen und linksgrüne Protagonisten” zum Kampf gegen das “männliche Geschlecht” und “gegen die traditionelle Familie aufgerufen” hätten.

In ihrer Ablehnung zu Gleichstellungsprojekten stehen die Homosexuellen in der AfD ihrer Partei und den Bildungsplan-Demonstrationen in nichts nach. Dabei bedienen sie die gleichen stereotypen Verschwörungtheorien, bei denen etwa dem Staat vorgeworfen wird, durch Sexualaufklärung in Wahrheit pädosexuelle Gewalt zu subventionieren oder mittels der Auflösung von Geschlechteridentitäten systematisch (deutsche) Familien zerschlagen zu wollen.

Wichtig ist dabei auch der Vorwurf, dass (Queer-)Feminismus und Gender-Theorie grundsätzlich männerfeindlich sei. Damit greifen die “Homosexuellen in der AfD direkt auf Männlichkeitsdebatten zurück, die nicht nur, aber auch innerhalb der Schwulenszene geführt werden. Geschlechterpolitik stellen sie dabei als etwas dar, was grundsätzlich nicht im Interesse von LGBT* und im besonderen homosexuellen Cis-Männern sein könne, da sie in letzter Konsequenz auch Homosexuelle abschaffen wollen würde. “Gender” und Schwule können dieser Interpretation nach überhaupt nicht miteinander existieren – und in dieser Konfrontation präsentieren sich die “Homosexuellen in der AfD” als ein sicherer Hafen. Dass es viele Vorstellungen von Männlichkeit gibt, die ganz im Gegenteil LGBT*-feindliche Gewalt bedingen, wird dabei nicht erwähnt.

Das schwule Abendland gegen den Islam

„Wenn ich sehe, wie meine Vorgängergeneration noch durch wirkliche tägliche Diskriminierung gelitten hat, dann muss ich mich für diesen Teil meiner Nachfolge-Generation ehrlich gesagt einfach nur schämen.” PM: “Keine rosa Stasi” vom 27. August 2015

Alle gegenwärtigen Fortschritte im Kampf um Anerkennung und Akzeptanz in Ehren: In Sachen LGBT*-Rechten und Antidiskriminierung ist noch viel zu tun. Die “Homosexuellen in der AfD” sehen das anders. Für sie ist ein überwältigender Teil der Arbeit bereits passiert. LGBT*-Feindlichkeit ist für sie kein gesamtgesellschaftliches Problem mehr. Dafür spricht nicht nur obiges Zitat, sondern auch der Umgang mit fragwürdigen Aussagen aus der Partei, denen wenn überhaupt nur “in gewissen Bereichen Nachholbedarf” attestiert oder als “nicht glücklich formuliert” bezeichet werden. Darüber hinaus werden LGBT*-feindliche Aussagen aus dem Umfeld des christlich-evangelikalen Flügels der AfD und der Bildungsplan-Demonstrationen nicht thematisiert.

In dem sie als LGBT* selbst argumentieren, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht mehr wirklich ein Problem mit LGBT* habe, liefern sie nicht nur weitere Argumente gegen den Vorwurf von LGBT*-Feindlichkeit gegenüber der AfD und der Wichtigkeit von Antidiskriminierungsmaßnahmen, sondern sie schieben das Problem der LGBT*-Feindlichkeit einfach nach außen. Und hier kommt der Islam ins Spiel.

Dazu muss kurz erläutert werden, dass sich der westliche Rechtspopulismus seit einiger Zeit den Islam als zentrales Feindbild auserkoren hat. Dabei inszeniert er sich als mutiger Verteidiger der aufgeklärten Gesellschaft und der Menschenrechte gegen einen Islam, der als ethnischer und kultureller Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft und als gewaltätige und totalitäre Ideologie dargestellt wird. Und hier gibt es auch einige schwule Lesarten: So führte der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn 2002 die Tatsache, dass er als geouteter schwuler Mann überhaupt Politiker sein könne, als Beleg für die Überlegenheit der westlichen Gesellschaft gegenüber dem “rückständigen” Islam an und die rechten Schwedendemokraten planten im Sommer 2015 einen eigenen CSD durch ein mehrheitlich von Muslim_innen bewohntes Stadtviertel in Stockholm.

Im Rechtspopulismus kommen dem Islam dabei zwei Aufgaben zu: Die Aufwertung des Eigenen und die Abwertung des Fremden. Aufwertung bedeutet konkret in diesem Fall, dass LGBT*-Freundlichkeit zu einem Grundwert der Aufklärung und Kernelement der christlich-abendländischen Kultur erhöht wird. Dazu muss aber gleichzeitig gegenwärtige LGBT*-Feindlichkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und besonders im christlichen Fundamentalismus klein geredet werden. Abwertung bedeutet hier, dass der Islam als inkompatibel mit der “abendländischen” Gesellschaft aufgebaut und jede_r Muslim_a pauschal unter Verdacht gestellt wird, mit religiösem Fundamentalismus zu sympathisieren und homophob eingestellt zu sein.

Das Feindbild des Islam spielt wieder in die Abgrenzung zum Establishment hinein. Denn Schuld sei die gegenwärtige Einwanderungs- und Religionspolitik, eine Politik der “falschen Toleranz“, die entweder direkt daran arbeitet das Grundgesetz an die Scharia anzupassen oder ihr eigenes Versagen zumindest bewusst verschweigen oder schönreden würde – alles auf Kosten der LGBT*, die zu den Opfern “importierter Intoleranz” erklärt werden. “Importierte Intoleranz” muss dabei genauso verstanden werden wie “importierter Antisemitismus“: Der Versuch, die deutsche Mehrheitsgesellschaft von LGBT*-Diskriminierung und -Gewalt freizusprechen und stattdessen zu suggerieren, dass diese fast nur noch ausschließlich von (muslimischen) Migrant_innen ausgehe.

Die “Homosexuellen in der AfD” interpretieren damit LGBT*-Feindlichkeit nicht als gesellschaftliches, sondern als asyl- und einwanderungspolitisches Thema. Sie greifen bestehende Ängste vor den Folgen eines gesamtgesellschaftlichen Backlashs und dem Verlust liberaler Errungenschaften auf. Dabei lassen sie unter den Tisch fallen, dass der gegenwärtige Backlash maßgeblich durch rechtskonservative Christen mitgetragen wird, um den Islam als einzigartige Bedrohung und damit trojanisches Pferd vorzuschieben. Dabei stellen sie sich außerdem als Tabubrecher_innen dar, welche als einzige noch die LGBT*-Feindlichkeit des Islams in Deutschland offen ansprechen würden.

Schwuler Rechtspopulismus

Die “Homosexuellen in der AfD” inszenieren sich fortwährend als Opfer einer “linksgrünen” Meinungsdiktatur innerhalb der Szene. Gleichzeitig teilen sie LGBT* grundsätzlich danach ein, wie sie zu ihnen stehen und sind dabei nicht zimperlich: Kriss Rudolph, der Chefredakteur des Magazins Männer, wurde nach einem kritischen ArtikelBerliner Kampflesbe” genannt, Feminist_innen sind “frustrierte Emanzen”, LGBT* mit anderen Meinungen in der Asylpolitik “linksgrüne Lemminge” und ganz allgemein wird die “LGBT*-Communty” gerne mal mit “linksgrüne Berufs- und Krawallschwestern” zusammengefasst. Diese Sprache mag zusammen mit ihren Positionen dazu verleiten, sie nicht sonderlich ernst zu nehmen. Inhaltlich mag das vielleicht sogar zutreffen, aber Homosexuelle sind auch nur ein Querschnitt der Gesellschaft; und in einer Gesellschaft, die nach rechts driftet, bleiben auch Minderheiten nicht stehen. Diese Feindbilder zeigen auf, wie sich der Rechtspopulismus in die Debatten gesellschaftlicher Minderheiten einfügt.

Denn keines der Feindbilder ist ein Original. Stattdessen sind es altbekannte Argumentationsmuster des Rechtspopulismus, welche um einen LGBT*-Bezug erweitert wurden. Die Dolchstoßerzählung über die linksgrüne Community erinnert nicht nur an Angstmacherei vor der alles unterwandernden, übermächtigen Homolobby, sondern ist auch eine Übernahme des populistischen Elite-Volk-Schemas, nur dass hier bürgerliche LGBT* an die Stelle des Volkes treten. Die Darstellung von Gender Mainstream als etwas, was Identitäten und die Gesellschaft insgesamt bedroht, wird ergänzt durch ein Bekenntnis zur Überlegenheit der traditionellen Familie sowie des Vorwurfes, Queerfeminismus und Gender-Theorie sei prinzipiell Männer- und Schwulenfeindlichkeit. Und der Vorwurf, der ‘rückständige’ Islam sei grundsätzlich inkompatibel mit dem Westen, wird über die Behauptung einer ihm und seinen Gläubigen innewohnenden LGBT*-Feindlichkeit erweitert und nach Außen geschoben. LGBT*-Feindlichkeit, welche von weißen Europäer_innen und insbesondere fundamentalistischen Christen ausgeht, wird dabei relativiert bis verneint.

Deshalb möchte ich folgende Definition (frei nach Cas Muddes Populismusdefinition von 2004) für schwulen Rechtspopulismus vorschlagen:

Schwuler Rechtspopulismus ist eine Ergänzung zu klassischen Argumentations- und Deutungsmustern des westlichen Rechtspopulismus. Er teilt die Gesamtheit aller LGBT* in zwei Gruppen mit konträren Interessenlagen auf, ein aktivistisches, linksradikales Establishment, welchem eine große Mehrheit von bürgerlichen LGBT* entgegenstünde. Dabei fordert er, dass sich LGBT*-Politik an dem Willen der bürgerlichen LGBT* orientieren sollte. Schwuler Rechtspopulismus gibt dabei an, als einziger politischer Akteur diesen Willen repräsentieren und politisch vertreten zu können.

Der schwule Rechtspopulismus liefert ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie es dem europäischen Rechtspopulismus gelingt, sich einen modernen, aufklärerischen Anstrich zu geben. Er funktioniert dabei als Schnittstelle zwischen rechtspopulistischen Debatten sowie Gruppen auf der einen und LGBT* auf der anderen Seite. Ihre Daseinsberechtigung innerhalb rechtspopulistischer Diskurse erlangen schwule Rechtspopulisten derzeit vor allem dadurch, in dem sie rechtspopulistische Positionen nicht in Frage stellen, etwa in dem sie anti-emanzipatorischen Positionen in der Familien- und Geschlechterpolitik einnehmen oder anti-muslimischen Rassismus bespielen. Dabei erweitert schwuler Rechtspopulismus rechte, identitäre Diskurse um LGBT*-bezogene Themen, macht sie somit mit neuen Wähler_innenschichten kompatibel und trägt dazu bei, den gesamtgesellschaftlichen Diskurs nach rechts zu verschieben.

Vor diesen Dynamiken sind auch LGBT* nicht gefeit. Schwule Rechtspopulisten sind keineswegs “masochistische” Mitläufer, sondern eigenständig handelnde politische Akteure. Wir sind keine Heilige und nicht qua sexueller Orientierung frei von unserer gesellschaftlichen Sozialisation und diskriminierendem Verhalten. Auch unsere Parteienpräferenz ist nicht in Stein gemeißelt. Aber wir sind eine der Minderheiten, deren lang erkämpfte Freiheiten gegenwärtig zur Disposition gestellt werden – von eben auch von jenen Kräften, die vorgeben, uns vor den “grünlinken Männerhasser_innen”, dem “Genderwahn der EU” und “der Einführung der Scharia” beschützen zu wollen. Eines muss uns klar sein: Schwuler Rechtspopulismus instrumentalisiert die Opfer LGBT*-feindlicher Gewalt, um anti-emanzipatorische Positionen in der Szene salonfähig zu machen. Aber unsere Emanzipation kann und wird niemals auf dem Rücken anderer Minderheiten erfolgen können. Deshalb ist es besonders wichtig das Spiel, bei dem uns genau dies vorgemacht werden soll, erkennen und hinterfragen zu können. Denn wenn wir verstehen, wie sich Rechtspopulismus modernisiert, dann können wir auch verstehen, wie man ihm begegnen muss. Und das nicht nur innerhalb der LGBT-Szene, sondern in der gesamten Gesellschaft.

tl;dr

Die “Homosexuellen in der AfD” sind ernstzunehmende Rechtspopulist_innen und bedienen sich klassisch rechtspopulistischen Argumentationsmustern. Dabei ziehen sie eine Linie zwischen allen “bürgerlichen” LGBT* auf der einen und “linksgrünen” Szeneinstitutionen auf der anderen Seite, bekennen sich zur Überlegenheit der heterosexuellen Familie, lehnen Gleichstellungsmaßnahmen und Queerfeminismus als familien- und männerfeindlich ab und sehen den Islam als ewigen Widerspruch zu einem Abendland, in dem LGBT* selbstverständlich nicht diskriminiert werden würden. Sie sind damit die Schnittstelle zwischen LGBT* und rechtspopulistischen Diskursen und Vorfeldarbeiter_innen des gesamtgesellschaftlichen Backlashs gegen die Errungenschaften der sozialen Bewegungen. Dabei stellen sie sich als LGBT* dar, die als einzige Gleichberechtigung unideologisch und mit einem gesunden Menschenverstand betrachten würden, stellen die Legitimation bestehender Interessenvertretungen und Institutionen politisch und moralisch radikal in Frage und inszenieren sich als die Alternative für Deutschlands Homosexuelle. Sie sind damit ein Beispiel dafür, wie sich Rechtspopulismus modernisiert und sich in die Debatten von Minderheiten einpflegt.

15 Gedanken zu “Der rosarote Dolchstoß. Die AfD, ihre LGBT* und der schwule Rechtspopulismus.

  1. Das der Welsch nicht mehr alle Latten am Zaun hat, weiß jeder, der mal 5 Minuten auf seiner FB-Page liest.

    Das er als (angeblich) homosexueller Mann aber nicht den Unterschied zwischen einer Neigung (Pädophilie) und einer Straftat (“Kindesmissbrauch”, wie es laienhaft heißt) kennt und darüber hinaus – als jemand, der Diskriminierung aufgrund sexueller Neigungen eigentlich kennen sollte – Hass gegen Pädophile schürrt, ist eigentlich nur noch traurig.

    Da passt es gut ins Bild, dass die AfD wegen eines Anteils von ~5% Muslimen in der Bevölkerung seit Jahren eine riesen Welle macht, gleichzeitig aber bei einem geschätzten Anteil von 5-10% Homosexuellen in der Bevölkerung behauptet, dass diese Gruppierung zu klein ist, um dafür in der Schule für Aufklärung zu sorgen. Sie sprechen ja sogar von einer “lauten Minderheit”.

    Nichts am Weltbild der AfD ist konsistent – nur der Hass auf Menschen, die anders sind.

  2. Tolle Analyse – macht die Diskurse sehr gut greifbar! Vielen dank für deine Arbeit!

    Muss an das Buch “schwule Nazis” denken, das gut andockt.

    Ich erinnere mich bei der letzten Bundestagswahl, als die FDP aus dem Parlament flog: ich war Abends in der Sauna und verfolgte die Wahl an der bar. Als die Ergebnisse der AfD kamen war man im Raum im Freudentaumel: “die sollen das Parlament mal aufmischen”. Gruselig

  3. Danke für diese Aufarbeitung. Einziger Wermutstropfen: scheint mir doch arg schwul-lastig geworden zu sein. Schade. Dachte erstens, wir hätten das in der aktuellen Bewegung überwunden und zweitens heißt das dann im Umkehrschluss, dass lesbische Frauen sich keine Gedanken machen müssen, weil es ja “nur” schwuler Rechtspopulismus ist, oder wie? Das spielt einer Alice Weidel und dann am Ende der Kette allen Vorstandsmitgliedern der AfD sowie nahestehenden heterosexuellen Personen wie Birgit Kelle sehr in die Karten.

  4. Schwierig ist hier in dem Artikel, dass Lesben wieder unter Homosexuellen ignoriert wird, was in dem Text, der gendert etc nicht den Anschein macht und diese Unsichtbarkeit dadurch noch drastischer wird.
    Die AfD birgt soviele Beispiele, die hier einfach vergessen werden, warum weil die Akteur*innen cis weiblich sind? Sehr schade und macht den Text in gewisserweise noch sexistischer als manche Machos(oder hier die AfD Homosexuellen mit “lasst uns schwule männer sein“), da die sich nicht umbedingt mit queer-feministischen Themen außeinandersetzem mussten und in einer sexistischen Gesellschaft sozialisiert wurden, der Autor macht diesen Anschein aber nicht.
    Wenn es eine schwule Analyse ist, dann machen Sie dies doch bitte auch klar und sprechen Sie nicht von Homosexuellen, sondern machen Sie klar wen Sie meinen.
    Diese Enttäuschung hat es mir fast nicht möglich den Text ohne Wut lesen zu können.

    1. Moin!

      Grund für die “Unsichtbarkeit” von Lesben in diesem Artikel ist, dass die “Homosexuellen in der AfD” eigentlich ein Cis-Männerverein sind. Ihre gesamte Öffentlichkeitsarbeit – die Basis für meine Recherche war – wird von zwei homosexuellen Cis-Männern (Mirko Welsch, Alexander Tassis) getragen. Zwar gibt in der AfD selbstverständlich auch Lesben (Alice Weidel vom AfD Bundesvorstand und Jana Schneider von der Jungen Alternative Thüringen sind zwei Beispiele), aber eine direkte Verbindung zur Bundesinteressengemeinschaft “Homosexuelle in der AfD” ist zumindest nicht auf Funktionärsebene zu beobachten, jedenfalls gab es weder Pressemitteilungen noch Statements die in diese Richtung gedeutet werden können. Deshalb habe ich den Begriff “homosexuell” in meinem Text fast ausschließlich dann verwendet, wenn ich die Bundesinteressengemeinschaft selbst benannt habe und am Ende mit einer Definition von “schwulem Rechtspopulismus” geschlossen. Das erscheint mir im Rahmen von dem, was ich recherchieren konnte, auch deshalb angemessen, als dass die “Homosexuellen in der AfD” ganz konkret an schwule (Männlichkeits-)Diskurse andocken. Eine dezidierte Forschung und Aussage zu den Lesben in der AfD ersetzt das aber definitiv nicht.

      1. Der erste Artikel zum Thema Rechtsruck im LGBT-Milieu. Danke! Da das konservative schwule AfD-Milieu, dessen Hauptstoßrichtung (neben Wirtschaftsliberalismus) Islamophobie ist, ausführlich dargestellt wurde, könnte man vielleicht noch ergänzend hinzufügen:
        1. In Berlin ist sehr wahrscheinlich auch das “Breitbart”-/”Altright”-Milieu vertreten, also Typen wie Milo Yiannopoulos: jung, hip, arty, macht was mit Literatur/Journalism/Tech/Film/Kunst/Kultur, sieht sich selbst nicht als ausländerfeindlich (gehört ja selbst zu den “Internationals”), sondern als kosmopolitisch UND rechts, glaubt, sich – aufgrund des eigenen Minderheitenstatus und zahlreicher Freunde “mit Migrationshintergrund”/aus Israel – durchaus ausländerfeindliche/antisemitische Sprüche leisten zu können (behauptet, das sei “ironisch gemeint”), Hauptstoßrichtung: Wohlstandschauvinismus, Frauenfeindlichkeit – Hang zum “Maskulinismus”, islamfeindlich, eher rechtsliberal als konservativ, teilweise tatsächlich homosexuell, teilweise “questioning”/Homo-Chic, gibt es auch in der weiblichen Variante: Bi-Chic, mondäne Auffassung von Sexualität, bohème-artiger Lifestyle, Überlegenheitsgefühle gegenüber der als kleingeistig, spießig, intolerant und insgesamt eher rückständig aufgefassten” Mehrheitsgesellschaft”
        Natürlich ist dieser Typus nicht grundsätzlich rechts, aber …
        2. der Weltschmerz und der intellektuelle, künstlerisch angehauchte Habitus von Akteuren der sog. “Identitären Bewegung” wie Martin Lichtmesz aka Semlitsch dürfte auch bei Teilen der Kreuzberger queeren-Szene auf Gegenliebe gestoßen sein.
        3. Konkret zu den Frauen: Über den Daumen gepeilt dürften etwa 2 Drittel der Frauen, die sich als lesbisch oder queer definieren eigentlich heterosexuell sein bzw. ein ausschließlich heterosexuelles Vorleben haben. Natürlich ist daran allein nichts “rechts” (oder auch nur anstößig). Allerdings haben diese Frauen meist keine oder nur sehr wenig Diskriminierungserfahrung, stammen in der Hauptsache aus der gebildeten oberen Mittelschicht oder der Oberschicht, sind demzufolge gut ausgebildet, sozial bestens integriert und auch auf dem Arbeitsmarkt nicht marginalisiert. Aufgrund ihres Herkunftsmilieus, des widersprüchlichen Status als Randgruppe, die nicht randständig ist (sondern sogar privilegiert) und dessen, was oft als “Selbstoptimierungsdruck” beschrieben wird und am besten und ehrlichesten in den Kolumnen der Queerfeministin Margarete Stokowski dargestellt ist, können (!) Teile des queerfeministischen Milieus durchaus anfällig für einen Wohlstandschauvinismus à la Sarrazin sein. Hier wäre die Hauptstoßrichtung ein Selbstverständnis als gebildeter=intelligenter/leistungsfähiger, auch sexuell leistungsfähiger/facettenreicher, physisch fitter/körperbewusster und ein Bedürfnis nach Abgrenzung nach unten, also zu den sozialen Aufsteigern (und evtl. Einwanderern mit geringer Bildung, also potentiellen zukünftigen sozialen Aufsteigern, weniger jedoch zu High-Potential-Einwanderern, die als den eigenen Kreisen zugehörig empfunden werden), da diese gefühlt den meisten Druck auf diese jungen Frauen ausüben.
        4. Ein hierarchisches und autoritäres Bild von Mensch und Gesellschaft in Teilen der Transmann-Bewegung, wobei hier sehr wahrscheinlich eine psychosoziale Problematik zum Tragen kommt (ausgeprägte Borderline-Problematik und andere psychische Auffälligkeiten mit vorzugsweise antisozialem Persönlichkeitsprofil , instabiles Selbstbild, das durch autoriäres, vermeintlich “maskulines”, teilweise auch schikanöses Auftreten “von außen” stabilisiert werden soll). Zumindest ist auffällig, wie stark eine sich selbst als feministisch verstehende bewegung versucht, patriarchale Beziehungs- und gesellschaftsstrukturen quasi “nachzubilden”. Die demonstrative Zur-Schau-Stellung von Stärke, auch in physischer Hinsicht, und Dominanz kann (!) jedoch – auch wenn das archaische, partriarchale Männerbild nur “performt” wird – anschlussfähig an rechtsextreme politische Ideologien sein.
        5. Das Querfrontmilieu, zu dem in Berlin nachweislich auch queere/lesbische Frauen Kontakt haben. Eine Verortung als eindeutig rechts ist hier natürlich problematisch, da die Akteure der Querfront sich selbst ja als links verorten – dadurch eben auch der Kontakt zum queerfeministischen Milieu.
        Persönlich denke ich, dass für die Zukunft im rechten bzw. rechtspopulistischen Milieu weniger der eindeutig konservative Typus eine Rolle spielen wird, sondern es mehr um lockere Zusammenschlüsse rechtsliberaler kräfte mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen nach dem Muster der us-amerikanischen “Alt-Right”-Bewegung gehen. Minderheiten sind in dieser neuen Rechten nicht nur integriert, sondern werden teilweise (zB im französischen Front National) im Zuge einer Doppelstrategie sogar bewusst an die vorderste Front geschickt – zum einen, um der Rechten ein modernes, fortschrittlich gesinntes Antlitz zu geben und das liberale Bürgertum anzusprechen und zum anderen, um linke Minderheitendiskurse zu diskreditieren. Das macht es schwer, der neuen Rechten etwas entgegenzusetzen, zumindest, wenn man den Minderheitendiskurs zu sehr in den Vordergrund rückt. ber das muss man natürlich nicht tun.

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